Aufstieg zum Spitzenlokal

Der Weg ist an manchen Stellen kaum sichtbar. Trotzdem sind so viele Wanderer unterwegs, dass man immer weiß, wo er sein müsste. Der Aufstieg ist eher für Schwindelfreie gedacht, denn am Rand des Pfades geht es Hunderte Meter hinunter - oft ohne Geländer. Der Felsweg ist zum Teil steil und mit Steinen bedeckt, die von den vielen Schuhen glattgeschliffen sind, die jeden Tag über sie steigen. So sollte man nicht versuchen, den Berg an regnerischen Tagen zu bezwingen. "Und alle Leute halten sich auch daran. Wenn es schlechtes Wetter ist, machen wir gar nicht erst auf", erklärt Burkhard Eggenberger. Er ist einer der Mitbesitzer des kleinen Restaurants, das oben auf dem Grossen Mythen thront, dem 80 Meter höheren der beiden markanten Felspyramiden im Kanton Schwyz.

Nach der mehrstündigen, anstrengenden Wanderung oben beim Restaurant angekommen, nehmen viele erst einmal einen Schluck Wasser aus der Trinkflasche. Dann gilt es, das Plateau auf dem 1899 Meter hohen Berg zu entdecken. Neben einem großen Felsen mit einer riesigen Schweizer Fahne und dem Restaurant gibt es noch einen kleinen Helikopterlandeplatz und ein Lagerhäuschen. Der Fels ist der höchste Punkt auf dem Grossen Mythen. Viele klettern zur Fahne hinauf und machen ein Foto.

Weniger oft fotografiert werden die merkwürdigen Metallgerüste, die auf der Westseite des Mythen anliegen und aussehen wie lange, breite Leitern mit je zwei Ringen auf der Höhe jeder Stufe. Wie nur wenige Touristen wissen, werden sie am 1. August, dem Nationalfeiertag, so arrangiert, dass sie ein riesiges Kreuz ergeben, und jeder der Ringe wird mit einem Topf voll von brennbarem Material bestückt. Diese werden angezündet. So kann das Kreuz vom Tal aus bestaunt werden.

Von einem der Tische der einsamen Gastwirtschaft kann man an schönen Tagen 20 Kilometer weit bis zum Ende des Zürichsees sehen. Im Westen sieht man neben der Stadt Schwyz die Rütliwiese, wo die Vertreter der drei Waldstätte Uri, Schwyz und Unterwalden den mythischen Geschichten nach vor 720 Jahren die Schweiz begründeten. Auf der anderen Seite fällt der Sihlsee auf, der größte Stausee der Schweiz.

Nachdem der Gast seine Cola getrunken hat, wundert er sich, wie sie überhaupt auf den Berg gekommen ist, denn es gibt keine Straße hinauf. Burkhard Eggenberger, der einer der drei Besitzer des Wirtshauses ist und schon in seiner Jugend von einem Restaurant geträumt hat, erklärt: Ein Großteil der Waren wird per Helikopter hinaufgeflogen. Weil das extrem teuer ist, legt Eggenberger selbst oft Hand an. Zu dritt tragen sie im Jahr bis zu sechs Tonnen die 500 Meter von der Bergstation Holzegg hinauf. Dafür brauchen sie rund 90 Minuten.

Herausforderungen wie diese liebt er. Es ist kein Kinderspiel, Älpler-Makkaroni und Chocomousse anzubieten ohne Anbindung ans Strom- oder Wassernetz. Das Haus muss für sich selbst sorgen. Strom wird mit Solarpanels und Windrädern auf dem Dach produziert und in Akkus gespeichert, für den Fall, dass die Sonne mal nicht scheint. Das Trink- und Kochwasser ist nichts anderes als Niederschlag, der aufs Dach fällt, in Tanks gelagert und zu Trinkwasserqualität aufbereitet wird. Geheizt wird mit Holz, so ist die Hütte selbstversorgend und umweltfreundlich.

Einen Haken gibt es: Das Geschäft ist stark vom Wetter abhängig. "Wenn schlechtes Wetter ist, kommt niemand, und wenn es zu lange schön sonnig ist, leeren sich die Tanks und das Wasser muss unter extremem Kostenaufwand per Helikopter hinaufgeflogen werden, aber das macht meine Arbeit so spannend", sagt der Wirt. "Das Einzige, was mich nervt, sind diese Touristen, die mit Badelatschen den Berg besteigen. Die gehören nicht hierhin."

Informationen zum Beitrag

Titel
Aufstieg zum Spitzenlokal
Autor
David Kiwic
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2012, Nr. 130, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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