Ach, so viel Brot

Jacob Barclay versucht, unauffällig auf seinen Platz zu huschen, bevor sein Deutschlehrer bemerkt, dass er wieder zu spät zum Unterricht gekommen ist. Der 17-Jährige kommt aus Burlington in Otsego County, New York, und ist Austauschschüler in Münster. "Natürlich will ich mich hier schon von Anfang an, so gut es geht, einleben und die deutschen Traditionen und Verhaltensweisen respektieren und teilweise übernehmen." Aber jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen, um fünf Kilometer mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, findet der sportliche, große dunkelhaarige Junge ein wenig anstrengend. "Ich könnte zwar mit dem Bus oder Auto zur Schule fahren, aber dann wäre auch nichts anders als bei mir zu Hause. Ein wesentlicher Aspekt eines Austauschjahres ist ja, offen für andere Lebensweisen zu sein, auch wenn man dadurch dauernd zu spät kommt", sagt Jacob und grinst. "Außerdem kann ich dann immer mit meiner Gastschwester fahren und viel mehr von Münster sehen. Wir machen sozusagen eine kleine Sightseeing-Tour. Dann fühle ich mich auch gleich wie ein echter Münsteraner." Denn hier fahre anscheinend jeder Tag und Nacht mit seiner "Leeze". Aber nicht nur das Fahrradfahren findet Jacob so "typisch german". Während seines bisherigen Aufenthalts haben sich Vorurteile abgebaut, aber auch viele bestätigt. "Dass ,the typical German' nicht nur Sauerkraut isst und zu Schlagermusik tanzt, ist uns in Amerika auch langsam aufgefallen. Typisch deutsch ist, dass nichts typisch ist. Aber einige Dinge, die ich bisher immer für witzige Vorurteile gehalten habe, sind tatsächlich gar nicht so abwegig. Dass Deutsche häufig das Wort ,Ach!' in ihre Sätze einbauen, hat sich als richtig herausgestellt. Ich habe bislang immer gedacht, dass das nur eine Floskel ist, die jeder deutschen Figur in den Mund gelegt wird, die in amerikanischer oder englischer Literatur vorkommt, egal, ob es gerade passt oder nicht." Er erlebe die Deutschen "als wirklich offene und freundliche Leute", erklärt Jacob und deutet mit dem Kopf unauffällig auf ein Mädchen mit Rastazöpfen und vielen Piercings. "Trotzdem habe ich bemerkt, dass manche grinsen, wenn sie meinen amerikanischen Slang hören. Dazu gehört wohl auch, dass sie sich gerade darüber amüsieren, dass ich ihr Vorurteil, der typische Amerikaner sage ständig ,well' und `,like', vor ihrer Nase bestätige." Jacob findet diese Reaktionen völlig "okay". Es gibt sogar einige Dinge, die er am liebsten mit nach Amerika nehmen würde: "Das Brot", sagt Jacob und lacht laut. "Als vor einem Jahr eine deutsche Austauschschülerin bei uns in der Gegend war, konnte ich nicht verstehen, weshalb sie immer verzweifelt nach einem ,whole wheat bread', das heißt nach einem Vollkornbrot suchte. Wir haben zwar Brot, das sich Vollkornbrot nennt, aber so ein richtig gutes scheint das wohl nicht zu sein. Hier soll es ja fast 700 verschiedene Sorten Brot geben. Morgens ein Sonnenblumenbrötchen, abends ein paar Brotschnitten vom Pumpernickel. Allein diese Wörter auszusprechen macht mir Spaß."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ach, so viel Brot
Autor
Rebecca Rücker, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2010, Nr. 184 / Seite N6
Projekt
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