Rosskur für den Rappen

Mit einem fröhlichen "Guten Morgen" betritt Thomas Püning die Stallgasse. Er zieht einen großen Werkzeugkoffer hinter sich her. Jasmin erwartet ihn schon. Ihr schwarzes Pferd steht neben ihr, angebunden an der Tür zu einer der Stallboxen. Nervös versucht der Rappe eine Drehung, um den Besucher in den Blick zu bekommen. "Geht es um ihn?", fragt Püning. Die Pferdebesitzerin nickt: "Das ist Sandro Stern. Er ist erst fünf und hat ein bisschen Angst vorm Zahnarzt." "Der kennt mich doch noch gar nicht", gibt der 34-Jährige leicht amüsiert zurück: "Ist denn Doktor Krövert schon da?" Prompt fährt ein grüner Jeep auf den Hof. Der Fahrer steigt aus und kommt sofort zur Sache: "Zwei Pferde heute?" Tierarzt Clemens Krövert tätschelt das ängstlich blickende Pferd. Doch es bleibt kaum Zeit für Sandro Stern, sich groß aufzuregen. Schnell setzt der Veterinär die Spritze in den Hals des Pferdes und zieht das Betäubungsinstrument einen Wimpernschlag später wieder heraus. "Braves Pferd", lobt Jasmin ihren Wallach.

Thomas Püning ist Pferdedentalpraktiker. Die meisten nennen ihn "Pferdezahnarzt", aber das ist nicht ganz richtig, denn das Studium der Tiermedizin hat er nicht absolviert. Deswegen darf er auch kein Tier betäuben. Vor jeder Behandlung muss ein Tierarzt kommen, um die großen Patienten ruhigzustellen. Ohne Betäubung brächten keine zehn Pferde ein anderes dazu, sich tief ins Maul fassen zu lassen. "Zähne und Kiefer sind für Gesundheit und Wohlbefinden des Pferdes sehr wichtig", erklärt Püning, ein sportlicher Typ mit kurzen, dunkelblonden Haaren, die mittels Haargel so aufrecht stehen wie beim Igel die Stacheln. "Die modernen Pferde haben sich den veränderten Lebensbedingungen nicht anpassen können." In grauer Vorzeit gab es nur Wildpferde, die nichts anderes fraßen als Steppengras. Das war grobfaseriges Futter und nutzte die Pferdezähne gleich und stark ab.

Was heute so alles aus dem Boxentrog in den Pferdemagen gelangt, macht im Maul nur kurze Zwischenstation und fordert dort von den Pferdezähnen viel weniger, als sie leisten könnten. Energiereiches, weiches Mischfutter aus Hafer, Heu, Mais oder Obst und obendrein noch Kraftpellets sind mürbe Mahlzeiten. Diese dentale Unterbeschäftigung bewirkt, dass im Pferdegebiss von heute scharfe Kanten, Krümmungen und Zahnüberlängen entstehen. Diese modernen Missbildungen des natürlichen Kauapparates führen oft zu Beschwerden bei der weiteren Verdauung und können das empfindliche Zahnfleisch verletzen. "Das Pferdegebiss muss also künstlich abgerieben werden, sonst frisst der Liebling der Reiter nicht mehr richtig." In der Stallgasse packt Püning den Koffer aus. "Ist Sandro Stern schon eingeschlafen?" Der betäubte Wallach steht in seiner Box, lässt den Kopf hängen, seine Augen werden immer kleiner. Der kräftige Mann nimmt einen im Durchmesser etwa 30 Zentimeter großen Kunststoffring und befestigt ihn am Seil über der Boxentür. Unterdessen streift die Pferdebesitzerin das Halfter des Pferdes von dessen Kopf. So kann Püning das Haupt des inzwischen weggeschlummerten Pferdes in den Ring heben. In manchen Ställen lässt sich eine solche Halterung nicht befestigen. Dann müssen der Dentalpraktiker und ein Helfer den Pferdekopf während der Behandlung, die eine halbe Stunde dauert, halten. "So ein Pferdekopf ist deutlich schwerer als das Haupt eines Kanarienvogels, da kommt man schneller ins Schwitzen", lacht Püning.

