Schnell sah sich die Lottogewinnerin von vielen guten Bekannten umringt

Tante Emmaladen

Plötzlich war die Mitarbeiterin einer Annahmestelle um 100 000 Euro und eine Lebenserfahrung reicher / Liane Boldt hat nach ihrem Lottogewinn auch an Lebenserfahrung gewonnen.

Rund 20 Millionen Menschen versuchen es regelmäßig. Obwohl die Chancen gering sind, träumen sie von viel Geld. Reisen, ein Ferienhaus am Strand, Designermode oder der neue Sportwagen zählen zu den häufigsten Wünschen der Deutschen. Liane Boldt gehört zu einer der wenigen, die plötzlich die Erfüllung dieser Träume schwarz auf weiß vor sich sah. Im Jahr 2005 gewann sie bei der Nummernlotterie GlücksSpirale 100 000 Euro. Sie ist alles andere als die typische Spielerin, dementsprechend überraschend waren die Folgen. "Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass ausgerechnet ich einmal das große Los ziehen würde."

Doch ist es wirklich das Geld, das sorgenfrei und glücklich macht? "Ich telefonierte gerade mit einer Freundin, als ich während des sonntäglichen Zeitungslesens auf die Gewinnzahlen des Spiels stieß", erzählt die 59-jährige zierliche Frau. Ihre Haare trägt sie hochgesteckt, ihre Brille betont ihr eckiges Gesicht. Entspannt sitzt sie in einem Café in der Segeberger Innenstadt. "Mein Bluthochdruck schnellte sofort in die Höhe, obwohl ich es eigentlich noch gar nicht realisiert hatte, und ich dachte, ich hätte nur drei Richtige. Am nächsten Tag ließ ich meine Freundin die Ziffern noch einmal im Internet überprüfen, da ich selbst keinen Computer habe, und plötzlich waren es sechs." Sofort macht sich Liane Boldt auf in die Segeberger Annahmestelle, in der sie selbst schon seit 18 Jahren arbeitet.

Dort hatte sie kurz vor Feierabend noch ein Los aus der Mitte gezogen. Doch obwohl sie Tag für Tag Lottoscheine entgegennimmt, ist dies ihre erste Teilnahme an dem Spiel. "Ich hatte ja selbst schon vielen Leuten ihre Gewinne ausgezahlt. Einmal hatte sogar eine Frau bei den Rubellosen einen Zentralgewinn erzielt", erinnert sie sich. Als Zentralgewinne werden Summen über 1000 Euro bezeichnet. Ab diesem Wert leuchtet auf dem Bildschirm der Annahmestellen nur Zentralgewinn. Die Gewinner müssen sich dann direkt mit der Lotterie in Verbindung setzen. Auch bei Liane Boldt blinkt der Bildschirm, als ihr Chef persönlich den Schein entgegennimmt. Schon am Dienstag platzt ihr Girokonto fast aus den Nähten. "Meine Bank rief mich an und teilte mir mit, dass mein Konto überfüllt war." Lächelnd erinnert sie sich. "Ich telefonierte sämtliche Banken ab, um die meisten Zinsen zu erhalten und wechselte die Bank." Endlich erhielt sie auch den Schein, auf dem ihr Name und die Gewinnsumme festgehalten worden waren. Jetzt erst fängt sie an zu begreifen, dass sie tatsächlich vom großen Glück getroffen wurde. "Als ich die Bestätigung in den Händen hielt und die sechsstellige Summe auf dem Konto sah, begann ich es zu begreifen. Vorher dachte ich, ich hätte mich vielleicht doch verlesen."

Nicht nur die Bank weiß, dass Liane Boldt sechs Richtige hat, auch ihren Kollegen in der Annahmestelle berichtet sie von ihrem Gewinn - ein Fehler. In den folgenden Tagen wird sie zum Hauptgesprächsthema in der Kleinstadt Bad Segeberg. Schnell begegnen ihr die Schattenseiten eines Lottogewinns. Eine entfernte Bekannte bettelt sie um 50 000 Euro für die Geschäftsidee ihres Mannes an, eine andere möchte sich plötzlich mit ihr zum Kaffeetrinken verabreden. "Erst wunderte ich mich nur, da wir uns nie nahe standen, aber willigte ein. Schnell merkte ich jedoch, dass sie auch versuchte, sich an meinem Gewinn zu bereichern. Sie wollte sich angeblich 15 000 Euro für einen Freund leihen, der seine zu hohen Stromrechnungen nicht mehr bezahlen konnte." Betroffen schüttelt sie noch heute den Kopf. "Das fand ich wirklich frech. Im Nachhinein würde ich jedem raten, den Mund zu halten, vor allem wenn man viel Geld gewinnt." Liane Boldt bereut, aus Naivität nicht geschwiegen zu haben. Wenigstens haben ihre Familie und ihre Freunde nie versucht, sie auszunehmen, sondern sich mit ihr gefreut. "Sie haben überhaupt gar nicht nach Geld gefragt. Meiner Schwester wollte ich ein Wellness-Wochenende spendieren, da sie schon seit Jahren nicht mehr in den Urlaub gefahren war, denn ihr Mann ist pflegebedürftig. Trotzdem lehnte sie ab. Nun weiß ich, wem ich vertrauen kann und wem nicht."

Trotz der Neider ist Liane Boldt, die gerade Großmutter geworden ist, auf dem Boden geblieben. Am Wochenende, als der erste Schock verdaut war, ging sie mit der ganzen Familie einkaufen. Doch die frisch gedruckte neue EC-Karte blieb in der Tasche. "Jetzt, wo ich das Geld hatte, fand ich einfach nichts Passendes. So ist das ja immer. Also verbrachten wir den restlichen Tag einfach gemeinsam in einem Restaurant und ließen es uns schmecken." Sie geht überlegt mit ihrem Geld um. Genau wie vor dem Gewinn fährt sie mit ihrem Mann an ihren freien Tagen nach Usedom an die Ostsee anstatt sich auf den Malediven zu sonnen. Statt eines teuren Autos nimmt sie lieber das Fahrrad. "Das Geld habe ich angelegt, und über die Zeit habe ich einen Teil ausgegeben. Ich hatte aber nie Angst, wieder alles zu verlieren, da ich auch nie das Gefühl hatte, dass ich mein Leben aufgrund des Gewinnes verändern müsste." Für ihre Tochter hat sie etwas angelegt, die hat jedoch noch nicht einen Cent davon ausgegeben. Liane Boldts erster Kauf war eine Armbanduhr - für 69 Euro. Sie arbeitet weiterhin in der Annahmestelle. "Ich bin nichts Besonderes, sondern hatte einfach Glück. Das hätte jedem anderen auch passieren können." Genau das ist wohl der Grund, weshalb so viele vom Lottogewinn träumen. Die Wahrscheinlichkeit, 100 000 Euro bei der Glücks-Spirale zu gewinnen beträgt 1 zu 500 000.

"Ich finde es gut, dass Glücksspiele erst ab 18 erlaubt sind." Liane Boldt drückt ihre Zigarette aus. "So jetzt muss ich aber noch zu Hause die Küche machen." Sie verschwindet zwischen all den anderen Menschen in der Fußgängerzone.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schnell sah sich die Lottogewinnerin von vielen guten Bekannten umringt
Autor
Lea Stahl
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2012, Nr. 159, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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