Wer kichert, wird bestraft

Korkma, sönmez bu safaklarda yüzen al sancak." "Fürchte nicht, die in der Morgendämmerung wehende rote Fahne wird nicht vergehen . . ." Die 800 Schüler des Anadolu Lisesi in Istanbul haben ihre Blicke andächtig auf die türkische Flagge gerichtet und singen die ersten Verse der Nationalhymne. In Zweierreihen stehen sie auf dem betonierten Hof, der an das historische Schulgebäude grenzt. Ein Schüler in blauer Uniform und Krawatte hisst die Flagge. Danach machen sich die in kurze karierte Röcke und blaue Stoffhosen gekleideten Mädchen und Jungen langsam auf den Weg zu ihren Klassenräumen. Mit dem Fahnenappell beginnt in allen türkischen Lise (von französisch Lycée) die Schulwoche. Es herrscht dabei absolute Disziplin: Der respektvoll gesenkte Blick ebenso wie ein meditierender Ausdruck und eine ehrerbietige Körperhaltung sind ein Muss. Wer lacht, kichert oder laut schwatzt, wird umgehend zum Direktor gebeten und mitunter schwer bestraft. Vor den Gymnasiasten liegt nun eine weitere Schulwoche, in der nicht nur 40 Schulstunden und Hausaufgaben, sondern auch private Nachhilfe und Prüfungsvorbereitung zu bewältigen sind. "Mein großes Ziel ist es, später an der Uni meiner Wahl zu studieren", sagt die 17-jährige Duygu Ince. Das fröhliche Mädchen besucht die 12. Klasse der bilingualen Istek-Privatschule. Wie die anderen Gymnasiasten arbeitet sie darauf hin, die nationale Hochschulaufnahmeprüfung "Ögrenci Secme Sinavi" (ÖSS) sehr gut zu bestehen. Denn in Verbindung mit dem Abschlusszeugnis des Lise ist das eine Eintrittskarte für ein Universitätsstudium. Nach acht Grundschuljahren sind türkische Eltern vor die schwierige Wahl einer geeigneten weiterführenden Schule gestellt, die ihrem Nachwuchs den Weg zur ÖSS und damit zur Uni ebnet. Das ideale Lise sollte nicht nur die für die Hochschulzulassungsprüfung relevanten Inhalte vermitteln, sondern auch individuelle Förderung und ein breitgefächertes Nachmittagsprogramm anbieten. Darin unterscheiden sich besonders private und staatliche Schulen. "Während die staatlichen Schulen meist besser auf die ÖSS vorbereiten, versuchen Privatschulen vor allem durch soziale Aktivitäten und Nachmittagsprojekte zu punkten", erklärt der Deutschlehrer Oguz Tarihmen. Der quirlige 36-Jährige hat an der Deutschen Schule Istanbul Abitur gemacht und in Münster Germanistik und Anglistik studiert. Nach seinem Referendariat an der Käthe-Kollwitz-Schule in Recklinghausen ist er in die Türkei zurückgekehrt und nun Lehrer am staatlichen Anadolu Lisesi. Eine Problematik des türkischen Bildungssystems sieht Tarihmen darin, dass oft die finanziellen Mittel der Eltern ausschlaggebend für die Karrierechancen ihrer Kinder seien. Das liege zwar nicht direkt an den Gymnasien, da diese zumindest theoretisch auf Zulassungsprüfungen an Hochschulen vorbereiten. Vielmehr sei die Einstellung der Eltern und Schüler Ursache einer teuren Entwicklung, die zu Chancenungleichheit führt: Private Nachhilfe laute das Wundermittel, von dem sich Familien immensen Erfolg versprächen. Die Angst der Eltern, ihre Kinder könnten ohne zusätzliche Unterstützung den Anforderungen der türkischen Leistungsgesellschaft nicht gewachsen sein, sei allgegenwärtig. "Bei Elternsprechtagen fragen die Eltern zuallererst, ob ihr Kind Nachhilfe brauche", sagt Tarihmen. Dass eine private, professionelle Nachhilfe je Stunde um die 100 Euro koste, sei für die meisten anscheinend nebensächlich. Familien der mittleren Schicht nähmen dafür sogar nicht selten Kredite auf. Schüler aus finanziell schwächeren Familien seien dagegen gezwungen, sich selbständig eine immense Stoffmenge zu erarbeiten, wenn sie nicht hinter den Nachhilfeschülern zurückbleiben wollten. Und deren Zahl sei nicht gering. "Ab dem 10. Schuljahr nehmen etwa 60 bis 70 Prozent der Gymnasiasten privaten Unterricht in Anspruch. Im Abschlussjahrgang sind es über 80 Prozent", schätzt Lale Levin Basut. Wie fast alle ihrer Mitschüler besucht die zierliche 18-Jährige in Istanbul eine Nachhilfeschule, die sogenannte Dershane. Die dort unterrichtenden Lehrer haben nicht nur den regulären Schulstoff, sondern auch das ÖSS-Programm studiert und bereiten die Schüler gezielt darauf vor. Für die Oberstufenschüler bedeutet das, zwei Schulen gleichzeitig zu besuchen. Von 8.15 Uhr bis 15.20 Uhr lernen sie in ihrem Lise. Am Abend geht es dann für zwei Stunden in die Dershane. Die engagierte Duygu kennt den Zeitaufwand der Nachhilfe: "Im Abschlussjahr machen wir einen intensiveren Vorbereitungskurs. Das sind dann jeweils sechs Stunden Dershane samstags und sonntags." Die Arbeitsbelastung macht sich im Unterricht deutlich bemerkbar: Im Informatikraum des Anadolu Lisesi hat sich ein Teil des Zwölfer-Sozialkunde-Kurses eingefunden. Die 16- bis 17-Jährigen lungern größtenteils unbeteiligt auf ihren Stühlen, sorgsam darauf bedacht, dem strengen Blick der Lehrerin hinter Computerbildschirmen zu entkommen. Kaum jemand scheint den Erläuterungen der kleinen, unscheinbaren Frau zu lauschen. Einige erledigen Hausaufgaben, andere haben Bücher neben die Tastaturen geschoben, um sich Formeln und Daten einzuprägen. "Eigentlich alle Schüler nutzen die von ihnen als unwichtig erachteten Unterrichtsstunden, um für wichtigere Fächer zu lernen", sagt Lale Levin Basut. Fächer wie Menschenrechte, Militärkunde, Logik, Gesundheit und Religion, aber auch der Sportunterricht seien dafür nach Ansicht der meisten besonders geeignet. "In Sport spielen wir fast immer Fußball oder Basketball. Wenn wir gerade nicht mitspielen müssen, holen wir oft unsere Geometrie-Aufgaben heraus oder fragen uns gegenseitig für die nächste Chemie-Klausur ab", gesteht Lales 17-jährige Freundin Serra Irten. In Prüfungsphasen machen viele Schüler von ihrem Recht Gebrauch, 20 Tage im Schuljahr unentschuldigt und weitere 20 Tage entschuldigt zu fehlen. "Da kann es schon mal vorkommen, dass die Klassen mehrere Wochen lang halb leer sind", ärgert sich Oguz Tarihmen. Darin, dass sich die harte Schulzeit lohnt, sind sich die Schüler einig: "Wenn ich erst mal an meiner Traumuniversität studiere, stehen mir alle Türen offen", sagt Lale. Serra sagt mit einem Augenzwinkern: "Auf jeden Fall haben wir gelernt, für unsere Ziele alles zu geben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wer kichert, wird bestraft
Autor
Estelle Tijen Kleefisch, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2010, Nr. 178 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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