Lehren im Akkord

Musiklehrer müssen oft weit zu ihren Schülern fahren und sich gut organisieren. Lehrpläne gefallen nicht allen. Gespräche mit drei Lehrern.

Vor dem Eduard-Seiler-Klavier steht ein schwarzer Klavierstuhl, in den Ecken stehen Schlaginstrumente, es gibt eine Tafel mit Notenlinien. In der privaten Musikschule Klangwerk in Linz am Rhein arbeitet Stephanie Troscheit als Musiklehrerin. Seit 27 Jahren ist das ihr Beruf. Die 45 Jahre alte Mutter eines musikalischen Sohnes unterrichtet Einzelschüler, Zweier- und Dreiergruppen am Klavier und größere Gruppen in Percussion. Zusätzlich gibt sie Unterricht an der Modern Music School in Sankt Augustin und hat Privatschüler. Studiert hat sie Percussion und Klavier, unter anderem am Art Center in Accra, der Hauptstadt von Ghana.

Als Voraussetzungen für diesen Beruf nennt die Lehrerin gute Nerven, Geduld, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und die Freude am Umgang mit Menschen jeglichen Alters. "Zum Glück" habe sie keinen Lehrplan. So sei sie "frei, auf jedes Lerntempo einzugehen", erklärt sie und streicht sich die blonden Haare aus dem Gesicht. Für jeden Schüler entwickelt sie eine Lernmethode. Sie möchte ihre Schüler stärken und ihnen die Freude an der Musik vermitteln. Feedback bekommt sie von Schülern wenig. "Von alleine kommt es eigentlich kaum." Auf jeden Fall entwickle sich ein Vertrauensverhältnis, dies sei eine wichtige Voraussetzung. "Nur wenn man sich als Schüler öffnet, kann man wirklich etwas lernen."

Den engen Kontakt im Unterricht bestätigt Christian Gansemer. Er hat an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart den Diplomstudiengang Orchestermusik, Hauptfach Klarinette, absolviert und an der Bundesakademie in Trossingen ein Diplom für Orchesterleitung gemacht. "Man kommt sich oft wie ein Therapeut vor, dem alle Probleme der Woche erzählt werden", sagt der 43 Jahre alte Musiklehrer an der Kreismusikschule Westerwald. Er unterrichtet Einzelschüler und Guppen in den Fächern Klarinette und Saxophon. Einzelunterricht sei der "Idealfall", weil er leistungsstarken Schülern Förderung bietet, wogegen Gruppenunterricht für Leistungsschwächere geeigneter ist. Gansemer gibt zu bedenken, dass es möglich ist, ohne Nachweis einer Qualifikation als Musiklehrer zu arbeiten. "Im öffentlichen Dienst ist allerdings, insbesondere bei einer Vollzeitstelle, ein Diplom oder ein Examen einer Hochschule oder eines Konservatoriums nötig." Seine Arbeit erfordert lange Autofahrten, zwischen 30 und 120 Kilometern täglich, da er seinen Beruf an elf Standorten ausübt. Gansemer hat einen Lehrplan vom Verband der deutschen Musikschulen, aber der Plan spiegle eine "Wunschvorstellung eines Lehrbeauftragten in der Lehrerausbildung, der sich an den fleißigen und hochbegabten Schülern ausrichtet".

Nach einem Lehrplan arbeitet auch Anne Gerreser, Musiklehrerin am Martinus-Gymnasium Linz, einer staatlichen Schule. Sie sagt, dass der Plan eine klare Linie habe, ihr aber Freiheiten lasse. Im Oberstufenlehrplan gehöre klassische sowie moderne Musik dazu. Die 56 Jahre alte Frau, die Orgel, Klavier und Blockflöte spielt und in Chören singt, findet, dass Musikunterricht einen Ausgleich innerhalb der Schulfächer schafft. Neben dem Unterricht leitet sie den Unterstufenchor und den Mittel- und den Oberstufenchor, deren Schwerpunkte Musical und Pop sind. Leider sei Singen heute für viele junge Menschen "so was Uncooles". Wenn man aber einmal im Chor sei, mache es Spaß und man habe Erfolgserlebnisse.

Auch Christian Gansemer musiziert außerhalb seiner Lehrtätigkeit und sagt: "Da nur zehn bis 20 Prozent der erworbenen Fähigkeiten im Unterricht abgefragt werden, ist es wichtig, kreativ im professionellen Umfeld außerhalb des Schuldienstes zu arbeiten." Der Vater zweier Töchter spielt in mehreren Ensembles, macht klassische Kammermusik, spielt aber auch in einer Big Band und einem Saxophon-Quartett. "Gut an meiner Arbeit finde ich eigenverantwortliches Handeln beim Unterrichten, positives Feedback der Schüler, freundliche und faire Kollegen und das Privileg der Schulferien." Als negativ empfindet er die teilweise 40 Jahre alte, schlechte Ausstattung in den mangelhaft isolierten Unterrichtsräumen. Das Musizieren mit Blasinstrumenten führt zu einem hohen Lärmpegel, mehrere Stunden Unterricht seien belastend.

Ebenso kritisiert er starre, verkrustete Strukturen in der Schulverwaltung, unbegabte, desinteressierte Schüler, die von ihren Eltern oder Vereinen zu ihm geschickt werden, das Unterrichten im Akkord und Arbeitszeiten bis 21 Uhr. Außerdem gebe es kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Würde er den Beruf heute noch einmal wählen? Er schüttelt den Kopf: "Nein. Die Arbeitsverträge verschlechtern sich von Jahr zu Jahr. Wenn ich heute den Beruf wählen würde, hätte ich 30 Prozent weniger Gehalt. Subventionen fließen immer weniger. Es gibt in der Orchestermusik zu wenige Stellen. Auf eine freie Stelle im Orchester bewerben sich 50 bis 100 diplomierte Orchestermusiker."

Anders sieht es bei Stephanie Troscheit aus, die den Beruf wieder wählen würde. Lächelnd erklärt sie: "Der Lehrerberuf ist ein Teil meines Daseins als Musiker." Musiker zu sein ist ihr Traumberuf. Für sie ist es wichtig, kreativ zu sein und aufzutreten, ausschließlich Unterrichten wäre auch ihr "zu wenig". Der Vorteil beim Musiklehrerberuf sei das regelmäßige Einkommen. Troscheit bemerkt, dass Musik in der heutigen Gesellschaft eine große Rolle spielt. Die Schüler wachsen damit auf, und die "musikalische Bandbreite wird immer größer". Die von Instrumenten erzeugte Musik werde "auf keinen Fall" von der am Computer konstruierten Musik verdrängt. "Ich würde sagen, dass sich optimalerweise die handgemachte und die elektronische Musik gegenseitig befruchten." Es klopft. Die nächste Schülerin betritt erwartungsvoll den Raum. Auf dem Gang sitzen Mütter und warten auf ihre Kinder. Bei offener Tür sind Instrumentenklänge hörbar. Jemand spielt Klavier, und eine Frauenstimme singt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Lehren im Akkord
Autor
Kerstin Gansemer
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz am Rhein
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2012, Nr. 141, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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