L. will Musikerin werden und hat eine 60-Stunden-Woche

Erwartungsvoller Applaus begleitet L., als sie die Bühne der Musikhochschule Lübeck betritt. Während sie sich vor dem Flügel postiert und immer wieder Blickkontakt zu ihrer Begleitung am Klavier sucht, wirkt sie konzentriert und aufgeregt. Ihre Wangen sind leicht gerötet. Das Licht der Scheinwerfer fällt auf sie und ihr schwarzes knielanges Kleid. Die kurzen dunkelblonden Haare sind zu einem Zopf gebunden. Sie hebt ihre Querflöte an die Lippen. "Das Gefühl, auf der Bühne zu stehen ist wunderbar", sagt die 17-Jährige aus Barkelsby in der Nähe von Eckernförde. Sie möchte Berufsmusikerin werden.

"Ich denke nur daran, wie ich den Zuhörern mit der Musik Geschichten erzähle, ich versuche sie teilnehmen zu lassen." Manchmal stellt sie sich dabei vor, wie die Atmosphäre des Stückes zu der Zeit war, als es komponiert wurde. "Ich stelle mir bei Barock zum Beispiel manchmal eine Gesellschaft am Hofe vor, Frauen in schönen verzierten Kleidern, Männer mit Perücken." Woher sie die Begabung hat, ist ihr rätselhaft. "Meine Eltern sind beide total unmusikalisch. Mein Vater hatte sogar in der Grundschule immer eine fünf in Musik", sagt sie lachend. Sie hingegen wollte mit vier Jahren Musik machen, nachdem sie ihren Bruder Gitarre spielen gehört hatte. Nach einigem Drängeln bekam sie Klavierstunden. Als sie mit neun Jahren das G-Dur Flötenkonzert von Mozart hörte, wollte sie eine berühmte Flötistin werden. Ihre Eltern waren nicht begeistert, Querflötenunterricht zu bezahlen.

Es war der eigene Wille, der L. zum Üben antrieb. Mit 16 beschloss sie, alles für ihren Traum zu tun, und stellte die Musik über die Schule. "Man muss einfach Prioritäten setzen. Ich bin keine schlechte Schülerin, aber die Musik steht trotzdem darüber." L. beschloss, ein Auslandsjahr zu machen, das sie der Musik widmen wollte. Da ihr Vater ein gut verdienender Steuerberater ist, stellte die Finanzierung kein Problem dar. Über eine Internatsvermittlung kam sie auf die Wells Cathedral School, ein traditionsreiches Musikinternat in Somerset. Ihre Vorfreude war riesig als sie das Vorspielen bestanden hatte. "Es war nur ein kleines, englisches Dorf, alles sah aus wie bei Harry Potter, ein Film wurde dort sogar zeitweise gedreht, nur war nicht überall Magie in jeder Ecke, sondern Musik", berichtet sie begeistert.

Anfangs war sie eingeschüchtert von den Anforderungen. L. musste sich daran gewöhnen, zwischen begabten Schülern aus aller Welt und deren Ehrgeiz ihren Platz zu finden. "Es gab viele Konzerte. Das Orchester hat die Noten meist erst einen Tag vorher gesehen und musste dann vor Tausenden von Leuten spielen." Sie erzählt von einem System, in dem jeder Fortschritt immer mehr Druck bringt. "Je mehr Ehrgeiz und Bemühungen man gegeben hat, desto härter wurden die Prüfungen, aber auch die Ergebnisse wurden immer besser." Auch der normale Unterricht war anders. Sie wurden in Klassen mit nur sechs Schülern unterrichtet. "Ich hatte da wahnsinnig Angst und dachte, jetzt beginnt die Hölle, aber umso größer ist die Erleichterung, wenn man es nach langem Üben dann schafft." Auf ihrem Zeugnis wurde vermerkt, dass sie Potential hat, mit ihrer Musik Karriere zu machen. "Es war für mich das Größte, so ein Lob zu bekommen", sagt sie lächelnd.

"Insgesamt komme ich mit Schule, Üben und all den Terminen wohl auf eine 60-Stunden-Woche." Denn um an der Musikhochschule angenommen zu werden, muss man sich beim Vorspielen und in einem Theorie- und Gehörbildungstest beweisen. Um das zu bestehen, besucht L. zum regulären Querflöten- und Klavierunterricht noch Musiktheorieunterricht. Zudem spielt sie in Orchestern. "Im Orchester ist es wieder ein ganz anderes Gefühl, denn man ist einer unter vielen, es sind viele verschiedene Instrumente, und doch sind alle an dem Gesamtwerk beteiligt." So summieren sich die Termine, und immer weniger Freizeit bleibt übrig. Im Herbst 2011 bewarb sie sich für ein Jungstudium an der Musikhochschule in Lübeck und wurde angenommen. Nun hat sie einmal in der Woche bei einer Professorin Unterricht und wird auf das bevorstehende Studium vorbereitet. Zudem nimmt sie an Wettbewerben teil.

Die Chance, nach dem Studium eine Anstellung zu bekommen, wird immer geringer, da sich die Sparmaßnahmen des Landes vor allem auf den Bereich der Kultur auswirken. Immer mehr Orchester werden geschlossen. Gerade bei der Querflöte gibt es viel Konkurrenz. In einem Orchester sind meist nur zwei oder drei Plätze zu vergeben. Doch darüber will sich L. im Moment noch keine Gedanken machen, "damit würde ich nur Energie vergeuden".

Informationen zum Beitrag

Titel
L. will Musikerin werden und hat eine 60-Stunden-Woche
Autor
Birthe Dittberner
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2012, Nr. 141, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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