Mit Heugabel und Harke am Steilhang

Sie haben sich freiwillig zur harten Landarbeit gemeldet und nennen es Urlaub. Zwei junge Rheinländerinnen arbeiten in Südtirol auf dem Bergbauernhof und erfreuen sich an einer neuen Welt.

Um acht Uhr auf dem Himbeerfeld. Heute werden Planen ausgerollt und auf beiden Seiten alle 1,2 Meter mit Plaketten versehen, um sie später über die 132 Meter langen Himbeerreihen als Hagelschutz zu montieren. Diese eintönige Arbeit strapaziert den Rücken, aber das gute Wetter sowie der Anblick der teils schneebedeckten Berge ringsum gleichen das wieder aus. Nathalie und Katharina Friese, zwei junge Langenfelderinnen, aus der Nähe von Köln, verbringen zwei Wochen ihrer Sommerferien auf einem Bergbauernhof in Südtirol, um mit anzupacken, wo Hilfe benötigt wird. Auch die Heuernte mit Heugabel und Harke am Steilhang steht diese Woche auf dem Programm. "Die Gegend ist einfach superschön, die Leute sind total nett, und das Arbeiten nimmt man auch nicht als solches wahr", sagt die 17-jährige Nathalie über ihren "Urlaub" am Fuße des Stilfser Jochs. Der lockere, herzliche Umgang miteinander wie auch die körperlich fordernde, einfache Arbeit stehen im starken Kontrast zum stressigen Schulalltag und geben einen Einblick in ein komplett anderes Leben. "Billiger kann man eigentlich nicht Urlaub machen, außerdem wird es nie langweilig", ergänzt die 18 Jahre alte Katharina.

Wie kommt man an einen Hof? Vor elf Jahr gründeten vier Trägerorganisationen den Verein Freiwillige Arbeitseinsätze, der ehrenamtliche Helfer an Bergbauernhöfe vermittelt, die in eine Notlage geraten sind und dringend Unterstützung benötigen, um ihre Existenz sichern zu können. Gleichzeitig ermöglicht er es Menschen aus der Stadt, das Leben der Bergbauern hautnah zu erfahren.

Nach der einstündigen Mittagspause, in der alle gemeinsam auf dem Hof zu Mittag essen, wird mit der Hebebühne zwischen den Himbeerreihen durchgefahren, um die präparierten Planen zu montieren. Anfang und Ende der Plane sowie die Oberseite werden an dem bereits gespannten Drahtseil mit Hilfe der Plaketten fest verschraubt. An der Unterseite muss jede einzelne Plakette in das dicke Gummiseil eingehängt werden, was nach kurzer Zeit an den Händen schmerzt. Bis zum Feierabend gegen 18 Uhr schafft die sechsköpfige Mannschaft es, drei Reihen mit Planen zu versehen.

Die Felder des Bauern liegen weit verteilt und bis zu sechs Kilometer vom Hofe entfernt. Vor zwei Jahren erst pflanzte der Bauer die Himbeeren auf dem im Tal liegenden Feld und nahm dafür einen hohen Kredit auf. Zudem liegt der vor sechs Jahren gekaufte Hof, der zum Teil noch einer Baustelle gleicht, einige Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Der Bauer und seine Frau, die in der nächsten Stadt in einer Wäscherei arbeitet, bekamen die anfallende Arbeit auf den Heu- und Himbeerfeldern nicht bewältigt, und Geld für genügend Arbeiter ist auch nicht da.

Deshalb wandte sich das junge Ehepaar Anfang des Jahres verzweifelt an den Verein Freiwillige Arbeitseinsätze und hat seit Anfang Juli fast durchgehend engagierte Helfer. Der Bauer ist von dem Konzept begeistert: "Des isch echt a guate Soche, beide Seiten profitieren. Die Bauern habm billige Orbetskräfte und für die Helfour ischt's wie Ourlaub."

Die Begeisterung auf beiden Seiten ist so groß, dass jetzt schon Pläne für die nächsten Ferien geschmiedet werden und Nathalie und Katharina im Winter eingeladen sind, dort ihren Skiurlaub zu verbringen.

Auf dem Hof angekommen, wird erst mal der Arbeitsdreck abgeduscht. Dann ziehen sich die beiden Helferinnen saubere Klamotten an, um nach dem Abendessen mit dem Bauern auf das Countryfest zu gehen, zu dem die Leute des gesamten Tals kommen. Für die Rheinländerinnen, die aus Köln andere Dimensionen gewöhnt sind, ist es nicht größer als ein Dorffest.

Am Sonntag wird auf diesem Hof nicht gearbeitet. Morgens machen sich die beiden jungen Frauen auf den Weg zum Paragleiten. Katharina ist als Erstes mit dem Tandemflug dran. Auf dem Startberg angekommen, wird der Sicherheitsgurt angelegt, der Schirm ausgebreitet und am Gurt befestigt. Der erfahrene Flieger gibt noch ein paar Sicherheitsanweisungen, und dann geht es schon los. "Der Start ist am schlimmsten, wenn man den Abhang runter läuft und der Klippe entgegen sprintet", berichtet Katharina. Unter blauem Himmel gleitet der Schirm langsam zwischen den bewaldeten Bergen ins Tal hinunter. Nach ungefähr zehn Minuten ist der Flug auch schon zu Ende, und Nathalie ist an der Reihe.

Nachmittags werden die beiden von zwei neu gewonnenen Südtiroler Freunden abgeholt, mit denen sie es sich unter einer Trauerweide an einem kleinen Teich gemütlich machen, bevor es am nächsten Morgen wieder an die Arbeit geht. Nathalie und Katharina fällt es schwer, die beiden Einheimischen zu verstehen, wenn diese untereinander Dialekt reden. "Das ist total komisch, Jugendliche in unserem Alter Dialekt sprechen zu hören, bei uns sprechen ja nur noch alte Leute irgendwelche Dialekte", amüsiert sich Nathalie. Mit der Zeit verstehen die beiden Langenfelderinnen aber immer mehr Südtirolerisch und bekommen auch einige lustige Wörter beigebracht. "Mein Lieblingswort ist Friedhofsjodler für Raucherhusten", lacht Katharina.

Nachdem die Sonne schon längst hinter den Bergen verschwunden ist, treffen die beiden in der gemütlichen, kaminbeheizten Stube ein und gehen bald schlafen, um am nächsten Tag ausgeschlafen in die zweite Arbeitswoche zu starten. Auch diese Woche vergeht wie im Flug, und früher als ihnen lieb ist befinden sich die beiden schon wieder im Zug auf dem Weg ins flache Rheinland. Braungebrannt und voller neuer Eindrücke wie auch Lebenserfahrungen, werfen sie letzte Blicke auf die Bergidylle. Auf Wiedersehen, Südtirol, bis Weihnachten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Heugabel und Harke am Steilhang
Autor
Katharina Friese
Schule
Werner-Heisenberg-Gymnasium , Leverkusen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.2012, Nr. 130, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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