Gesangbuch mit Geheimfach

Die schönsten Dinge auf der Welt sind die nutzlosesten." Mit diesem Spruch von John Ruskin, einem englischen Schriftsteller und Maler, wird man begrüßt, wenn man den Laden "Such und Find - altes Spielzeug und mehr" im Heusteigviertel im Stuttgarter Süden betritt. Nach nur etwa zehn Schritten steht man schon vor dem kleinen Verkaufstresen, hinter dem Jörg Trüdinger, ein mittelgroßer Mann mit braunen Haaren, gemütlich seinen Kaffee schlürft.

Doch Pausen kann sich der 44 Jahre alte Brillenträger in diesem Geschäft kaum gönnen. Beim An- und Verkauf zählt das Motto "Zeit ist Geld" im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn Kunden mit alten Fundstücken von ihren Dachböden oder Kellern in den Laden kommen, muss Jörg Trüdinger schnell entscheiden, ob die Sachen etwas wert sind, und, wenn ja, wie viel. Die Leute bringen manchmal viele kleine Einzelteile, dass man sich nicht zu lange aufhalten darf. Natürlich wollen die Kunden gleich wissen, ob ihre Ware angekauft wird und zu welchem Preis.

Schon im Alter von zwölf Jahren ging Jörg Trüdinger jeden Samstag auf Flohmärkte, um seiner Sammelleidenschaft nachzukommen. Er begann ein technisches Betriebswirtschaftsstudium in Stuttgart und betrieb in seiner freien Zeit einen eigenen Stand. Danach wollte er sofort sein eigenes Geschäft eröffnen, wobei ihm das Wissen, das er im Studium erlangte, geholfen hat.

Durch Trüdingers jahrelange Flohmarkttätigkeit hatten sich so viele Gegenstände angesammelt, dass sie den Grundstock für den Laden bildeten. Die Regale baute er selbst. Durch seine Erfahrung wusste er sofort, wie er mit seinen Kunden umzugehen hat. "Eine einheitliche Zielgruppe hat mein Laden nicht, jeder sammelt irgendetwas. Überwiegend bestehen meine Kunden aber aus Menschen von 40 bis ungefähr 60 Jahren. Das liegt wohl daran, dass man in diesem Alter an seine Kindheit zurückdenkt und nach diesen Dingen sucht."

Im Laufe der Jahre hat sich der Laden kaum verändert. Es werden nach wie vor Modelleisenbahnen und Autos, Schallplatten, Blechspielzeug und Comics verkauft. Das Einzige, was heute anders ist, sind die Kunden. Durch das Internet sind sie sensibler geworden, vergleichen Preise und kennen sich besser aus. Angst vor dem Internet hat Jörg Trüdinger aber nicht. Im Gegenteil: "Durch das Internet können wir auf der ganzen Welt verkaufen. Wir verschicken in 44 verschiedene Länder. Manche Artikel haben auch erst im Ausland einen Abnehmer gefunden." Bestimmte Waren, mit denen er am liebsten handelt, hat er nicht. Da er in so engem Kontakt mit seiner Kundschaft steht, mag er es, Dinge angeboten zu bekommen, die eine Geschichte erzählen.

Eines seiner kuriosesten Einzelstücke war ein Gesangbuch eines deutschen Kriegsgefangenen. "In das Gesangbuch wurde ein Hohlraum geschnitten, in dem man Zigaretten oder andere Dinge, die die russischen Soldaten einem abnehmen wollten, verstecken konnte." Dieses Gesangbuch hat auch tatsächlich einen Abnehmer gefunden, genau wie eine alte Spendenbox für den Wiederaufbau von Stuttgart, Holzspielzeug mit dem Stempel "Preisüberwachung" und eine Einladung zur Weihnachtsfeier vom VFB Stuttgart aus dem Jahre 1913. Die Kunden halten den Laden für etwas Besonderes. "Sammeln ist etwas Persönliches, deshalb ist die Nähe zur Kundschaft ja auch so wichtig. Die Ware, die ich verkaufe, braucht eigentlich niemand. Es geht eher um das Wohlfühlgefühl", sagt Trüdinger. Wenn er zum Beispiel Hinterlassenschaften nach Schätzen durchforstet, kann es schon mal sein, dass er Dinge findet, nach denen er gar nicht gesucht hat. "Vom Kaugummi über alte Liebesbriefe bis hin zum Milchzahn war schon alles dabei."

Unter den Kunden kann man eine ganze Bandbreite an Menschen finden. Zum einen gibt es Menschen, die ihre letzten Habseligkeiten für 50 Cent verkaufen wollen, andere verkaufen ihre gesamte Sammlung, weil ihnen das Sammeln zu langweilig wurde und sie sich nun für etwas anderes interessieren.

Sammeln ist nämlich eine schwierige Sache. "Es gab einmal einen Kunden, der alle Modellautos eines Herstellers kaufte, die es gab. Er hatte sehr viel Spaß am Sammeln, bis zu dem Moment, in dem er alle zusammen hatte. Ab da hat ihm das Sammeln keinen Spaß mehr gemacht, und er hat alles wieder verkauft."

Doch Jörg Trüdinger wird den Spaß an seinem Geschäft nicht so schnell verlieren. Er geht weiter mit seiner Familie auf den Flohmarkt, um neue Schätze zu ergattern. Seine Frau und seine zwei Kinder sind aber nicht ganz so verrückt nach Sammeln wie er. Trüdinger fühlt sich in seinem Laden mit den rund 100 000 Stücken wohl. "Jeder Tag ist wieder komplett neu, und man sieht immer etwas, das man noch nie zuvor gesehen hat."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gesangbuch mit Geheimfach
Autor
Sabrina Preuß
Schule
Hölderlin-Gymnasium , Stuttgart
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2012, Nr. 159, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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