Bis zur Schulter im Körper der Kuh

Meerschweinchen kastrieren, Kühe besamen, Kälber einschläfern - Tierärzte haben einen fordernden Alltag. Wenn Veterinärin Jutta Meister unterwegs ist, ist das oft "eine Fahrt ins Ungewisse".

Um acht Uhr betritt Jutta Meister die kleine Tierarztpraxis in Böbingen an der Rems. Sie durchquert das Wartezimmer und steuert den Behandlungsraum an, wo sie von Walter Stahl, ihrem Chef, erwartet wird. Beide besprechen den Tagesablauf. Die schlanke 50-jährige Tierärztin mit den kurzen braunen Haaren hört genau zu und sucht die nötigen Medikamente. Ein ovaler Behandlungstisch in der Mitte und einige Schränke prägen den Raum. Die schlichte weiß-graue Einrichtung zieht sich wie der sterile Geruch von Desinfektionsspray durch die Praxis.

Jutta Meister arbeitet seit 13 Jahren jeden Freitag in der Praxis von Walter Stahl. Bei Bedarf macht sie Vertretungen für ihren Chef, wenn er auf Fortbildungen ist oder Urlaub macht. Mit dem Beruf habe sie sich einen Kindheitstraum erfüllt, sagt Jutta Meister. Zusammen mit ihrem Mann hat sie vor 15 Jahren einen alten Bauernhof auf der Schwäbischen Alb gekauft und hält Pferde, Ziegen, Katzen und einen Hund. Ihre 16-jährige Tochter Anika jeden Tag zur Reitstunde oder am Wochenende zu Turnieren zu fahren ist ebenso zeitintensiv. "Ein Vollzeitberuf würde den Rahmen sprengen, aber einmal in der Woche mache ich meinen Beruf sehr gerne." Sie verabschiedet sich von ihrem Chef, der gerade ein Meerschweinchen kastriert, und steigt in einen roten Opel Astra, der von innen wie eine nach Kuhstall riechende Apotheke wirkt.

Sie fährt auf einen etwas außerhalb liegenden Hof. Ein jungenhafter Mann humpelt in blauer Latzhose und Gummistiefeln über den weitläufigen, grau gepflasterten Innenhof. Er habe einen Baum gefällt und sei zu leichtsinnig gewesen, erklärt der Bauer, so dass der Baum auf ihn gefallen ist. Zum Arzt gehe er nicht mehr. "Die würden mich sowieso nur krankschreiben, und das geht mit dem Hof eben nicht", antwortet er stur auf die Frage der Tierärztin.

Das Kalb, das sie behandeln soll, liegt in einem Iglu, einer kleinen Hütte, in der die neugeborenen Kälber die ersten Tage ihres Lebens verbringen. Es liegt apathisch auf der Seite, sein schwarz-weiß geflecktes Fell wirkt stumpf im Stroh. Es scheint die Außenwelt nicht richtig wahrzunehmen. Schnell hat die Tierärztin eine wenig erfreuliche Diagnose. Das zwei Tage alte Kalb hat einen Darmverschluss. Da es kaum Aussichten auf Heilung gibt, einigen sich die Tierärztin und der sichtlich enttäuschte Bauer, das Tier nicht länger leiden zu lassen und es einzuschläfern.

Es bekommt zuerst ein einfaches Narkosemittel, son dass es nichts mehr mitbekommt, und erst danach die tödliche Dosis. Es dauert nicht lange, bis das Kalb aufhört zu atmen und kein Pulsschlag mehr spürbar ist. Man hört die Kühe im Stall und das Surren eines Traktors in der Ferne, ansonsten ist alles still. Der Bauer geht betreten zwei Schritte zurück und schaut betroffen zu Boden, während die Tierärztin noch ein letztes Mal das leblose Kalb untersucht.

"Solche Situationen gehören zu den weniger schönen Momenten in meinem Beruf", unterbricht sie seufzend das Schweigen. "Aber das gehört eben auch dazu." Danach führt der Mann sie in seinen großen hellen Kuhstall. Links stehen die Jungtiere, rechts die Milchkühe. Die 70 Kühe können sich in dem recht neuen, gut gepflegten Laufstall frei bewegen. Es gibt verschiedene Zonen: einen Fressbereich, einen Liegebereich, eine Waschanlage und natürlich einen Melkstand.

Jutta Meister zieht das Besamungsrohr auf. Das dünne Edelstahlröhrchen sieht aus wie eine riesige Spritze und enthält den Samen des Bullen, den der Bauer zuvor aus verschiedenen ausgewählt hat, die im Tierarztauto in einem Stickstoffbehälter bei minus 190 Grad lagern. Mit einem Handschuh, der ihr fast bis zur Schulter geht, fasst sie von hinten in die Kuh, um den Samen an die richtige Stelle zu plazieren. Der beißende Mistgeruch und die umherlaufenden Kühe machen ihr schon lange nichts mehr aus, sagt sie, als sie schon wieder im Auto sitzt und den nächsten Hof ansteuert.

