Hitze, Stau und hinter hohen Mauern ein Swimmingpool

Arabisch, die Sprache ihres Mannes, lernte die evangelische Theologin erst spät, aber gut. Inzwischen lehrt Christiane Paulus an der Universität von Kairo. Die Deutsche lebt gern mit ihrer Familie in Ägypten. Bereut, nach Kairo gegangen zu sein? Nein, ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe." Da ist sich Christiane Paulus, eine zierliche Frau mit Brille und hennagefärbten Haaren, sicher. Lächelnd serviert sie in ihrem exotischen Garten im Schatten von Palmen Tee und Gebäck. "Alles fing 1989 in Frankfurt am Main an", sagt die Deutsche. Dort jobbte sie in einem ägyptischen Café, um ihr Studium der evangelischen Theologie zu finanzieren. Hier lernte sie ihren Ehemann Ahmed kennen. Zunächst lebten die beiden zehn Jahre in Deutschland. 1999 zog es sie dann nach Kairo, da Ahmed für eine deutsche Firma in seinem Heimatland tätig werden konnte. In Ägypten angekommen, wurde Christiane Paulus herzlich von Ahmeds Familie empfangen, ganz im Gegensatz zu ihrer eigenen Familie, die von Ahmed und einem Leben in der Achtmillionenstadt am Nil nicht begeistert war. Gern hätten sie ihre Tochter in Deutschland als Pfarrerin auf der Kanzel gesehen. Doch sie entschied sich anders. "Anfangs hatte ich Probleme", gibt sie zu. "Da ich die arabische Sprache zu spät zu lernen begann, gestaltete sich die Kommunikation schwierig." Selbst kleinere Einkäufe stellten sie in der ersten Zeit vor ein großes Problem, da die Aussprache des Arabischen sehr schwer zu erlernen ist. Sie nahm bei einem islamischen Privatlehrer über mehrere Jahre Unterricht. "Jetzt, nach 11 Jahren, beherrsche ich die Sprache in Wort und Schrift nahezu perfekt und kann meinen Kindern auch bei den Schularbeiten helfen. Selbst den Koran kann ich mittlerweile auf Arabisch verstehen." Das ist der promovierten Theologin sehr wichtig, spielt doch die Religion für die überwiegend muslimischen Ägypter eine große Rolle. Jeder Gläubige geht in die Moschee und betet bis zu fünfmal am Tag, wenn der Muezzin zum Gebet ruft. Traditionell beginnt er mit dem Satz: "Allahu akbar", "Gott ist der Größte". Dabei steht er auf einem der Türme der Moschee, dem Minarett. Sein Ruf wird durch einen Lautsprecher übertragen. Zu dieser Zeit sieht man überall Menschen, die ihre Teppiche dort ausrollen, wo sie sich gerade befinden, auch am Straßenrand. Dabei richten sie ihren Gebetsteppich, der nur barfuß betreten werden darf, in Richtung Mekka aus. Wegen der vielen Moscheen mit ihren hochragenden Minaretten wird Kairo auch die "Stadt der 1000 Minarette" genannt. Freitags, auf Arabisch "jaum gomaa", der Tag der Versammlung, beten die Muslime gemeinsam in der Moschee das Mittagsgebet und die Familien treffen sich zum Essen. "Sie lassen einen nie hungrig sein, sondern kümmern sich immer", schildert die Deutsche. "Die Mahlzeiten werden von den Frauen zubereitet. Oft gibt es Reis, Gemüse und Fleisch oder Fisch. Natürlich darf auch das Fladenbrot nicht fehlen, das als Löffelersatz dient, weil viel mit den Fingern gegessen wird." Da es in den Sommermonaten tagsüber bis zu 40 Grad heiß werden kann, wird diese Tradition oft in die Abendstunden verlegt. Bis spät in der Nacht sind die Straßen voller Menschen. Die kleinen Läden, in denen es von Knöpfen über geröstete Nüsse bis hin zu Reizunterwäsche alles zu kaufen gibt, haben bis Mitternacht oder darüber hinaus geöffnet. In dieser Zeit tragen die Ägypter die Galabiya, ihre traditionellen langen Gewänder. Sie möchten nicht freizügig erscheinen, und die hohen Temperaturen sind anders auch kaum auszuhalten. Die Frauen tragen in der Öffentlichkeit einen Schleier, mit dem es verschiedene Trinkvarianten gibt, während europäische Urlauberinnen bei der Besichtigung historischer Stätten wie den Pyramiden in Shorts und T-Shirts zu sehen sind. "Das können die ägyptischen Fremdenführer nicht verstehen und reagieren mit