Viele schämen sich zutiefst, wenn sie zugenommen haben

Verdammt, ich will diese Nuss nicht essen. Ich kann das nicht. Wollt ihr mich etwa mästen oder was?" Wutentbrannt springt die Sitznachbarin von ihrem Stuhl auf und stürmt aus dem Speisesaal. Tränen der Verzweiflung in den Augen. Kira (Name geändert) schaut ihr fassungslos hinterher und mustert die anderen Mädchen an Tisch drei, wo alle Neuankömmlinge sitzen. Sehr dünne bis äußerst abgemagerte junge Frauen, die unsicher in ihrem Essen herumstochern. Durch die wachsamen Blicke der Betreuer werden sie gezwungen, ihr Abendbrot aufzuessen, also schieben sie es sich widerwillig zwischen ihre hohlwangigen Kiefer. Dabei gelingt es einigen, unauffällig einen Bissen in die Serviette zu spucken und unter dem Tisch verschwinden zu lassen. In Kiras Kopf hämmert unentwegt nur ein Gedanke: "O Gott, wo bin ich hier gelandet? Hier gehöre ich doch überhaupt nicht her."

Beim Schildern ihrer ersten Mahlzeit in der Klinik Lüneburger Heide, einem Kompetenzzentrum für Essstörungen und ADHS, weiten sich Kiras hellblaue Augen, und sie fährt sich mit der Hand durch das lange blonde Haar. Zweimal war die inzwischen 19-jährige Abiturientin aus Lüneburg in der Klinik in Bad Bevensen. "Das erste Mal bin ich im Herbst 2009 dort gewesen, das war kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag. Ich wurde von meiner Mutter dazu gezwungen." Aus Sorge um ihre Tochter hatte Kiras Mutter ein Beratungsgespräch mit den Ärzten der Klinik arrangiert. Die Diagnose: Anorexie, Magersucht. Kira sollte gleich dortbleiben. Es war ein Schock für sie, vor allem, weil sie sicher war, vollkommen gesund zu sein. "Ich war so unglaublich wütend auf meine Mutter. Ich habe es ihr lange Zeit wirklich übel genommen, dass sie mich dorthin geschickt hat."

Dabei hatte Kira ihr Leben zu einem einzigen Leistungssport gemacht: "Dreimal die Woche Ballett, zwischendurch Fitnessstudio, Pilates, zusätzliches Training zu Hause, und ich bin laufen gegangen. Jeden Tag." Das klingt nach einer Art Sportsucht. Hinzu kommt, dass Kira, weil sie sowieso noch nie viel gegessen hatte, immer öfter von ihren Eltern gedrängt wurde, mehr zu sich zu nehmen. Bei gemeinsamen Mahlzeiten waren heftige Streitereien an der Tagesordnung. "Essen hat für mich noch nie eine primäre Rolle gespielt. Ich kann es eigentlich fast nur mit negativen Ereignissen in Verbindung bringen. Auch wenn ich Hunger habe: Andere Dinge sind erst mal wichtiger. Vor allem wenn es mir schlecht geht oder ich genervt bin." Manche Leute essen bei Problemen aus Frust mehr als sonst, bei Kira ist es umgekehrt.

Das hatte Folgen. Bei einer Größe von 1,79 Meter, 51 Kilogramm und einem Body-Mass-Index von 15 musste sie in die Klinik, denn unterhalb eines BMI von 17,5 wird man als magersüchtig eingestuft. An ihrem ersten Tag wird sie von einem Mädchen angesprochen, das sich gern ein Zimmer mit ihr teilen will. Sie heißt Julie und ist ebenfalls überzeugt, sie gehöre nicht in die Klinik, obwohl sie sich sogar noch tiefer im Untergewichtsbereich befindet. Als Kira mehrmals versteckte Schokoriegel unter Julies Bett findet, die Julie eigentlich hätte essen müssen, wird ihr allmählich bewusst, dass sie sich zu sehr von ihr beeinflussen lässt. Endlich lässt sie sich auf die Therapie ein, sie kann nicht länger verdrängen, dass es ihr absolut nicht gutgeht. Bereits Wochen zuvor litt sie immer häufiger an Depressionen. "Ich hab nur noch zu Hause gehockt, gelernt und nichts mehr mit Freunden unternommen. Auch war ich ständig schlechtgelaunt. Und ich habe zwar fast nichts mehr gegessen, aber mit Kalorientabellen und so weiter habe ich mich erst in der Klinik befasst."

