Gerissene Schläuche, platte Reifen, steile Pässe

Genau 671 Kilometer. Das ist die Strecke, die Josef Nuding jedes Jahr mit seinem Rennrad in den Urlaub am Gardasee fährt. Der gelernte Elektriker arbeitet als Hausmeister in einem Einkaufszentrum. Warum reist er nicht mit dem Auto oder Flugzeug in den Urlaub? "Ich mache das aus sportlichem Ehrgeiz und aus Abenteuerlust, aber auch weil ich die Herausforderung brauche", sagt der 56-Jährige.

Vor 30 Jahren fing alles an. Als Nuding erfuhr, dass seine Verletzungen im Knie zu groß sind, um weiter Fußball zu spielen, stieg er auf das Fahrrad um, um fit zu bleiben. 1980 kaufte er sein erstes Rennrad. Sieben Jahre später machte er mit fünf Freunden seine erste große Radtour ins Elsass. Am ersten Tag fuhren sie 200 Kilometer, am nächsten Tag 100 weitere Kilometer. Vor 23 Jahren ging es dann das erste Mal an den Gardasee.

Im vergangenen Jahr fährt er am 8. Juni frühmorgens um 5.35 Uhr von Mögglingen los. Noch vor Heidenheim reißt ihm ein Mantel samt Schlauch im Hinterrad. Nachdem er den Schlauch ausgewechselt und das Rad mit einer geliehenen Pumpe aufgepumpt hat, kann die Fahrt weitergehen. Seine eigene Pumpe hat er übrigens daheim vergessen. Der erste Halt folgt nach 102 Kilometern in Babenhausen. In Erkheim lässt er dann seinen provisorisch aufgefüllten Schlauch bei einer Fahrradwerkstatt aufpumpen. Nachdem er sich auch noch einen neuen Schlauch gekauft hat, muss er wieder ohne Pumpe weiterfahren, da sie keine haben. Kurz nach Günzach folgt die nächste Panne. Es gibt einen Riesenknall. Der 1,74 Meter große Mann bemerkt, dass er wieder einen Plattfuß im Hinterrad hat. Er hat zwar einen neuen Schlauch, doch keine Pumpe. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als sein Fahrrad bis zur nächsten Ortschaft zu schieben. Dort trifft er einen hilfsbereiten Mann an, der ihm mit einer Pumpe aushilft. Endlich findet er in einem Fahrradgeschäft eine passende Pumpe. Als es dann auch noch anfängt, wie aus Kübeln zu schütten, sucht er Unterschlupf in einem Gasthaus in Schattwald, einem Ort im Tannheimer Tal. "Zum Glück war ein Zimmer frei." So geht der erste Tag nach 200 Kilometern Fahrt zu Ende.

Der zweite Tag beginnt um 9.15 Uhr bei leichtem Regen. Der Pass Hahntenjoch in Österreich folgt, und es geht nur steil bergauf. Auf der Passhöhe regnet es stark. Letzte Pause vor dem Timmelsjoch um 15 Uhr, dem Grenzpass zwischen Österreich und Italien. Um 17 Uhr hat es dort vier Grad. Gleich darauf folgt die endlos lange Abfahrt. Um 20 Uhr in Lana, Italien, angekommen, hat er 199 Kilometer hinter sich. Er sitzt an diesem Tag neun Stunden und 40 Minuten auf seinem Fahrrad und ist froh, endlich in der Pension zu sein, in der er schon seit Jahren während seiner Radtour nächtigt.

Der dritte Tag beginnt um 9 Uhr. Er fährt die stark befahrene Straße bei schönem Wetter über Tramin bis nach Mezzocorona. Dann kam der Paganellapass. Bevor er diesen Pass befährt, macht er sich Gedanken, ob er diesen Tag durchstehen wird. Doch er schafft es. Von ganz oben aus geht es nur noch runter bis nach Andalo. Am Zielort in Idro kommt er gegen 18.30 Uhr an. An diesem Tag fährt er 163 Kilometer in 7,43 Stunden.

Am vierten und letzten Tag muss Josef Nuding noch 109 Kilometer um den Gardasee fahren, bis er an seinem Urlaubsort Malcesine ankommt, wo seine Familie auf ihn wartet. Im Gegensatz zu ihm ist sie mit dem Auto gefahren. "Es ist so ein überwältigendes Gefühl, wenn man gerade einen Pass bezwungen hat und oben steht oder wenn man mit dem Fahrrad vor dem Gardasee steht und weiß, dass die meisten mit dem Auto kommen und man selbst mit dem Fahrrad, dann erst wird einem bewusst, was man geleistet hat." Auch in diesem Sommer will er die Tour wieder machen. Allerdings nicht ohne Luftpumpe.

Informationen zum Beitrag

Titel
Gerissene Schläuche, platte Reifen, steile Pässe
Autor
Marcelo Mahal
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2012, Nr. 130, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180