26 Stunden auf die Punkrockband warten

Verschwitzte Körper werden von der Menge fast durch die Absperrung gedrückt. Die TUI-Arena, die irgendwo zwischen Autobahnen und Einkaufszentren in Hannover steht, ist dunkel, die Luft zum Schneiden. Alle halten inne, die Augen starren auf die Bühne, und dann sind sie da. Für diesen Moment hat Sven Weiler die Schule geschwänzt, drei Monate Eis im Kino verkauft, ist von seiner Heimatstadt Köln angereist und hat 26 Stunden vor der Halle kampiert. Die Leidenschaft des 19-jährigen Abiturienten gilt der Punkrock-Band Green Day aus Kalifornien.

Der große, blonde Schüler, der meist in seiner roten Jeans und in buntbedruckten Bandshirts anzutreffen ist, braucht seine ganze Kraft, um seinen Platz in der ersten Reihe zu verteidigen, denn heute will er derjenige sein, der auf die Bühne geholt wird. Neben ihm stehen Freunde, die genauso begeisterte Fans sind. Sie haben sich über das Internet kennengelernt und sind seit zwei Monaten und dem Beginn der Europatour zusammen unterwegs. "Viele wollen mir nicht glauben, dass es hier auch eine Gruppe Australierinnen gibt, aber es stimmt, die sind auch irgendwie immer zuerst am Stadion", sagt Sven lachend. Tatsächlich hat diese Gruppe aus etwa zehn Mädchen ihm das Leben manchmal ganz schön schwergemacht. Jahrelang hatten sie gespart, um auf jedes Konzert in Europa gehen zu können, und wollen nun ganz vorne mit dabei sein. Jedoch gibt es in der Gruppe keinen großen Konkurrenzkampf. Jeder hilft jedem, egal, ob es sich um das Teilen von Mahlzeiten oder den Schlafplatz handelt. Sven berichtet, er habe oft die Nacht in fremden Zelten verbracht und erst am nächsten Morgen erkannt, dass er mit dem Besitzer schon oft im Internet gemailt hatte. "Egal, in welchem Land ich auf ein Konzert gehe, ich bin nie alleine", sagt er.

Schon Monate vorher wird wild diskutiert. Wer geht auf wie viele Konzerte, welche Bahnkarten müssen gekauft werden, wo kann der Schlafsack untergebracht werden und die wichtigste Frage von allen, kann ich mir das überhaupt leisten? Schließlich kann schon eine Konzertkarte bis zu sechzig Euro kosten. Sven hat aber nur einen schlecht bezahlten Aushilfsjob im Kino. Über die gesamten Ausgaben denkt er so wenig wie möglich nach. "Das würde mich zu sehr schockieren, über 700 Euro waren es bestimmt."Nicht alle Verwandten können Svens Leidenschaft nachvollziehen, immerhin ist er drei bis vier Wochen lang manchmal für mehrere Tage auf Konzertreise und kommt nur auf einen Zwischenstopp nach Hause. Trotzdem leiden seine Schulaufgaben darunter kaum. "Klar gibt es manchmal auch Schwierigkeiten", gesteht er nach einer Weile, "besonders wenn man eine lange Zeit reisen muss und dann nicht einfach in ein Hotel kann." Trotzdem nahm er vor den Konzerten in Deutschland eine ermüdende Reise voller Flugverspätungen nach London auf sich, um am größten Green-Day-Konzert im Wembley-Station teilnehmen zu können, vor dem er viele Stunden in Wind und Regen verharrte. Einige Tage und eine Nachtfahrt mit dem Zug später wurde er in Paris dann von 35 Grad im Schatten begrüßt.

In der Halle läuft das Konzert mittlerweile auf Hochtouren. Es wird mitgesungen und gekreischt. An einer besonders spannenden Stelle des Songs tritt der Sänger mit den krausen Haaren und den knallroten Jeans an den Rand der Bühne und sucht nach jemandem im Publikum, der heute mitsingen darf. Er zeigt in die erste Reihe. Zwei mächtige Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst hieven den verwirrten Fan über die Absperrung, Sven kann erst einmal gar nicht realisieren, was geschieht, als er tatsächlich auf der Bühne steht. "Es ist ein wahnsinniger Moment, man macht alles nur noch automatisch, ich habe gar nichts um mich herum wahrgenommen", erzählt er später strahlend.

Der Sänger der Band ist kleiner als erwartet, Sven ist mindestens zwei Köpfe größer. Obwohl sie sich noch nie persönlich getroffen haben, tut Sven etwas, was sich noch niemand getraut hat. Er packt das Gesicht seines Idols, zieht ihn zu sich heran und drückt ihm einen Kuss auf den Mund. Die Menge ist begeistert. Danach sieht man Sven die Nervosität ein bisschen an. Als er dann auch noch aufgefordert wird, von der Bühne ins Publikum zu springen, ist Sven schon längst in seinem Element. Ihm gelingt ein müheloser Sprung, danach wird er auf Händen bis zum Rand der Halle getragen.

Der Rest des Abends vergeht im Flug, die Freunde liegen sich in den Armen. Vor der Halle sieht es nicht anders aus. Wildfremde Menschen kommen auf ihn zu, sprechen ihre Glückwünsche aus und versprechen ihm ihre Fotos und Videos zukommen zu lassen. Sven ist immer noch nicht wieder ganz auf der Erde angekommen. Schnell läuft er zum Parkplatz, der sich mittlerweile in ein Chaos aus Autos und singenden Fans verwandelt hat. Dort wartet seine Mitfahrgelegenheit auf ihn, schließlich muss er nach einer kurzen Schlafpause morgen wieder einen Zug erwischen, um seiner Lieblingsband auch in der nächsten Stadt nah zu sein.

Einige Tage später kommt Sven erschöpft, aber glücklich zurück in seine Schulklasse. Mitschüler strecken ihm eine bunte Zeitung entgegen. "Guck mal, du bist in der Bravo", ruft sein bester Freund, der sich fast krümmt vor Lachen. "Bis heute", sagt Sven grinsend, "weiß ich immer noch nicht, ob es mir nicht doch peinlich sein sollte."

Informationen zum Beitrag

Titel
26 Stunden auf die Punkrockband warten
Autor
Nele Baumgart
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2012, Nr. 141, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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