Gierig aufs eigene Bild

Es ist fast Mitternacht, als Berat auf dem Parkplatz unter der Kölner Zoobrücke sein Auto abstellt und sich die Kameratasche über die Schulter hängt. Wenige Meter weiter hält ein Shuttlebus, der die Feierlustigen vom nahe liegenden Deutzer Bahnhof zum Bootshaus, einem angesagten Club in Köln, bringt. Berat Karpuz ist Partyfotograf bei "Rhein-Nights", einem Kultur- und Nightlife-Magazin und wird heute die Partyreihe "Be wild!" mit der Kamera begleiten. Es ist seine dritte Party an diesem Wochenende, die zweite für diesen Abend. Die wievielte es in diesem Jahr ist, kann er schon nicht mehr zählen. Bereits auf dem Vorplatz der Disco hört man den Bass der dröhnenden Musik. Vorbei an der Menschenschlange, die im schwachen Licht unter Regenschirme geduckt eher einer Trauergesellschaft gleicht, geht der Fotograf zum Eingang, wo er freundlich von den Türstehern mit Handschlag begrüßt wird. Während drei jungen Türken mit Irokesenschnitt und grellen T-Shirts der Eintritt verwehrt bleibt, wird der ebenfalls türkischstämmige Karpuz aufgrund seines Fotografenausweises nie mit den Worten "Tut mir leid, aber dein Abend endet heute hier" abgewiesen. Er genießt es, nicht anstehen zu müssen, Freigetränke zu erhalten und zu jeder Party seiner Wahl mit Begleitung kostenfrei zu gelangen. Sobald Berat seine Tasche unter dem Bartresen verstaut hat und den Blitz auf seine Kamera schraubt, stellen sich hinter ihm schon die Ersten für ein Foto auf. Sie umarmen sich, es blitzt, und Berat zeigt den Fotografierten das Bild auf dem Display. Schon nach wenigen Minuten hat er über 20 Fotos geschossen. Immer mehr entdecken ihn und möchten fotografiert werden. Manche küssen sich oder nehmen exzessive Posen ein. "Ein Türsteher zum Schutz wäre manchmal nicht schlecht", lacht der 1,78 Meter große Karpuz, als ihm ein Mädchen auf die Schulter tippt und ein Foto von sich fordert, während er noch drei andere Mädchen ablichtet. Die Posierenden lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Aus seiner Hosentasche holt Berat eine Karte mit dem Logo von "Rhein-Nights", wo die Fotos am nächsten Tag veröffentlicht werden. "Aber Berat, ich kenn' dich doch, ich brauche die Karte nicht", erwidert die Brünette. Es ist dem ehemaligen Hauptschüler anzusehen, dass er seine Rolle gerne spielt und es genießt, im Mittelpunkt zu stehen. "Der Partyfotograf ist mittlerweile auf Partys fast so wichtig wie der DJ", erklärt ein Gast, für den es um "sehen und gesehen werden" geht, frei nach dem Prinzip: Wer am nächsten Tag kein Foto vorzuweisen hat, war auch nicht da. Berat sieht sich "am Anfang auf der Karriereleiter eines professionellen Fotografens". Zurzeit besucht der 19-Jährige die Abendrealschule. Seine Provision von bis zu mehreren 100 Euro je Veranstaltung ist verhältnismäßig hoch. Kurz nach drei Uhr morgens drückt er den Ausknopf seiner Kamera. "371 Fotos sollten reichen." Am nächsten Morgen wird er mit einer SMS geweckt: Wo die Fotos bleiben, wollen ungeduldige Gäste wissen. Die mehr als 15 000 gemachten Fotos im Jahr müssen sortiert, bearbeitet und im Internet hochgeladen werden. Noch verschlafen, ruft Berat seine E-Mails ab. Er retuschiert Hautunreinheiten, rote Augen und versieht jedes Foto mit einem Branding der Nightlife-Community "Rhein-Nights". Seine Mausklicks bei der Bearbeitung der Fotos wirken fast automatisiert. Bei einem Foto hält er inne und denkt an den Kommentar des Jungen zurück, der nun breit grinsend auf dem Bildschirm zu sehen ist: "Je besoffener, desto peinlicher die Fotos."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gierig aufs eigene Bild
Autor
Susannah Laschat. Freie Waldorfschule, Bergisch Gladbach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2010, Nr. 190 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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