Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich stolz

Eigentlich spiele ich manchmal viel lieber draußen", bemerkt die begabte kleine Musikerin aus Münster nachdenklich, "aber für das Konzert vor dem Landtag muss ich noch einiges üben." Dann kichert die neunjährige Minha Marie stolz und hüpft auf dem Sofa hin und her. Sie freue sich auf das Konzert, "denn da spiele ich vor einem großen und wichtigen Publikum". Den Mittelpunkt des Wohnzimmers bildet der kleine Kawai-Stutzflügel. "Früher habe ich meinem Bruder Jun-Ho oft beim Klavierspielen zugehört. Dann wollte ich es auch mal probieren. Jun-Ho hat aber schon mit drei Jahren und acht Monaten angefangen, viel früher als ich", fügt die Koreanerin mit Bewunderung in den Augen hinzu. Mit fast fünf Jahren versuchte sie, ihren damals neunjährigen Bruder Jun-Ho am Klavier nachzuahmen. Ihre Mutter musste daraufhin für kurze Zeit als Klavierlehrerin herhalten. "Sie lernte so schnell, dass ihr mein Unterricht bald nicht mehr reichte", berichtet die medizinisch-technische Radiologieassistentin des Uniklinikums Münsters immer noch erstaunt. Drei Jahre später entwuchsen Bruder und Schwester auch der Klavierlehrerin Annette Strootmann in Münster. Fast jedes Wochenende fährt nun ihre Mutter mit Minha und Jun-Ho nach Hannover. Der Professor für Klavier Karl-Heinz Kämmerling von der Hochschule für Musik und Theater Hannover hat sich auf die Förderung junger hochbegabter Pianisten spezialisiert. Konzerte an Musikhochschulen oder das Konzert vor dem Landtag im Frühjahr zählen für das zierliche Mädchen schon fast zum Bühnenalltag. "Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich stolz, und es macht mir viel Spaß, aber manchmal ist mir die ganze Aufmerksamkeit peinlich", sagt Minha ein wenig beschämt. Wenn sie nach dem Schultag der vierten Klasse nach Hause kommt, ist der Tagesplan festgelegt: Nach dem Mittagessen erledigt die Klassenbeste zunächst gewissenhaft ihre Hausaufgaben. Mit einigen Pausen entlockt sie dem Klavier oder ihrer Geige für ungefähr vier Stunden täglich wunderbare Melodien bis zum Abendessen. Konzentration stellt da manchmal eine große Herausforderung dar. "Sie ist eben unser kleiner Zappelphilipp", ergänzt die Mutter lächelnd, die selbst in jungen Jahren der Leidenschaft für das Klavier verfiel. Minha Maries zweites Instrument, die Geige, kam erst vor knapp zwei Jahre dazu. Wenn Minha Ablenkung vom Klavier braucht, schnappt sie sich ihre Geige und übt für die Auftritte mit dem jungen Streichorchester der westfälischen Schule für Musik in Münster. Neben ihr im Orchester sitzt die achtjährige Sonja Kowollik, die ebenfalls aus Münster stammt. Wie Minha Marie entdeckte auch Sonja in ihrem fünften Lebensjahr die Leidenschaft für das Klavier. Das sportliche Mädchen lächelt erwartungsvoll und blickt aufmerksam um sich. Sonjas lange braune Haare sind zu einem Zopf geflochten, und um ihren Hals liegt eine selbstgemachte Kette. Bereit, sofort aufzuspringen und jedem Zuhörer etwas vorzuspielen, sitzt sie angespannt auf der Stuhlkante. Hinter Sonja liegt bereits eine Stunde Klavierunterricht, ihre braunen Augen blicken konzentriert. Zusätzliches Üben für ein Vorspiel sei für sie kein Problem. "Sie saugt alle Informationen wie ein Schwamm in sich auf", erklärt ihr Klavierlehrer Thomas Reckmann begeistert. "Einmal saß sie zwei Stunden lang ununterbrochen bei einem Schülerkonzert und hörte zu, ohne den Blick abzuwenden. Dabei hatte sie gerade erst angefangen Klavier zu spielen und war noch keine sechs Jahre alt." Zum Klavier kam Sonja wie Minha Marie durch ihre Familie. Der Vater spielt Geige im Orchester, die große Schwester spielt Klavier. "Da musste das Interesse ja geweckt werden", fügt die Mutter als einzige Nichtmusikerin der Familie hinzu. Zunächst wollte Sonja nur kurze Melodien lernen und nachspielen. Als sie einige Wochen später ihrem künftigen Klavierlehrer vorgestellt wurde, spielte sie fast das komplette Liederheft ihrer älteren Schwester durch. Noch einmal vier bis fünf Wochen später präsentierte Sonja ihr Können bei einem internen Vorspiel der westfälischen Schule für Musik in Münster. "Von dem technischen und musikalischen Niveau ist Sonja bereits besser als die meisten 15- bis 16-jährigen Klavierschüler bei uns an der Musikschule", verdeutlicht Thomas Reckmann die Begabung der Achtjährigen. Ihr Talent am Klavier und an der Geige zeigte die Schülerin der dritten Klasse erfolgreich bei "Jugend musiziert". In der regionalen Runde des Wettbewerbs erzielte Sonja schon viermal mindestens 24 von 25 möglichen Punkten. Dafür übte das Mädchen dann auch anderthalb, anstatt wie sonst nur eine Stunde am Tag. Wenn sie keine Lust mehr habe, gehe sie einfach in den Garten und spiele. Dass es Sonja erstaunlich leichtfällt, wundert auch ihre Mutter von Zeit zu Zeit. "Es gibt nichts, was mir am Klavier keinen Spaß zu spielen macht", sagt Sonja. Da sie immer sehr konzentriert bei der Sache ist, empfahl die Schule ihren Eltern, von der dritten Klasse direkt aufs Gymnasium zu wechseln. Aber dann hätte sie jedoch weniger Zeit für ihr Klavier und ihre Geige. Außerdem wolle Sonja sowieso nicht fast zwei Klassen überspringen. Vehement schüttelt sie ihren Kopf. Ihre Zöpfe flattern durch die Luft. Das Konzert kürzlich vor 300 Zuschauern in der Waldorfschule Münster bereitete der gelassenen Musikerin "nur ein bisschen Lampenfieber". Sie kichert: "Denn es macht mich glücklich, dass ich zeigen darf, was ich schon kann."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich stolz
Autor
Sarah Flaswinkel, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2010, Nr. 172 / Seite N6
Projekt
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