Kleiner Mann schlägt sich durch

Auf der Jagd nach Punkten - 2

Die rote Sandplatzasche ist bedeckt mit gelben, kleinen Filzkugeln. Bei gefühlten 30 Grad im Schatten weht ein laues Lüftchen. "Auf, komm, komm, Ema! Komm, gib Gas!", hört man eine laute Stimme. Diese Anfeuerung gilt dem 14-jährigen Tennistalent Emanuel Hudelmaier aus Mögglingen. Vier Mal in der Woche hat der Gymnasiast Tennistraining und einmal Konditionstraining. Er gilt als eines der größten Nachwuchstalente im Ostalbkreis. Zurzeit belegt er den 20. Platz der deutschen Rangliste und ist die Nummer 1 in Württemberg in seiner Altersklasse U 14. Diesen Erfolg verdankt er seiner Hartnäckigkeit, seinem Training und Siegeswillen. Natürlich wird er von seiner Familie unterstützt, "ohne sie würde ich nie da sein, wo ich heute stehe", sagt Emanuel.

"Der Tennisplatz ist für unsere ganze Familie ein zweites Zuhause geworden", sagt sein Vater Thomas. Er spielt seit seiner Kindheit Tennis und später für den Mögglinger Tennisclub. Deshalb verbrachte die gesamte Familie schon früher die Wochenenden auf verschiedenen Tennisanlagen. Von ihm hat Emanuel wohl das größte Talent geerbt, so die Meinung des Tennisvaters: "Ballgefühl und taktisches Spielverständnis." Auch Emanuels Mutter Ingrid hat den Tennissport für sich entdeckt. Zudem spielen Emanuels Geschwister Philipp, 18 Jahre, und Madeleine, 16 Jahre, ebenfalls in der Jugendmannschaft und nehmen regelmäßig an Turnieren teil.

Es ist Freitagnachmittag, 15 Uhr, die Einzelstunde bei Emanuels Trainer Stefan Klotzbücher beginnt. Nach einer fünfminütigen Einspielphase muss Emanuel innerhalb kürzester Zeit unter Bedrängnis entscheiden, welcher Schlag in der jeweiligen Spielsituation der taktisch richtige ist. "Hier muss er an seine Grenzen gehen, sowohl läuferisch als auch mental", erklärt der 27 Jahre alte Gymnasiallehrer. Trainer und Schützling tauschen sich ständig aus. Inhalt der Gespräche sind die Verbesserung von Emanuels Spielweise sowie Ziele jeder Übung. Emanuel ist mit seiner Leistung nicht ganz zufrieden. "Doch auch solche Tage gehören zu einem Sportlerleben dazu", sagt der Trainer. Emanuel, der sich auch für Fußball interessiert, betreibt seinen Lieblingssport mit Leidenschaft. Ihn fasziniert, dass man in der Einzelsportart Tennis Selbstverantwortlichkeit, Durchsetzungsvermögen und einen "eisernen Willen" benötigt. Zusätzlich geht Emanuel joggen und verbessert seine Fitness im häuslichen Keller.

"Er ist ein sympathischer, zuverlässiger kleiner Mann mit großem Talent", lobt Stefan Klotzbücher. Um den Spagat zwischen Schulalltag und Leistungssport zu meistern, musste sich Emanuel entscheiden. Aus Zeitgründen kann er nicht mehr mit seinen Freunden Zeit auf dem Fußballplatz verbringen. Sein Alltag ist stark eingeschränkt. Es bleibt wenig Zeit für Freunde, Computerspiele oder Fernsehen. Oft sei es schwer, wenn er nach dem Training sofort wieder lernen müsse. Besonders, wenn er am nächsten Tag eine wichtige Klassenarbeit schreibt, erklärt er. Daher beginnt Emanuel oft erst abends mit dem Lernen. Für ihn und seine Eltern ist klar, dass die Schule vorgeht. Manchmal musste er schon auf Freitagsunterricht verzichten, um pünktlich zu einem Auswärtsturnier zu kommen.

Auch seine Eltern bringen Opfer, um ihm eine Tenniskarriere zu ermöglichen. An die zehn Stunden in der Woche werden benötigt, um ihn zum Training zu fahren. Wird ein Turnier gespielt, erhöht sich die Fahrzeit um das Doppelte. Dabei führen die beiden selbständigen Kaufleute einen Edeka-Markt. Mitunter mussten sie Trainingseinheiten absagen, da beide beruflich eingespannt waren.

