Hinter dem eisernen Vorhang

Simone Großmann hat das Gelingen einer Aufführung in der Hand. Aber für das Publikum des Braunschweiger Theaters bleibt die Inspizientin unsichtbar. Die Huren zu mir bitte, die Huren zur Inspizientin." Eine kleine Frau mit braunen Locken, die linke Hand in die Hüfte gestemmt, in der anderen ein Funkgerät, steht hinter der Bühne des Braunschweiger Staatstheaters. Vorn werden noch letzte Szenen aus der Inszenierung der "Dreigroschenoper" durchgegangen. Weiter hinten wird bereits gefegt. Ein rascher Blick auf die Armbanduhr, dann folgt eine weitere Ansage über Funk: " An die Kollegen von der Technik, die Leiter hinter den Schränken fehlt noch." Der Arbeitsbereich von Simone Großmann ist klein, wirkt geradezu provisorisch. Er befindet sich direkt neben der Tür, die von den Garderoben auf den Bühnenbereich führt. Ein Pult mit vielen Knöpfen und zwei Bildschirme. Der eine zeigt den Dirigenten im Orchestergraben, der andere das Geschehen auf der Bühne. Außerdem eine Digitaluhr, deren rote Ziffern unaufhaltsam vorrücken. "Unsere Arbeit hier ist fast immer ein Wettlauf gegen die Zeit. Da kann ein Stück schon seit Monaten im Programm sein, und trotzdem gibt es im Vorfeld immer wieder unerwartete Probleme." Wie zum Beispiel Unebenheiten auf den "Brettern, die die Welt bedeuten". Doppelseitiges Klebeband soll das Problem beheben. Simone Großmann hat alles im Blick. Noch ist fast eine Stunde Zeit bis zur Aufführung. Die Huren haben ihre Szene durchgespielt, das Einsingen ist abgeschlossen. Die obligatorischen technischen Kontrollen sind an der Reihe. Unter den Augen von Polizei und Feuerwehr wird die Funktionsfähigkeit des eisernen Vorhangs getestet, einer für den Brandfall installierten metallenen, herunterfahrbaren Wand. "Technik, einmal die Sprenkler bitte!" Aus Düsen über der Bühne wird Wasser in den Raum gesprüht. Bei der Aufführung darf die Luft für die Gesangsszenen nicht zu trocken sein. Eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung hat die Inspizientin eine kurze Verschnaufpause. Auf der Straße vor dem Bühnenaufgang versammeln sich Raucher und jene, die noch einmal Luft schnappen wollen. "Bei Kindermärchen muss man an dieser Stelle schon aufpassen. Die Gruppen kommen meistens mit Bussen hier an, und wenn dann ein rauchender Mogli auf der Straße steht, ist das für die Kleinen sehr verwirrend." Simone Großmann lacht. Dass es ihr Lebenstraum war, Inspizientin zu werden, kann man nicht sagen. "Ans Staatstheater bin ich eher zufällig geraten." Studiert hat die gebürtige Braunschweigerin Theaterwissenschaften in Berlin. Während eines Praktikums am Staatstheater Braunschweig hospitierte sie in der Regie. Man bot ihr eine Stelle als Regieassistentin an. Sie bricht ihr Studium ab, wird in Braunschweig fest angestellt. Fünfzehn Minuten vor Vorstellungsbeginn begibt sich Simone Großmann an ihr Technikpult. Die Requisiten stehen bereits auf der Bühne, der Vorhang ist heruntergelassen. Ein letzter Schluck aus der Wasserflasche, eine Durchsage in den Garderoben: "Noch zehn Minuten bis zur Aufführung." Ein letzter Gang zur Toilette. "Die Aufregung bleibt, egal, wie viele Aufführungen man schon miterlebt hat", sagt die 45-jährige. Der erste Gong im Zuschauerbereich erklingt: Die Aufforderung, sich langsam auf die Plätze zu begeben. Beim Ertönen des zweiten Gongs versammeln sich die Schauspieler der ersten Szene hinter der Bühne. Der Bildschirm im Pult der Inspizientin zeigt, wie sich die erste Reihe hinter dem Dirigenten mit Zuschauern füllt. "Geht es los?", fragt eine Schauspielerin. "Wenn der Dirigent sich bequemt, zu mir zu kommen, dann geht es auch los", sagt Großmann. Ein Mann in Parker und Trainingshose, eine Bierflasche in der Hand, kommt durch die Tür. "Na also, dann können wir ja anfangen." Der Running Gag der Inszenierung: Alle Musiker spielen, thematisch passend zur "Dreigroschenoper", in Bettlerkleidung. Der dritte Gong. Dann das Zeichen der Inspizientin, das Licht im Publikumsbereich zu löschen. Die für die Beleuchtung zuständigen Mitarbeiter sitzen hinter den Zuschauern auf der anderen Seite des Saals. Man verständigt sich über Leuchtsignale und Funkgeräte. Anschließend drückt Simone Großmann einen Knopf, der dem Dirigenten Bescheid gibt, dass sein Einsatz gekommen ist. Zu den ersten Tönen des Orchesters begeben sich die Schauspieler auf ihre Positionen. Simone Großmann hebt zwei Finger, das Zeichen zur Vorbereitung für den Vorhangzieher. Mit dem Sinken ihrer Hand öffnet sich der Vorhang. Die Vorstellung beginnt. Vor sich auf dem Pult hat die Inspizientin einen Plan über den genauen Ablauf der Aufführung. Mit bunten Punkten und Anmerkungen an den Rändern sind kompliziertere Stellen gekennzeichnet. Vor jeder Szene gibt sie den beteiligten Schauspielern in den Garderoben Bescheid. Sie hat das Gelingen der Aufführung zu einem großen Teil in der Hand. Und doch bleibt sie für das Publikum unsichtbar. "Das Wichtigste ist, dass der Zuschauer nichts merkt." Kleine Pannen kommen immer mal wieder vor. Der Vorhang bleibt auf der linken Seite am Bühnenbild hängen. "Das kommt durch die Windzirkulationen im Raum, da kann man nichts machen." Das Dimmen des Lichts, das Blinken der Leuchtdioden an den Stufen zum Orchestergraben im Takt der Musik - all dies fällt einem Zuschauer nicht auf. Trotzdem werden alle technischen Probleme von Simone Großmann in einem Bericht vermerkt. "Eigentlich müsste ich hier auch mal meinen Stuhl eintragen", sagt sie und steht auf. Ein lautes Quietschen ist zu hören. Sie ist trotz ihrer quirligen Art so etwas wie der Ruhepol hinter der Bühne. Gibt es Unsicherheiten, ist sie der erste Ansprechpartner. Der Umgang untereinander ist freundschaftlich. Im Anschluss an die Vorstellung treffen sich viele der Mitwirkenden noch auf einen Plausch in der Kantine. Hier scheint jeder zu wissen: Nur wenn alle ihren Part gut machen, gelingt eine Vorstellung, egal, ob von den Zuschauern bemerkt oder nicht. In einer der letzten Szenen der Inszenierung wirkt es, als ob der Darsteller des Jonathan Jeremia Peachum eine Gardine vor einem Fenster der Kulisse zuzieht. Zeitgleich gibt Simone Großmann das Zeichen an einen Assistenten, der die Gardine von hinten synchron mit den Bewegungen des Schauspielers verrücken muss. "Das ist Theater", sagt Simone Großmann, lacht und setzt sich wieder auf ihren quietschenden Stuhl.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hinter dem eisernen Vorhang
Autor
Leonie Kayser. Martino-Katharineum, Braunschweig
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2010, Nr. 190 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180