Verwunderung", sagt Christiane Paulus. Heute lebt die 49-Jährige mit ihrer Familie in einem schönen Drei-Etagen-Haus mit großem Garten und eigenem Pool. Wie alle Häuser in der Nachbarschaft ist auch ihr Haus mit einer drei Meter hohen Mauer umzäunt. Da Armut weit verbreitet ist, schützen sie viele vor Einbrechern. Während der Bauphase hatte Ahmed eigens Männer beschäftigt, die nachts die Baustelle bewachten, damit ihnen nicht Zement oder Ziegelsteine gestohlen wurden. Das Haus steht am Stadtrand von Kairo in einem Neubaugebiet, rund 30 Kilometer von der Stadtmitte entfernt. Es ist aufgrund des Klimas offen gestaltet. Salon, Küche und Terrasse befinden sich im Untergeschoss, Schlafräume und Bäder oben. Schon bei der Planung des Hauses wurde eine Wohnung für einen Chauffeur und seine Familie berücksichtigt. Denn wer in Ägypten gut situiert ist, sollte armen Menschen die Gelegenheit zum Geldverdienen geben, sagt die Familie. Des Weiteren stellte Ahmed eine Putzfrau und einen Gärtner ein, die der Mutter von zwei Kindern bei der Arbeit zur Hand gehen. Rahel, 16 Jahre alt, wurde noch in Frankfurt geboren. Sie hat sich, wie einige ihrer Mitschülerinnen, bewusst für die Verschleierung entschieden und inzwischen gelernt, diese mit ihrem Schul-Outfit zu kombinieren. Sie und ihr elfjähriger Bruder Youssif, der nach den Hausaufgaben am liebsten mit dem Hund Miley im Garten spielt, besuchen ganztags die Deutsche Evangelische Oberschule in Kairo. Hier werden Kinder verschiedener Religionen und Nationen unterrichtet. "Sie wachsen in arabischer Umgebung und Kultur mit deutschen Bezügen auf", betont Christiane Paulus. So wird der Geschichts- und Religionsunterricht in arabischer Sprache gehalten. Für den etwa 50 Kilometer langen Schulweg ist Chauffeur Mohammed zuständig. Nachmittags müssen sie sich weit mehr als eine Stunde durch die Staus in Kairos Innenstadt nach Hause kämpfen. Auf drei bis vier Spuren versuchen mit lautem Hupkonzert bis zu sechs Autos nebeneinander zu fahren. Eselskarren und umgekippte, voll beladene Obstlaster behindern den Verkehr zusätzlich. Unterdessen stehen am Straßenrand Melonen- und Brotverkäufer und bieten ihre Waren an. Kinder wuseln zwischen den haltenden Fahrzeugen herum und verkaufen Blumenkränzchen und Papiertaschentücher. Alles, was laufen kann, befindet sich auf der Straße. Die teilweise 30 bis 40 Jahre alten Autos dürften in Deutschland längst nicht mehr am Verkehr teilnehmen. Es gibt nicht genügend, aber ständig überfüllte Busse und so gut wie keinen Bahnverkehr. Viele Menschen sind zu Fuß unterwegs. Staub, Hitze und Abgase stehen wie eine Glocke über der Stadt. Glücklicherweise wurde inzwischen in der Nähe von Christiane Paulus' Haus ein Einkaufszentrum gebaut, so dass sich wenigstens die stressigen Einkaufsfahrten für die Familie reduziert haben. Unterdessen sitzt sie in ihrem Arbeitszimmer. "Gerade habe ich eine Übersetzung aus dem Arabischen ins Deutsche fertiggestellt. Dabei geht es um die Verbindung des Islam mit der christlichen Reformation", sagt die Hochschuldozentin. "In der Vergangenheit habe ich Artikel in Deutsch und Englisch über die Religionen hier in Ägypten veröffentlicht und halte nun religionswissenschaftliche Vorträge in arabischer Sprache über das Christentum an der Cairo-University." Ihr ist bewusst, dass sie auffällt. "Ausländische Frauen, die beim Handeln auf Arabisch mehr feilschen als jede Einheimische, gibt es in Kairo nicht oft", lacht sie. "Ich fühle mich sehr wohl in der Familie und auch in der Gesellschaft, die ich mittlerweile gut kenne. Nein, bereut habe ich nichts."

Informationen zum Beitrag

Titel
Hitze, Stau und hinter hohen Mauern ein Swimmingpool
Autor
Luisa Nowak, Berufsbildende Schule Wirtschaft, Bad Kreuznach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2010, Nr. 178 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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