Säurefrei und gut sortiert

Wenn ich die Möglichkeit hätte, etwas aus dem Feuer zu retten, dann wäre es das Kriminalprotokoll zu den Hexenprozessen." Das stellt sich Roswitha Link für den Fall vor, dass das Archiv in Flammen stünde. "Das Kriminalprotokoll hat keinen hohen materiellen Wert, aber ist mir persönlich wichtig, da ich es oft bei Führungen zu Anschauungszwecken verwende." Die Geschichts- und Sozialwissenschaftslehrerin arbeitet im Stadtarchiv in Münster. Eine Ausbildung zum Archivar, wie man sie etwa an den Hochschulen in Potsdam und Marburg machen kann, hat sie nicht gemacht. "Als ich auf Jobsuche war, herrschte im Gegensatz zu heute ein Überschuss an Lehrern. Das ist jetzt natürlich anders." Auf dem Rundgang erläutert sie die Aufgaben eines Stadtarchivs. "Alles fängt damit an, dass die Stadtverwaltung oder Einzelpersonen dem Stadtarchiv Dokumente anbieten. So kommt auch nichtamtliches Schriftgut von Einzelpersonen oder Institutionen wie etwa dem Theater hierhin. Aber auch Fotos, Pläne, Poster kann man hier finden. Bevor wir die Dokumente verzeichnen, müssen wir entscheiden, welche Dokumente aufbewahrt werden." Kurz rückt sie ihre Brille zurecht. "Dieser Schritt ist der wichtigste und schwierigste." Das Archiv bewahrt nur fünf Prozent des zugestellten Materials auf. Bei der Sichtung des Materials sind alle Mitarbeiter, mit Ausnahme der Restaurateure, beteiligt. Sie müssen sich immer wieder fragen: Ist dies ein Dokument, das auch in Zukunft noch interessant sein wird? Kann man an ihm erkennen, wie die Menschen in unserer Zeit leben? So bringt der Archivar Ordnung ins Gedächtnis der Stadt. Das Archiv befindet sich in der ehemaligen Speicherstadt. In einem Gebäude sind hier über sieben Etagen verteilt die Dokumente deponiert, Tür an Tür mit den Büros, Arbeitszimmern und dem Lesesaal mit seinen Computern, an denen Besucher arbeiten. In den Kellerräumen lagern wichtige Dokumente, die zur Ansicht in den Lesesaal gebracht werden können. Eine dicke, verriegelte Metalltür versperrt den Zugang. Im Raum ist es kühl. Die optimale Temperatur zur Lagerung von Dokumenten liegt bei 18 Grad, die Luftfeuchtigkeit beträgt 50 Prozent. Ein ungewöhnlicher Geruch fällt sofort auf. "Der Geruch stammt von den Kartons, die absolut säurefrei sind, damit die Dokumente darin nicht angefressen werden." Die schlanke Frau dreht mit beiden Händen an einem der Räder, die sich an jedem der fast bis zur Decke reichenden Regale befinden. Daraufhin rollen die Regale auf Schienen auseinander und lange Reihen von Kartons werden sichtbar. Die 55-Jährige entnimmt ein längliches Buch: "Das hier ist der Antrag einer Frau, die darum bittet, auf dem Markt einen Platz für ihren Stand zu erhalten, damit sie dort Gemüse und Obst verkaufen kann." Während sie erzählt, deutet die Archivarin immer wieder auf einzelne Wörter, die für den ungeübten Leser kaum zu entziffern sind. "Natürlich habe ich auch viel Kontakt zu Menschen, schließlich bin ich nicht umsonst in der Öffentlichkeitsarbeit. Ich organisiere Führungen, setzte mich für die Kooperation mit Schulen ein und bin in einem Arbeitskreis von Archivpädagogen tätig." Sie hat Dienst im Lesesaal, wo sie Fragen der Besucher beantwortet, und erhält Anfragen am Telefon oder per Internet, die sie beantwort. Am häufigsten werden Anfragen nach Geburtsurkunden oder Straßennamen gestellt, die eingesehen werden können, falls die Sperrfrist von 30 Jahren abgelaufen ist. Im Fall der Geburtsurkunden ist die Sperrfrist noch länger; Dokumente dieser Art dürfen erst zehn Jahre nach dem Tod und 100 Jahre nach der Geburt eingesehen werden. "Nach Geburtsurkunden fragen meistens Familienforscher, nach Straßennamen erkundigen sich meistens Anwohner, die in dieser leben. Oft sind Straßen nach Personen aus der Geschichte benannt, entweder aus der lokalen Geschichte der Stadt oder aus der nationalen. Wenn die Person vor Ort gelebt hat, ist eine Recherche im Archiv auf jeden Fall lohnenswert, aber auch zu landesweit bekannten Personen, zum Beispiel Widerstandskämpfern gegen die Nazidiktatur, findet man Dokumente im Archiv." Mitunter gibt es außergewöhnliche Anfragen. "Heute morgen saß ich mit einer Kollegin mehrere Stunden im Keller, wir haben stundenlang in einem Karton gewühlt", sagt sie. "Ein Mann aus England war für eine wissenschaftliche Arbeit auf der Suche nach dem Satz einer bestimmten Sonate, die uns ein Komponist hinterlassen hatte, der hier in Münster lebte."

Informationen zum Beitrag

Titel
Säurefrei und gut sortiert
Autor
Annalena Baasch, Marienschule, Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2010, Nr. 190 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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