Dort angekommen, merkt man sofort, dass hier andere Bedingungen herrschen. Am Rand des geschotterten Weges liegen Bauabfälle, in dem niedrigen, dunklen Kuhstall ist schlechte Luft. Die Kühe können sich zwar frei bewegen und sind nicht angebunden, aber der Stall wirkt trotzdem überfüllt. Der Bauer, der ungeduldig gewartet hat, scheint schon von Anfang an zu wissen, was getan werden muss und was nicht. Er wirkt ungepflegt und fahrig.

Die Kuh hat gestern eine schwere Geburt gehabt und kann kaum noch aufstehen. Nach der ersten Untersuchung empfiehlt die Tierärztin, der Kuh eine Infusion zu geben. Das lehnt der hagere Mann sofort ab. Für eine Infusion müsste er die Kuh anbinden, und das will er nicht. Er möchte, dass ein Ketosetest durchgeführt wird und die Kuh ein Antibiotikum bekommt. Der Test überprüft die Energieversorgung einer Kuh. Meister widerspricht ihm nicht, sie weiß, dass sie sich besser nicht auf eine Diskussion einlässt.

Nach der Behandlung schreibt sie wie jedes Mal alles sorgfältig auf. Dann geht es zum nächsten Patienten. Eine Frau hat völlig aufgelöst angerufen. Ihre elf Jahre alte Hündin Coco erbricht, hat Durchfall und frisst nicht. Das sind, außer dem Namen der Besitzerin und der Adresse, die einzigen Informationen, die die Tierärztin bekommt. "Es ist oft eine Fahrt ins Ungewisse. Man weiß nicht, was einen erwartet. Aber mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, was den Tieren fehlt." Vor einem kleinen Haus an der Hauptstraße in Göggingen, einem Ort am Fuß der Schwäbischen Alb, parkt sie. Eine Frau erwartet sie am Gartentor. Sie ist die Tochter der 80-jährigen Besitzerin und extra angereist, um mit der Tierärztin zu sprechen.

Im Garten kommt ihr schwanzwedelnd die weiße Hündin entgegen. Der Blick fällt sofort auf eine bräunliche Flüssigkeit, die aus ihrem Hinterteil kommt. Noch bevor sie den Hund untersucht hat, äußert Jutta Meister vage einen Verdacht: "Es handelt sich hier nicht um Durchfall, sondern das sieht mir ganz deutlich nach einer Gebärmutterentzündung aus." Leider bestätigt sich der Verdacht. Sie behandelt Coco vorübergehend, denn heilen kann sie die Hündin nicht. Als sie die Besitzerin vor die Entscheidung stellt, das Tier einschläfern oder operieren zu lassen, bricht die Besitzerin in Tränen aus. Obwohl die Operation bei einem so alten, schwachen Hund riskant ist, rät die Tierärztin dazu. Mutter und Tochter versprechen, bis morgen eine Entscheidung zu treffen.

Nun geht es auf einen Aussiedlerhof. Am Wohnhaus ist ein Hund an einer rostigen Metallkette angebunden, einige Hühner laufen gackernd umher. Der Bauer in einer staubigen Arbeitshose, T-Shirt und robusten Arbeitsschuhen kommt Jutta Meister freundlich entgegen. Er sorgt sich um drei kranke Kälber. Es entpuppt sich als Suchspiel, die richtigen aus der kleinen Herde herauszusuchen. Die schwere Atmung der Jungtiere lässt auf eine Infektion schließen. Sie haben eine Lungenentzündung mit Fieber, Durchfall und Husten. Die Tierärztin muss eingreifen, bevor sich andere Kälber anstecken. Deshalb spritzt sie die erkrankten Tiere. Sie ist zuversichtlich, dass sie in ein paar Tagen gesund sind.

Die Sonne scheint, deshalb hat die Tierärztin heute sonst nichts mehr zu tun, da die Bauern auf ihren Feldern sind. Bei schlechtem Wetter ist es manchmal schwer, allen gerecht zu werden, weil sie sich vor Aufträgen kaum retten kann. Zurück in der Praxis, bespricht sie die Fälle mit ihrem Chef, damit er für eventuelle Nachbehandlungen Bescheid weiß.

Informationen zum Beitrag

Titel
Bis zur Schulter im Körper der Kuh
Autor
Anika Vogt
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2012, Nr. 147, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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