Im Ganzen macht es die Selbständigkeit einfacher. "Um Emanuel täglich zum Training zu bringen, muss man flexibel sein. Diese Flexibilität hätten wir durch einen Arbeitgeber nicht", erklärt Ingrid Hudelmaier. Die Familie bekommt große Unterstützung durch die pensionierten Versicherungskaufleute Karl-Heinz und Monika Wiedmann aus Mögglingen. Ein Anruf genügt, und Karl-Heinz Wiedmann ist bereit, Emanuel zum Training oder aufs Turnier zu begleiten. Er unterstützte früher den Tennisprofi Charly Steeb aus Mögglingen. Wiedmann tut es gerne, ihm gefällt Emanuels Ehrgeiz. Seine Frau bestätigt: "Selbst nach zwei Stunden Training sagt Emanuel noch: Es hat Spaß gemacht." Zudem kostet es einiges, dem Tennistalent professionelle Trainingseinheiten zu finanzieren. Hinzu kommen Spritkosten und die Ausrüstung.

Es ist 8 Uhr an einem sonnigen Samstagmorgen. Die meisten seiner Freunde liegen wahrscheinlich noch im Bett und schlafen. So wie es auch Emanuel verdient hätte, nach 33 Stunden Schule in dieser Woche. Doch er ist schon lange wach. Heute sind die Bezirksmeisterschaften des Bezirks 4. Bei diesem Turnier spielt er eine Altersklasse höher mit, und zwar in der U 16. Emanuel hat heute zwei Spiele, die er beide klar gewinnt, obwohl die Gegner älter sind.

Er spielt insgesamt drei Stunden und legt sich sofort zu Hause in sein Bett. Denn er weiß, dass er morgen noch mal spielen muss. Sonntagmorgen muss er wieder früh aus dem Bett. Auf der Fahrt nach Wasseralfingen, wo die Meisterschaften ausgetragen werden, ist die Stimmung zwischen Vater und Sohn angespannt. Beide sind nervös. Sie sprechen wenig, hören Musik, Emanuel liest den Sportteil der Zeitung. Nach dem Betreten der Anlage meldet sich Emanuel bei der Turnierleitung an. Nicht lange steht er mit seinem Vater alleine, da kommen schon erste Freunde und begrüßen ihn herzlich. "Durch meinen Erfolg im Tennisspielen habe ich viele meiner Freunde verloren. Jedoch habe ich auch viele neue Freunde kennengelernt und neue Bekanntschaften geschlossen", sagt Ema.

Nun ruft der Oberschiedsrichter Emanuel und seinen Gegner auf. Emanuel kennt ihn gut, da er jahrelang mit ihm trainiert hat. Heute ist nicht Emanuels Tag, er liegt sofort deutlich hinten und schafft es trotz großem Einsatz nicht, das Spiel zu wenden. Sein Blick wirkt enttäuscht und hilflos. Nach einer knappen Stunde muss er sich geschlagen geben. Sein Gegner war heute der bessere Spieler. Eine schmerzhafte Niederlage. Emanuel belegt den dritten Platz, bekommt eine Urkunde, einen Pokal und ein T-Shirt. Doch Sachpreise, Pokale und Urkunden sind schon lange nicht mehr das Wichtigste, sondern Punkte sammeln und Gegner schlagen, die vor einem in der Rangliste stehen.

Mittlerweile ist es 15 Uhr, als die Familie wieder zu Hause ist. Emanuel ruht sich in seinem Zimmer aus und spielt anschließend noch mit seinem Bruder auf der Wiese Tennis. Die Wiese wurde zu einem Kleinfeld gemäht. Die Linien sind durch das längere, gemähte Gras zu erkennen. Hier kann er sich austoben und auch zum Spaß spielen, ohne großen Druck. Während seine Klassenkameraden wahrscheinlich schon das Erdkundeheft auswendig gelernt haben, hat Emanuel noch gar nicht angefangen. Doch damit beginnt er, als ihn seine Eltern darum bitten. Nach mehreren Stunden Erdkundelernen schläft Emanuel ein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Kleiner Mann schlägt sich durch
Autor
Madeleine Hudelmaier
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2012, Nr. 165, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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