Schock der Dunkelheit

Leute, ihr braucht wirklich keine Angst zu haben!" Gruppenführerin Serpil Ulutas, Aushilfe im Dialogmuseum in Frankfurt am Main, beruhtig ein Mädchen. Die Sanftheit ihrer Stimme ist das einzige Mittel, mit dem Ulutas das Mädchen vom Schock der Dunkelheit beruhigen kann. Denn in der völligen Dunkelheit im Inneren des Museums ist die Stimme das Einzige, was man von den anderen mitkriegt. In Gruppen von bis zu zehn Personen stützt man sich auf den Dialog, um in den anderthalb Stunden miteinander klarzukommen. Für das Mädchen offenbar nicht genug, denn zwei Minuten, nachdem sie sich in die Dunkelheit begeben hat, will sie wieder hinaus. Ihre zwei Freundinnen folgen ihr.

"Haltet euch an der linken Wand, und lauft dann weiter bis zur zweiten Ecke", rät Ulutas den übrigen fünf, als sie sie in den ersten Museumssaal führt. "Da helf ich euch dann weiter." Als der Erste der Gruppe ankommt, sich langsam, die linke Hand an der Wand, mit dem Blindenstock in der rechten vortastend, ist Ulutas längst da. Von einer Blinden, die die Räume zigmal durchlaufen hat, ist das wohl zu erwarten, aber dennoch beeindruckend. "Ich bin nicht vollkommen blind, kann noch zwei Prozent sehen", korrigiert sie. "Das heißt, bei einer Ampel auf einer gegenüberliegenden Straße, kann ich Rot von Grün nicht unterscheiden." Eine angeborene Retinitis pigmentosa habe ihr Sehvermögen im Lauf der Jahre verschlimmert.

Um im Dialogmuseum - in dem man übrigens auch essen kann - als Gruppenführer arbeiten zu dürfen, muss man blind oder sehbehindert sein. "Vorsicht mit deiner Spiegelhand, du!", beschwert Ulutas sich lustig, als ein Besucher, der seine Arme auf Brusthöhe ausgestreckt hält, auf sie stößt. Dass sie sich im Alltag auf ähnliche Weise vorwagen muss, erfährt die Gruppe, als Ulutas das Thema Straßenverkehr fortsetzt: Wenn keine Blindenampel vorhanden sei, müsse man sich als Blinder auf sein Glück verlassen. Dann müsse man sich "der Menschenmasse anknüpfen, und einfach laufen". Und wenn keine Leute da sind? "Tja, no risk, no fun", beschönigt sie leicht sarkastisch. "Meistens hat man Glück, manchmal kann es aber schon gefährlich werden." So habe eine Kollegin aus dem Museum beim Überqueren einer Straße einen Unfall gehabt. Zum Glück sei nur ihr Knie verletzt worden.

Dafür, dass man blind ist, entwickle man mit der Zeit andere Stärken. "Bei mir ist das Gehörorgan weniger ausgefeilt", erklärt sie, nachdem die Gruppe den "Klangraum" verlassen hat. Einige ihrer vollkommen blinden Kollegen hätten sie selbst allerdings schon mal überrascht. Im Bahnhof könnten sie beim bloßen Zuhören deutlich erkennen, ob der Zug an ihrem Gleis, dem gegenüber oder dem danach angekommen sei. "Das kann ich nicht." Braille, die auf Reliefpünktchen basierende Blindenschrift, kann sie auch nicht. "Die hab ich nicht lernen müssen." Die zwei Prozent, die sie noch sehen kann, reichen aus, um mit einem Schriftvergrößerungsprogramm den Computer zu benutzen. Trotz ihrer Sehbehinderung hat sie an der Fachhochschule für Sozialwesen in Mannheim ein Studium abgeschlossen. Die türkischstämmige Diplom-Sozialpädagogin erklärt: "In den Seminaren und Vorlesungen hat das Zuhören ausgereicht."

Ein normales Leben lässt sich Serpil nicht nehmen. Auf das Aussehen von Männern achte sie, soweit ihr Sehvermögen es erlaube. Gesichtszüge seien zwar schwieriger zu erkennen, aber die Figur eines Mannes, berichtet sie - vermutlich mit einem Grinsen -, komme an ihr nicht vorbei. "Vor allem achte ich auf die Stimme eines Mannes." Sie hat einen Freund, wünscht sich irgendwann Kinder. Was wünscht sie sich noch? "Auf eine OP für meine Krankheit hoffe ich schon. Dafür ist aber die Technik noch nicht so weit."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schock der Dunkelheit
Autor
Héctor de Andrés Brunete
Schule
Europäische Schule , Frankfurt am Main
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.06.2012, Nr. 135, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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