Ärger über zwei Sekunden

Ursula Kleinen hatte schon immer Spaß am Autofahren. Sie war die erste Busfahrerin Münsters und damals für viele exotisch und manchem suspekt. Sie wollen doch nicht etwa den Bus fahren?" Entsetzt blickt der etwa 40-jährige Mann die blonde Frau in den Dreißigern an, die sich soeben nach einem Busfahrerwechsel hinter das Steuer gesetzt hat. Als diese bejaht, dreht er sich ohne ein weiteres Wort um und verlässt den Bus. "Manche Fahrgäste hatten am Anfang schon ihre Zweifel", erinnert sich die heute 62-jährige Ursula Kleinen lachend. Als sie vor mehr als dreißig Jahren ihre Stelle als Busfahrerin bei den Stadtwerken Münster antrat, war es für die Fahrgäste noch ein ungewohntes Bild, eine Frau auf dem Busfahrersitz zu erblicken. Ursula Kleinen war die erste Busfahrerin Münsters. "Reaktionen wie die des Mannes, der ausgestiegen ist, waren zum Glück aber eher selten. Die meisten Menschen waren neugierig, wie es sich mit einer weiblichen Fahrerin busfahren lässt. Am Anfang war ich schon etwas Besonderes. Ich war ja in eine richtige Männerdomäne eingetreten." Dabei ist die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt und der modernen randlosen Brille ausgebildete Friseuse. "Das war allerdings nichts für mich, ich fand es viel zu langweilig. Als Friseuse hat man zwar auch mit Menschen zu tun, was ich sehr mag, aber die Kunden gehören immer einem gewissen Stamm an und reden über die gleichen Themen. Als Busfahrerin ist man mitten im Geschehen, und es gibt viele Menschen, die einem aufgeschlossen begegnen und Geschichten aus ihrem Leben erzählen." Schmunzelnd blickt Ursula Kleinen zur Seite, um ihre hellen blauen Augen haben sich Lachfältchen gebildet. "Außerdem hatte ich schon immer Spaß am Autofahren." Nach der Beendigung ihrer Ausbildung zur Friseurin stand für Ursula Kleinen in den siebziger Jahren also ein neues Projekt an: der Busführerschein. Probleme beim Fahren hatte sie nie, egal ob sie gerade am Steuer eines Standard- oder eines fast doppelt so langen Gelenkbusses saß. Nach der bestandenen Prüfung bewarb sie sich jedoch nicht gleich bei den Stadtwerken Münster. Stattdessen arbeitete sie vier Jahre lang bei einem Privatunternehmen, wo sie unter anderem Schulklassen nach Ost-Berlin brachte und dort auch die Stadtrundfahrten leitete. Als sie im Jahr 1979 begann, Linienbusse zu fahren, war sie nur noch in Münster unterwegs. Langweilig fand sie das aber nicht. "Es ist ja nicht so, dass ich jeden Tag die gleiche Strecke gefahren bin. Bei uns fährt ein Busfahrer fast jeden Tag eine andere Linie. Das wird nie eintönig, und man ist immer über alle Ereignisse in der Stadt auf dem Laufenden, weil man ja überall hinkommt. Außerdem hat dieses System den Vorteil, dass man, wenn mal jemand ausfällt, keine Probleme damit hat, eine andere Linie als geplant zu übernehmen." Von den Leuten, die in ihren Bus einstiegen, erntete Ursula Kleinen meist überraschte Blicke. "Wenn ich Durchsagen machte, waren viele Menschen erstaunt darüber, dass da plötzlich eine Frauenstimme zu hören war. Es gab sogar Leute, die extra nach vorne kamen und nachschauten, ob da wirklich eine Frau saß." Von solchen Erinnerungen wird Ursula Kleinen sichtlich erheitert. Doch sie erinnert sich auch an weniger schöne Momente. "Viele Fahrgäste guckten ganz genau, ob ich denn alles richtig machte. Natürlich gab es Vorurteile. Wenn ich bei einer grünen Ampel mal zwei Sekunden wartete, gab es manchmal schon Leute, die sich über meinen Fahrstil beklagten." Derartige Beschwerden waren aber die Ausnahme. "Eigentlich war die Resonanz überwiegend positiv. Es gab viel Lob, und viele Menschen sagten mir, ich würde ruhiger fahren als meine männlichen Kollegen." Auch Ursula Kleinens Ehemann, der von Beruf Lkw-Fahrer war, hatte keine Probleme mit der Aufmerksamkeit, die seiner Frau nun entgegengebracht wurde. "Er war begeistert." Dass es in Münster nun eine Busfahrerin gab, machte in der Stadt schnell die Runde. In der Lokalzeitung wurde ein großer Artikel über sie publiziert. Ursula Kleinen weiß, dass es Leute gab, die mit ihr fuhren, um dann zu Hause stolz zu berichten: "Ich bin heute mit der Frau gefahren." Auch die Kollegialität unter den Busfahrern gefiel der selbstbewusst wirkenden Frau sehr. "Zu Beginn waren meine männlichen Kollegen natürlich skeptisch. Viele waren der Meinung, eine Frau gehöre nicht hinter das Bussteuer und würde den Männern nur den Job wegnehmen. Am Anfang war ich Einzelkämpfer. Aber hinterher hatten mich alle als Kollegin akzeptiert." Nach etwa drei Jahren bekam die lebensfrohe Frau dann auch Unterstützung von einer zweiten Busfahrerin. "Man hat sich allerdings nur selten gesehen. Es gab zu der Zeit immerhin über 300 Busfahrer in Münster." Bis heute ist die Zahl von Busfahrerinnen bei den Stadtwerken Münster stetig gestiegen. Zurzeit chauffieren insgesamt 52 Frauen die Fahrgäste durch Münsters Straßen. Nach zwölf Jahren Tätigkeit als Busfahrerin stieg Ursula Kleinen, die inzwischen in Altersteilzeit arbeitet, zur Verkehrsmeisterin auf. Von nun an war ihr Arbeitsplatz nicht mehr der Bus, sondern eine Leitstelle, von wo aus sie den Busfahrern über Funk Anweisungen erteilen musste. Sie gibt allerdings zu, dass das Busfahren selbst ihr am meisten Spaß gemacht hat. Als Busfahrer sollte man ihrer Meinung nach nicht nur einen Führerschein mitbringen, sondern vor allem Menschenkenntnis und Hilfsbereitschaft. Ursula Kleinen freute sich immer besonders über die Resonanz der Fahrgäste, denen sie half. "Das fing schon bei ganz kleinen Dingen an. Wenn zum Beispiel ein Rollstuhlfahrer oder eine Frau mit Kinderwagen einsteigen wollten, war es selbstverständlich, dass man als Busfahrer half. Zu meiner Zeit musste man zum Einstieg in den Bus noch Stufen steigen." Kundennähe war immer das Schönste an ihrem Beruf. "Damals begegneten die Fahrgäste den Busfahrern noch anders. Man wurde meistens mit einem freundlichen ,Guten Morgen' begrüßt, und oft haben sich Gespräche zwischen Busfahrer und Fahrgast entwickelt." Die Mutter zweier erwachsener Kinder hatte nie Probleme mit randalierenden Fahrgästen. Sie glaubt, dass den Busfahrern früher mehr Respekt entgegengebracht wurde als heutzutage. "Wenn früher der Busfahrer aufgestanden ist, wurde es schon ruhiger im Bus. Da haben es die Busfahrer heute schwerer."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ärger über zwei Sekunden
Autor
Silvia Vogelsang, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2010, Nr. 184 / Seite N6
Projekt
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