Rülpser und ein gutes Karma

Als David Werking an einigen Mönchen mit grellorange Kutten vorbeiläuft, gehen einige von ihnen plötzlich vor ihm in die Knie und murmeln Unverständliches. Zwischen den kleinen schwarzhaarigen Menschen wirkt der große blonde Junge mit den blauen Augen irgendwie deplaciert. Auch sonst fällt die "Langnasen"-Reisegruppe in der verbotenen Stadt Pekings häufig auf. Es herrscht Ferienzeit. David und sein Vater sind beliebte Fotomodelle. Beide werden oft angehalten und mit dem gesamten Familienclan arrangiert. Schließlich kann man den freundlich lächelnden Chinesen, die mit ihren Kameras winken, nichts abschlagen. "Wir kamen kaum zum Besichtigen, wir wurden besichtigt. Für die Landbevölkerung stellen große, blonde Menschen aus dem Westen immer noch etwas Besonderes dar", sagt Alfred Werking, der als Bauingenieur in Idar-Oberstein arbeitet. Allerdings ist es die Familie bereits gewohnt, angestarrt zu werden, denn sie ist viel gereist. Betritt man ihr Wohnzimmer in Meddersheim, fallen die Reiseandenken auf: von Masken aus Swasiland und Lesotho bis hin zu verpuppten Seidenraupen und Statuen. Chinesisches Porzellan fehlte allerdings noch. So entschied sich Familie Werking für eine Reise ins Reich der Mitte. "Um einen Kulturschock zu vermeiden ist einfach viel Toleranz gefragt", sagt Sabine Werking. Für die Verkäuferin waren vor allem die Tischsitten eine seltsame Erfahrung. In Restaurants ist es laut, und ein Rülpser zeigt, dass man satt ist. Wenn David seinen Teller nicht leer aß, erschien nicht selten der Chefkoch mit Trauermiene und fragte, ob es denn nicht geschmeckt habe. Gewöhnungsbedürftig sind traditionelle Speisen. "Auf einem großen Markt in Guangzhou wehen einem die seltsamsten und fremdesten Gerüche entgegen, die man einfach nicht einordnen kann", erklärt David. Affen, Hunde, Gürteltiere, Leguane und Schlangen warten darauf, gegessen zu werden. Sogar Skorpione, die säuberlich nach Farbe und Art sortiert werden. "Wir essen alles, was vier Beine hat, außer Tische, und alles, was fliegt, außer Flugzeuge." Eine Redensart, die die Werkings häufig von Einheimischen zu hören bekamen. Allerdings gibt es diese Exoten vom Markt auch in chinesischen Familien nur zu besonderen Anlässen. "Nachdem ich das gesehen habe, traute ich auch den Köchen in Restaurants nicht mehr und ernährte mich drei Wochen nur von Reis und McDonald's", sagt David. In den großen Städten findet man fast überall Restaurants einschlägiger Ketten. Noch heute muss Sabine Werking lachen, wenn sie an ein Erlebnis in einem McDonald's in Peking zurückdenkt. Eine Gruppe älterer Herren, die in ihren viel zu großen Anzügen ziemlich schmächtig wirkten, saßen den Werkings gegenüber. Lachend und kichernd wie kleine Kinder blickten sie die ganze Zeit zu ihnen hin. "Wahrscheinlich fanden sie es witzig, dass wir mit den Fingern gegessen haben. Wir hingegen mussten lachen, weil die Herren doch tatsächlich mit Strohhalmen als Stäbchenersatz behelfsmäßig ihre Pommes verzehrten." Der Glaube im Reich der Mitte ist durch Ahnenverehrung und den Buddhismus geprägt. Es ist wichtig, ein gutes Karma zu haben. Vor allem David erregte Aufmerksamkeit. Auf die besorgte Frage der Werkings, ob denn mit ihrem Sohn etwas nicht stimme, lachte die Reiseführerin: "Die Mönche sehen ein gutes Karma in ihrem Sohn, das erkennen sie an der Symmetrie seiner Ohren." Der Sohn fügt hinzu: "Es ist schon ein cooles Gefühl, wenn sich jemand vor dir verbeugt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Rülpser und ein gutes Karma
Autor
Julia Höfner, Berufsbildende Schule Wirtschaft, Bad Kreuznach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2010, Nr. 178 / Seite N6
Projekt
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