Die Gastgroßeltern freuen sich über Leben im Haus

Der salzige Wind zieht in alle Ritzen und wirbelt Eva Krafts dunkelbraune Locken durcheinander. Zusammen mit dem älteren Ehepaar neben ihr, das sich ebenfalls die Arme um den Brustkorb schlingt, blickt sie auf das Meer an der Südküste Englands hinaus. Die kleine Gruppe ist mit einem roten Fiat auf einen Aussichtspunkt über dem Küstenort Eastbourne gefahren, rund 100 Kilometer von London entfernt.

Von dort kann man die Stadt und die rauhe See, deren Wellen heftig gegen die Kreidefelsen schlagen, gut überblicken. Dreht man sich um, sieht man nichts als ein Meer aus Gräsern, die von Windböen ruckartig durcheinandergewirbelt werden. Den unzähligen kauenden Schafen mit zotteligem Fell scheinen die widrigen Umstände nichts auszumachen.

Eva aus Karlsbad bei Karlsruhe macht hier zwei Wochen Sprachurlaub. Die ältere Frau mit den adretten grauen Locken ist ihre Gastoma Rita. "Siehst du das Notruftelefon da hinten?", fragt sie. "Die Klippen sind ein beliebter Ort für Suizidgefährdete. Wenn man den Hörer abnimmt, wird einem von den schönen Dingen des Lebens erzählt, leider hilft das nicht in jedem Fall."

Zusammen mit ihrem italienischen Mann Vincenzo, der Flughafenarbeiter war und sich in seiner Freizeit gerne dem Drechseln widmet, nimmt Rita Difrancescomarino seit 2009 deutsche Sprachschüler auf. Das Paar wohnt in einem kleinen Reihenhaus mit Garten, das fast schon so idyllisch wirkt, als käme es aus einem Kinderbuch. Es steht im Stadtteil Langney, etwas außerhalb vom Stadtzentrum in ruhiger Nachbarschaft. Evas Zimmer passt mit den Teddybären, großäugigen Puppen auf den Schränken und den hellen Möbeln zur heimeligen Atmosphäre.

Da das Ehepaar nicht mehr arbeitet, hat es viel Zeit, sich um die jungen Gäste zu kümmern. Früh am Morgen, wenn Eva sich für die Schule fertigmacht, ist der 76 Jahre alte Vincenzo schon wach, hat Buttertoast und schwarzen Tee für sie gemacht und sitzt im grünen Morgenmantel vor dem Fernseher, eine große Tasse Kaffee in der Hand. Auf die Frage, warum er mit seiner Frau überhaupt noch Sprachschüler aufnimmt, erklärt er, dass die Jugendlichen Lebendigkeit in das Haus brächten und ihn und seine Frau in gewisser Weise jung hielten. "Es macht Spaß, sich um unsere Gäste zu kümmern, dadurch sind wir beschäftigt, und das bereichert uns sehr", fügt er mit seinem typisch breiten Lächeln hinzu, das quer über sein braungebranntes Gesicht verläuft.

Das merkt auch Eva während ihrer Zeit in England. Zum Beispiel, als sie von der Schule kommt und die Sachen auf ihrem Schränkchen fein säuberlich aufgeräumt vorfindet. Überall ist spürbar, dass sie ein willkommener Gast ist. Doch es gab auch schon Schüler, wenn auch nur wenige, die Probleme machten. "Da war ein Mädchen, das ein wenig zu neugierig war. Sie schaute überall ungefragt in unsere Schränke und wollte sich andauernd alles selbst nehmen", erinnert sich Rita. Ansonsten aber hätten sie sehr viel Glück gehabt, bezeugt sie nickend. Rita und Vincenzo treten Eva aufgeschlossen gegenüber, zum Beispiel, als sie fragt, wer die Personen auf den unzähligen Fotos im Wohnzimmer sind. Fast die ganze Familie ist vertreten. Die Kinder mit Enkeln, Vincenzos italienische Verwandtschaft und Urlaubsfotos in Holz- oder Glasrahmen bilden so etwas wie eine zweite lebendige Tapete, die den Raum noch ein wenig winziger erscheinen lässt, als er sowieso schon ist.

Wenn Eva in ihrer Freizeit nicht gerade auf Ausflügen in London oder Brighton ist oder durch die Stadt schlendert, um den Pier mit Spielhalle oder den sieben Kilometer langen Sandstrand zu erkunden, genießt sie die Zeit zu Hause. Im Wintergarten liest sie die englische Tageszeitung, während draußen Spatzen über den Rasen hüpfen und unter lautem Gezeter im Gebüsch verschwinden.

Die beiden Pensionäre leben schon so lange in Eastbourne, dass sie sich bestens auskennen. Rita meint einmal nach kurzem Überlegen, dass es bei Harry Ramsden's in der Terminus Road, einem traditionsreichen Restaurant mit dunkelroten Fensterrahmen, die besten Fish 'n' Chips gebe. Vincenzo erzählt nach dem Abendessen gerne ausschweifend von seiner Kindheit in Italien, vom Familienleben und natürlich vom Essen. Er hat seine ganz eigenen Rezepte für Nudelsaucen entwickelt und steht gerne in der Küche, um seinen Gästen und natürlich seiner Frau leckere italienische Gerichte zu kochen. Diese ist ein wenig ruhiger als er, aber genauso offenherzig und liebenswert, eben wie eine richtige Großmutter.

Die beiden haben sich 1983 in einer Hotelbar kennengelernt, und auf einen Schlag war es um Vincenzo geschehen. "Ich musste diese Schönheit hinter der Theke einfach ansprechen", erinnert er sich. Zwei Jahre später heirateten sie und haben seitdem viele Ferien in Italien verbracht, unter anderem in Napoli, Capri oder Rom. Heute müsse man alles ein wenig langsamer angehen, das Alter mache ihnen schon manchmal zu schaffen, erklärt er noch. Aber es sei in Ordnung, wie es im Moment laufe, und darüber freuten sich Rita und Vincenzo sehr. "Wir hatten ein wundervolles Leben, man kann sich wirklich nicht beklagen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Gastgroßeltern freuen sich über Leben im Haus
Autor
Julia Kraft
Schule
Gymnasium Karlsbad , Karlsbad
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2012, Nr. 153, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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