Einfach nur mit ihr reden

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Sie ist eine starke Frau, und ich weiß, dass sie es schaffen wird, da bin ich mir ganz sicher", erklärt Ismet Ganija, der sich im Rentenalter von seinem anstrengenden Beruf als Handwerker erholt. Ein Muslim, der die fünf Säulen des Islam nicht voll erfüllt, der sich aber wegen seiner Frau vorgenommen hat, fünfmal täglich zu beten. Der 78 Jahre alte Mann sitzt auf einem braunen Sessel in einem kleinen Bungalow in Prishtina, der Hauptstadt Kosovos. Die bevölkerungsreichste Stadt ist ein Ort, an dem die Sonne regelmäßig scheint.

Doch für Ismet hat sie einen großen Schatten geworfen. Er erzählt, dass er und seine fünf Jahre jüngere Frau Mona seit 30 Jahren verheiratet sind. Mit ihr hat er die schönsten Momente seines Lebens erlebt und geteilt. Plötzlich kam alles anders. Die kleine Hausfrau mit den dunklen lockigen Haaren stieg in ihren silbernen Mercedes und fuhr die gewohnte Straße zum Supermarkt. Den Zeugenaussagen ist zu entnehmen, dass der rote Sportwagen seine Geschwindigkeit nicht mehr unter Kontrolle hatte und die andere Spur befuhr, als er frontal in ihr Auto krachte. Der Autounfall ging nur für den verantwortlichen jungen Mann gut aus. Mona wurde in die Universitätsklinik eingeliefert: Platzwunden am Kopf, Rippenbrüche, Beckenbruch, Quetschung der Leber und Lunge. Schnell wurde klar, dass die lebensfrohe Frau eine Komapatientin ist. Für ihren Ehemann ein Schock: "Sie wollte nur schnell einkaufen gehen, wenn ich gewusst hätte, dass es das letzte Mal ist, dass wir uns unversehrt wiedersehen, hätte ich . . ." Er bricht ab.

Die Klinik in Prishtina liegt idyllisch, Vögel singen, Schmetterlinge flattern. Doch der Schein trügt. Die Möglichkeiten, ihr und anderen Patienten umfassend helfen zu können, halten sich in Grenzen. Das Land hat den Krieg noch lange nicht überwunden, das macht sich besonders in der Medizin bemerkbar. So fehlt es in Kosovo an medizinisch-technischen Geräten. Daher ist die Auswahl an Medikamenten begrenzt. Eine Dosierung von hochwirksamen Medikamenten kann nur durch Infusionsapparate erfolgen. Man sieht sich aber außerstande, Geräte mit höherer Infusionsgeschwindigkeit zu besorgen. Die in Deutschland lebende Nichte ist Krankenschwester und macht regelmäßig Besorgungen für das Wohl ihrer Tante. Sie schickt die Dinge dann nach Prishtina. Ismet ist erleichtert, dass ihn alle tatkräftig unterstützen. Doch wenn er allein im Krankenhauszimmer ist, wird er von der Stille überwältigt.

Er schildert den ersten Besuch: "Sie sah so leblos aus, und als ich ihre Narben und Flecken bemerkte, schweiften meine Gedanken zum Unfall, und mir schossen unzählige Fragen in den Kopf. Sie war allein im Auto, hatte wahrscheinlich Angst, und ich war nicht da." Der Gedanke macht ihm oft zu schaffen, doch er muss ihn abschalten, denn er glaubt fest daran, dass Mona fühlt, wie es ihm geht. Ismet besucht seine Frau jeden Tag.

Man vernimmt das monotone Surren der Geräte, an denen eine Patientin angeschlossen ist, die künstlich ernährt wird. Ismet stellt einen Stuhl neben ihr Bett. Dann sieht er in ihr Gesicht und erzählt ihr Neuigkeiten, von der Familie und aus der Nachbarschaft. Für ihn ist es sicher, dass sie ihn hört, und manchmal bildet er sich ein, dass sich ihre Lippen zu einem Lächeln verziehen. Ihre Kinder sind erwachsen und haben eigene Familien gegründet. Sie besuchen ihre Mutter regelmäßig.

"Die Patientin nimmt Reize auf und verarbeitet sie, dies ist anhand der Herzfrequenzänderung nachzuweisen", erklärt der Arzt. Für Ismet ein Hoffnungsschimmer, denn für ihn gibt es noch vieles, was er mit seiner Frau erleben möchte. Ein Wunsch wäre, mit ihr auf dem Balkon zu sitzen und zu reden, etwas ganz Banales, sagt er.

Informationen zum Beitrag

Titel
Einfach nur mit ihr reden
Autor
Arteida Ganijaj
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz am Rhein
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2012, Nr. 124, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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