Dort erfährt Kira von zerrütteten Familien, Missbrauch und anderen Dingen, ist darüber fassungslos. Selbst will sie deshalb nichts zum Gruppengespräch beisteuern. Auch die Einzeltherapie-Sitzungen mehrmals in der Woche fand sie schrecklich, ihre Therapeutin habe ihr jedes Wort im Munde umgedreht: "Zu meiner Basistherapeutin hatte ich nie einen Draht. Ich hab diese Frau so gehasst. Egal was man gesagt hat: Sie kam immer wieder zu der Aussage: ,Du bist wirklich sehr, sehr krank." Obwohl diese beiden Therapieformen im Mittelpunkt des Klinikkonzepts stehen, merkt Kira im Laufe der Zeit, dass andere Dinge ihr mehr helfen. Sie knüpft neue Freundschaften, die bis heute halten, und findet Gefallen an der Kunsttherapie, wo Gefühle in Bildern ausgedrückt werden. "Man hat in der Klinik teils Sachen gemacht, die man im normalen Leben niemals machen würde - viele von uns haben angefangen zu stricken. Einfach damit man irgendetwas zu tun hatte, während man sich von Essen zu Essen gehangelt hat."

Am schlimmsten sind für Kira die fünf Mahlzeiten am Tag. Sie muss täglich 2100 Kalorien aufnehmen, um wieder zuzunehmen. Genau wird kontrolliert und vorgegeben, was, wann und sogar wie sie essen soll. Ob die Mädchen tatsächlich zunehmen, wird beim wöchentlichen Wiegetag überprüft. Alle sitzen im Kreis und müssen ihr Gewicht bekanntgeben. Viele schämen sich zutiefst, wenn sie zugenommen haben, und fürchten, dass sie ihre Kalorienzufuhr erhöhen müssen, wenn ihr Gewicht unverändert ist. "Beim Wiegetag ist immer irgendwer heulend rausgerannt, und es gab oft heftige Auseinandersetzungen zwischen Patientinnen und Therapeuten."

Als eine 28 Jahre alte Frau mit einem Body-Mass-Index von 9 in die Klinik kommt, sind die Mädchen entsetzt: Das Gesicht wie ein Totenschädel mit Haut überzogen, sitzt sie im Rollstuhl. "Lena hatte die Krankheit schon 16 Jahre, bevor ich sie kennengelernt habe. Letztes Jahr im August ist sie verstorben. Das hat mich sehr getroffen, ich hab so viel Zeit mit ihr zusammen verbracht, jeden Abend GZSZ mit ihr angeschaut. Ich weiß noch, wie sehr sie sich vorgenommen hat, ihre Magersucht endlich zu besiegen." Doch Kira weiß selbst, dass es fast unmöglich ist, die Krankheit jemals vollständig loszuwerden. Im Mai 2011 ist sie ein zweites Mal in die Klinik gegangen - freiwillig, weil sie gemerkt hat, dass sie wieder abzurutschen drohte. Von Anfang an geht sie nun viel offener an die Therapien heran, darf sogar einmal die Woche am Tanzkurs teilnehmen. Bedingung: Sie muss vorher einen "Tanzriegel" essen. So nennen die Mädchen die Schokoriegel, die sie essen müssen, wenn sie Sport machen wollen. Schon nach drei Wochen darf Kira die Klinik verlassen. Beim ersten Aufenthalt waren es vier Monate, bis sie nach vielen Therapiestunden und 59 Kilogramm Normalgewicht wieder nach Hause durfte.

Dennoch muss Kira aufpassen, nicht rückfällig zu werden. Es gibt Situationen, in denen sie merkt, dass es kritisch wird. Der Auslöser kann alles Mögliche sein, etwa Streit mit der Familie, Freunden oder ihrem Freund. Das größte Problem ist ihre extreme Unsicherheit: "Es gab echt Zeiten, da konnte ich mit meinem Freund nicht mal in die Stadt oder ins Kino gehen. Immer hab ich nur gedacht: ,Jeder hier fragt sich jetzt bestimmt, wie so ein toller Typ eine Freundin wie mich haben kann. Alle anderen sind doch viel hübscher und besser.' Ich weiß, wie bescheuert das klingt, aber ich kann das einfach nicht abstellen." In ihrer ersten ambulanten Therapiestunde sollte sie drei ihrer Schwächen und drei Stärken nennen. "Ich konnte ihr sofort mindestens zwanzig Schwächen aufzählen, aber keine einzige Stärke." Kann sie denn jetzt eine nennen? Sie grübelt und lächelt: "Ich denke, dass man sich auf jeden Fall auf mich verlassen kann und ich immer für meine Freunde da bin. Sonst fällt mir nichts ein. Aber daran arbeite ich noch."

Informationen zum Beitrag

Titel
Viele schämen sich zutiefst, wenn sie zugenommen haben
Autor
Yasmin Al-Rawaschdeh
Schule
Gymnasium Oedeme , Lüneburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2012, Nr. 135, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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