Schreie in der Nacht

Das Kind leidet unter Pavor Nocturnus, ist zugleich in einem Schlaf- und Wachzustand. Die Eltern sind verstört.

Es ist mitten in der Nacht in dem kleinen Ort in Baden-Württemberg. Alles schläft friedlich. Plötzlich erklingt aus dem Nichts ein gellender Schrei. Ein Kind geistert in panischer Angst mit weit aufgerissenen Augen durchs Haus. Es scheint wach zu sein, doch die herbeieilenden Eltern erkennt es nicht, und alle Versuche der Beruhigung scheinen vergebens. Das Kind gibt zusammenhanglose Sätze von sich und versinkt immer tiefer in seiner Angst.

Würde diese Szene mit einer Kamera aufgenommen, so hätte sie gute Chancen, Teil eines Horrorfilms zu werden. Elisabeth und Thomas (alle Namen geändert) können sich noch gut an die Zeit erinnern, als diese Anwandlungen bei ihrer damals fünfjährigen Tochter Nadine begannen. "Als es die ersten Male auftrat, waren wir sehr schockiert über Nadines Verhalten und versuchten, sie mit allen Mitteln aufzuwecken, damit sie wieder zu sich kommt. Aber das war sehr schwierig - sie schien sogar immer tiefer in ihrer Welt zu versinken. Am schlimmsten waren ihre weit aufgerissenen Augen", berichtet die Mutter. Während der Phase des Wandelns versuchten die besorgten Eltern, herauszufinden, was ihrer Tochter solche Angst einflößte. Sie fragten sie nach ihren Träumen und ließen sie Bilder malen, konnten mit den wirren Antworten aber nichts anfangen. Ein Arzt verschrieb ihnen ein leichtes Schlafmittel fürs Kind, das sie einige Wochen anwendeten - ohne Erfolg. Auch homöopathische Arzneimittel zeigten keine Wirkung. Als das nächtliche Wandeln, das in der Regel pünktlich eine Stunde nach dem Einschlafen auftrat, nach mehreren Monaten nicht verschwand, recherchierte das Ehepaar in Fachbüchern. Sie erfuhren, dass diese Form der Schlafstörung unter dem Namen "Pavor nocturnus" oder auch "Nachtschreck" bekannt ist.

Der Nachtschreck wird, ebenso wie Schlafwandel und Schlaftrunkenheit, nach der "International Classification of Sleep Disorders/ICSD-2" zu der Gruppe der Parasomnien gezählt. Das Bewusstsein der Wandler ist dabei verändert. Sie befinden sich sozusagen gleichzeitig in einem Schlaf- und Wachzustand. "Schlafwandler verhalten sich so, als ob sie wach wären, die Gehirnströme zeigen aber, dass sich die betroffene Person im Tiefschlaf befindet", erklärt Oberarzt Heinrich Wenz, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Thoraxklinik Heidelberg. "Ursächlich für das häufige Auftreten im Kindesalter wird eine noch nicht abgeschlossene Reifung des Gehirns angenommen, in der Regel verlieren sich die Episoden mit dem Eintritt in die Pubertät." Seltener können auch erwachsene Menschen an Nachtschreck leiden. Er wird zum Beispiel durch Schichtarbeit, Schlafentzug oder Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch hervorgerufen.

Thomas und Elisabeth erfuhren, dass Abwarten und Beruhigen das beste Heilmittel ist. Sie nahmen ihre Tochter während der Phasen fest in den Arm, streichelten sie und redeten ihr mit ruhiger Stimme gut zu. Elisabeth sagt, dass alltägliche Gewohnheiten, wie Händewaschen oder sie auf die Toilette setzen, ihrer Tochter geholfen hätten, sich zu beruhigen. Nach spätestens zwanzig Minuten sei sie ruhiger geworden und habe weiterschlafen können. "Zu vermeiden ist ein unbeherrschtes Auftreten wie heftiges Wecken oder Anschreien der durch den Schlafwandler oder Nachtschrecker geweckten Personen", betont auch Markus Specht, leitender Psychologe des Schlaflabors Hofheim. "Das oft aggressive und abwehrende Handeln bei Aufweckversuchen kann zu Selbst- und Fremdverletzungen führen."

Nach mehr als drei Jahren, in denen der Nachtschreck fast jeden Abend eintrat, wurde Nadines Schlaf allmählich ruhiger. Zum "Nachtschrecker" wurde sie dann vor allem, wenn die tägliche Routine unterbrochen wurde, wie etwa im Urlaub, bei Festen und vor allem bei Krankheit. Mittlerweile ist Nadine 19 Jahre alt und seit ihrem elften Lebensjahr frei von Nachtschreck. Sie hat noch einige Erinnerungen an diese schwierige Phase. "Ich habe mich immer vor dem Gefühl gefürchtet, das zusammen mit dem Nachtschreck auftauchte und auch nach dem Aufwachen noch anhielt. Ich weiß noch, dass ich mich immer davor fürchtete, von meiner Decke erdrückt zu werden und hatte Panik, weil alles so wirr war. Ich träumte von Autoreifen oder dass ich etwas kaufen musste - alles war total zusammenhanglos. Ich realisierte selten, dass noch jemand bei mir war." Dieses Gefühl ließ dann nach, wenn Nadine lange im Arm gehalten wurde.

Auch heute noch wird sie in manchen Nächten von einem ähnlichen Gefühl heimgesucht: "Es ist jetzt aber lange nicht mehr so schlimm wie früher. Ich konzentriere mich einfach auf etwas anderes." Von den Sorgen ihrer Eltern hat sie nie etwas mitbekommen, und darüber ist sie sehr froh. "Wir wollten nicht, dass sie das Gefühl bekommt, unnormal zu sein", erklären die Eltern. "Mittlerweile ist uns klar, dass der Nachtschreck uns viel mehr belastet hat als unsere Tochter. Wir selbst hätten eigentlich den Doktor gebraucht." Eine schockierende Erfahrung machten die Eltern, als sie erfuhren, dass sie von ihren Nachbarn über längere Zeit beobachtet worden waren. "Wegen der lauten nächtlichen Schreie hatten die Nachbarn uns in Verdacht, unser Kind zu misshandeln." Dagegen sprach aber der herzliche Familienkontakt tagsüber.

Natürlich hatten die Eltern Angst vor Spätfolgen. Psychologe Specht beruhigt: "Nachtschreck ist in der Regel ungefährlich und führt nicht direkt zu irgendwelchen Schädigungen in Bezug auf die psychische oder physische Ebene." Nadines zwei Geschwister haben die Krankheit nicht, obwohl die Veranlagung, anfällig für Pavor nocturnus oder Schlafwandel zu sein, vererbt werden kann.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schreie in der Nacht
Autor
Yvonne Deurer
Schule
Gymnasium Karlsbad , Karlsbad
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2012, Nr. 135, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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