Den Block zum Gegner machen

Daniel klettert ohne Seil und Gurt in Absprunghöhe an einem Felsblock. Bouldern heißt der Sport, den immer mehr Menschen ausüben. Ursprünglich sollte er auf das Klettern im Hochgebirge vorbereiten. Daniel Hrozek greift noch einmal in den Magnesiabeutel und bestäubt seine Finger, er fixiert den ersten Griff, geht im Kopf noch einmal alle Bewegungen durch, vom ersten bis zum letzten Zug. Erst dann tritt er näher an die Wand, und seine Finger umschließen den ersten Plastikgriff. Jetzt ist sein Körper völlig angespannt, jede einzelne Muskelfaser an seinen Unterarmen scheint zu zerreißen. Den nächsten Griff hat er richtig erwischt, auch die weiteren Züge stellen keine große Schwierigkeit dar, dynamisch springt er mit beiden Händen von der Wand und erreicht sicher den Zielhenkel in drei Meter Höhe. Das, was Daniel hier macht, nennen die Kletterer "Bouldern". Bouldern leitet sich vom englischen Wort für Felsblock ab und bezeichnet das Klettern ohne Seil und Klettergurt in Absprunghöhe, gesichert durch am Boden liegende Matten, sogenannte "Crashpads". Sowohl am Fels als auch an künstlichen Strukturen in der Halle erlebt Bouldern weltweit eine rasante Entwicklung. "Das Besondere beim Bouldern ist, dass die zu lösenden Probleme auf eine geringere Anzahl von Zügen reduziert sind", sagt Daniel Hrozek. "Beim Klettern am Seil hast du eine große Wand vor dir, beim Bouldern nur einen Felsblock, dieser liefert dir aber schon oft viel schwerere und komplexere Bewegungen. Für die Boulderpioniere zählte schon zu den Anfängen des Sports, Boulder mit möglichst schweren Einzel- und Startzügen zu erschließen, so entwickelten sich schnell immer anspruchsvollere Probleme." Der 28-Jährige studiert technologie- und managementorientierte BWL an der Technischen Universität in München und praktiziert seit vielen Jahren Bouldering und Klettern. Außerdem arbeitet der Student nebenbei noch beim Deutschen Alpenverein (DAV) in München. Dort ist er Trainer der Jugend des Bayernkaders in Sport- und Wettkampfklettern. Der Ursprung des Boulderns liegt in Fontainebleau, einem Ort in Frankreich rund 60 Kilometer südlich von Paris. Bereits um 1900 bestiegen einheimische Kletterer dort die Sandsteinblöcke, die im gesamten weitläufigen Wald verstreut sind. Aus diesen Anfängen stammt auch die Bewertungsskala, die heute noch auf der ganzen Welt dafür benutzt wird, Probleme nach einer gewissen Norm fair zu bewerten. "Das Bouldern prägte das herkömmliche Klettern im Alpinstil an großen Bergen maßgebend. Anfangs wurde es zu Trainingszwecken genutzt, um für das Klettern im Hochgebirge zu üben. Mit der Zeit etablierte sich dieses Training jedoch als eigene Sportart, zudem kann man sagen, dass das Bouldern das Sportklettern fördert, da die speziellen Bewegungen isoliert geklettert und dann erst auf die großen Wände am Seil übertragen werden." Laut Philipp Lennartz, Sportstudent aus München und ebenfalls Felssportler und DAV-Klettertrainer, stellt das Bouldern die beste Möglichkeit dar, sich mit dem Klettern vertraut zu machen: "Viele Menschen leiden unter Höhenangst, oft trauen sie sich daher nicht, am Seil in die Höhe zu steigen. Besonders für diese Personen eignet sich das Bouldern, um sich dem Sport zu nähern; bei geringer Sturzhöhe können hier Bewegungen optimal und angstfrei ausgeführt werden." Der 26-Jährige schwärmt: "Auch Kinder finden leicht Zugang zu dieser Spielweise des Kletterns, da man nicht auf sich allein gestellt ist, sondern mit Freunden zusammen Lösungen für die Probleme finden muss. Das hat schon fast Teamsportcharakter. Zudem ist Bouldern ein minimalistischer Sport, man benötigt keine besondere Ausrüstung, nur ein Paar Kletterschuhe und Magnesium sowie natürlich eine Menge Motivation und Spaß an Bewegung." Beide Kletterer sind sich einig, dass sich das Bouldern noch weiterentwickeln und sich noch größerer Bekanntheit erfreuen wird. Dies entdeckten auch schon Veranstalter von Sportmessen wie der Ispo oder der Outdoor Messe f.r.e.e. Boulderwettkämpfe gehören hier zum Programm und sind jedes Jahr eine Attraktion. Für viele ist Bouldern der perfekte Zuschauersport, das Publikum kann im Gegensatz zum normalen Sportklettern die Athleten näher und genauer betrachten. Die Bewegungen sind außerdem spektakulärer, besonders Sprünge oder Techniken, die zu außergewöhnlichen Körperpositionen führen, beeindrucken. Zu sehen ist das auch an den überall entstehenden Kletterhallen in ganz Deutschland. In München wird diesen Sommer sogar die größte Boulderhalle eröffnet, die es bisher auf der Welt geben soll. "Für mich ist Bouldern einfach nur gut", sagt Daniel, "es ist der Sport, der meinem Körper und meiner Psyche alles abverlangt. Außerdem macht es einfach wahnsinnig Spaß und richtig süchtig."

Informationen zum Beitrag

Titel
Den Block zum Gegner machen
Autor
Lorenz Ulmer Elsa-Brändström-Gymnasium, München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2010, Nr. 166 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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