Mit Hunter ins rosa Herz

In der Schule wird es still, als die Frauenstimme aus den Lautsprechern erklingt. Bei der Nennung der Namen ist jeder Schüler der Callaway-High-School in Georgia gespannt. Sydney Cook zappelt vor Freude, als auch dieses Jahr ihr Name unter den aufgerufenen Mädchen des elften Jahrgangs ist. Sie ist wieder eine von sieben Mädchen, die es in die letzte Runde zur Wahl der Homecoming-Princess geschafft haben. Diese Wahl findet einmal jährlich an vielen High Schools statt. Die Ehrung findet öffentlich in der Pause eines Footballspiels statt.

"It feels great to win Homecoming, it makes you feel loved and liked by most of the people in your grade", sagt das 17-jährige Mädchen mit schokoladenbraunen Haaren, die heute in vollen Locken und morgen seidenglatt auf ihren Rücken fallen. Ihre strahlenden, dunklen Augen lächeln jeden an, der ihr begegnet. Sie hatte den Titel in der zehnten Klasse gewonnen und hofft, auch dieses Jahr zu gewinnen. Denn es ist viel mehr als ein Titel, es ist eine große Party und zeigt, wer in der Schule der beliebteste Schüler ist. Es gibt eine Vorwahl, einige Tage später die Endwahl, bei der Princess und Prince gekürt werden. "Sydney Claire Cook" ertönt es in der ganzen Schule, als die Gewinnerin des elften Jahrgangs aufgerufen wird. Sydney und einige ihrer Freunde jubeln, nach Schulschluss läuft sie zu ihrem Auto und dreht die Musik, Hip-Hop und Rap, noch lauter auf als sonst.

Um das beliebteste Mädchen der Schule zu sein, muss man einiges leisten. Für Sydney bedeutet das, viermal in der Woche zwei Stunden zum Cheerleading-Training zu gehen. Abends daheim ist Dee, ihre Mutter, stolz auf ihre drittälteste Tochter und berichtet gerührt, wie schon ihre ältere Tochter Jill im Jahr zuvor beim Homecoming gewonnen hat. Sie wurde sogar zur Homecoming-Queen gekrönt, ein Titel für den Abschlussjahrgang, den die ganze Schule wählt und der zeigt, dass man eine lebendige und temperamentvolle Persönlichkeit hat.

Zum Tag der Ehrung kommen viele ehemalige Schüler und begründen so den Namen des Events: Homecoming. In der großen Teilnehmeranzahl spiegelt sich der amerikanische Patriotismus wider. Das Fest ruft jedoch auch Kritik hervor, da Intelligenz und Leistung kaum eine Rolle spielen. Aaron Weddle, der Schüler mit den besten Noten des zwölften Jahrgangs, moniert, dass Oberflächlichkeiten für viele seiner Mitschüler wichtiger als menschliche Werte und Leistungen seien.

Auch in Sydneys Welt ist nicht alles perfekt. Als sie am folgenden Tag zu ihrem Auto auf dem Schülerparkplatz geht, sieht sie das Geschmiere schon von weitem. Auf den Fenstern sind Bilder und Wörter gekritzelt. Sie ärgert sich über Neid und Eifersucht. Schon voriges Jahr waren zwei Mädchen gemein zu ihr und haben üble Gerüchte verbreitet. Sydney ist traurig darüber, da diese Mädchen auf der Middle-School ihre besten Freundinnen waren. Stört es sie, dass Sydney mit dem begehrten Homecoming-Prince Hunter eingehakt über den Platz gehen darf? Sydney sieht in Hunter nur einen guten Freund, mit dem sie sich bei dem großen Auftritt schmücken kann.

Beim obligatorischen Footballspiel am Freitagabend werden die Schüler in der Halbzeitpause geehrt. Helfer bauen ein großes Herz aus rosa Luftballons in der Mitte des Rasenplatzes auf. Die Gewinnerinnen tragen wunderschöne lange Kleider, die Gewinner einen eleganten Anzug. Dass Sydney sich in ihrem extravaganten trägerlosen Kleid wohl fühlt, ist unschwer zu erkennen. In Rosa und Gold mit glänzenden Steinen besetzt, fällt es auf ihre farblich perfekt abgestimmten High Heels herab. Sie versteckt ihr Lampenfieber unter einem breiten Lächeln. Ihre Haare sind zu einer aufwendigen Hochsteckfrisur zusammengebunden. Die Gewinner des jüngsten Jahrgangs sind zuerst an der Reihe, das Paar steht in einem Blitzlichtgewitter im rosafarbenen Herz. Die Zuschauer gratulieren mit Jubel und Standing Ovations.

Die Direktorin der High School, deren Kleidung jeden Tag an die Farben der Schule, Schwarz und Rot, angepasst ist, ehrt die Gewinner und berichtet kurz die wichtigsten Ereignisse aus deren Leben. Endlich stehen Sydney und Hunter in dem Herz. Ihre Familien applaudieren lautstark, und Beifallrufe sind aus der Menge zu hören. Die Direktorin berichtet von der First Baptist Church, die Sydney besucht, und von vielen sozialen Clubs, in denen sie Mitglied ist. Außerdem erzählt sie von ihrem Zukunftsplan, die Columbus State University zu besuchen und Business Management zu studieren.

Die 17-Jährige hofft, eines Tages eine eigene Cheerleading-Trainingshalle zu besitzen. Als der Beifall schließlich verstummt, wird das Footballspiel fortgesetzt. Das Team der Schule verliert. Doch das stört kaum jemanden, denn alle Gedanken sind bereits bei der Outfitauswahl für den Homecoming-Ball am nächsten Abend.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit Hunter ins rosa Herz
Autor
Stephanie Schulz
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2012, Nr. 153, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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