Im Stil eines Bergarbeiters setzt er sich einen Lampenstrahler auf den Kopf, um das Gebiss auszuleuchten. Mit der einen Hand schiebt er die Oberlippe des Pferdes hoch, so dass die Schneidezähne komplett zu sehen sind. Jasmin steht neben ihrem Schützling. Ihr Blick verrät reines Mitleid. Für derlei Gefühle sind Pferdedentalpraktiker nicht geschaffen. Püning spült mit einer gewaltigen Wasserspritze das Pferdemaul sauber. Nun kann die eigentliche Behandlung beginnen.

Wichtigstes Behandlungsbesteck ist ein elektrisch betriebenes Schleifgerät mit einer 15-Zentimeter-Schleifscheibe. Die Geschwindigkeit und damit die Intensität des Zahnschliffs bestimmt der Fachmann wie bei einer elektrischen Nähmaschine durch das Pedal. Die Schleif- und Sägegeräusche sind fast wie in einer Metallwerkstatt und gehen durch Mark und Bein. Und bald riecht es auch noch nach verbranntem Horn. "Ich raspele die Schneidezähne, um sie mit den Backenzähnen auf eine Höhe zu bringen", erklärt der zupackende Mann gelassen. Dann blickt er in den Schlund, streift den Ärmel seiner Fleecejacke hoch und versenkt seinen Unterarm im Maul, um Backenzähne abzutasten. Eine überdimensionale Zahnbürste schiebt die lange Zunge zur Seite. Die Backenzähne weisen gefährlich scharfe Kanten auf. Zwei Boxen weiter wird gleich das nächste Pferd zu behandeln sein. Dabei wird sich herausstellen, dass die hinteren Zähne durch Futterabrieb so rauh geworden sind, dass die Zunge verwundet ist und sich wildes Fleisch gebildet hat. Für die Fachleute ist es unfassbar, dass das Pferd überhaupt noch fressen konnte.

Wie man mit Pferden umgeht, hat Thomas Püning von Kindesbeinen an auf dem Bauernhof seiner Familie im münsterländischen Everswinkel gelernt. Seine Eltern haben dort vor dreißig Jahren das Therapie- und Bewegungszentrum Püning-Schopmann zur Heilung erkrankter Pferde gegründet. Nach dem Schulabschluss erlernte er seinen Beruf in Kanada. Er ist Mitglied der "Internationalen Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne" und sagt: "Es gibt Gott sei Dank immer mehr Pferdedentalpraktiker in Deutschland, weil die Pferdehalter erkannt haben, wie wichtig die Zahnpflege für die Gesundheit der Pferde ist. Aber es sind immer noch zu wenige." Nach Stationen bei Pferdeprofis im Ruhrgebiet, in München, Kanada und den Vereinigten Staaten leitet er heute mit seinen Eltern das Therapiezentrum.

Sandro Stern steht benommen in der Box. "Am besten reiten Sie morgen nicht und übermorgen nur ein bisschen Schritt, damit er sich an sein neues Gebiss gewöhnen kann", rät Püning. Auch Karies können Pferde bekommen: "Also nicht zu viel Zucker. Rund 90 Prozent der Pferde plagen sich angeblich unnötig mit Zahnproblemen. Dabei kostet eine Zahnbehandlung nur etwa 130 Euro, und das ausbalancierte Gebiss ist für die Pferdegesundheit genauso wichtig wie der korrekte Hufbeschlag. Nur dass es jeder sieht, wenn das Hufeisen halb daneben hängt."

Sandro Stern will schon wieder Stroh fressen, doch seine Besitzerin hält ihn zurück. "Binden Sie ihn ganz kurz an, damit er nichts frisst. Heu in zwei Stunden, Kraftfutter erst, wenn er wieder ganz wach ist." Wenn sie noch im Halbschlaf sind, kauen Pferde nicht richtig, und das Risiko einer Kolik wird größer. Thomas Püning packt seinen Koffer: "In einem Jahr sehen wir uns wieder."

Informationen zum Beitrag

Titel
Rosskur für den Rappen
Autor
Cosima Baumeister
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2012, Nr. 147, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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