Überglücklich, aber körperlich total k.o.

Auf der Jagd nach Punkten

Zweimal im Jahr kämpfen 2500 Sportler in einer der härtesten Aufnahmeprüfungen Europas um einen Platz an der Sporthochschule in Köln. So wie der Abiturient Luca aus dem Kanton Bern.

Der Schweiß tropft vom Kinn, die Augen sind zusammengekniffen. Mit seinen Schneidezähnen beißt sich Luca Ortloff auf die Unterlippe. Er ringt laut nach Luft. Seine Kraftreserven sind aufgebraucht, doch aufgeben will er nicht. Zwei Helfer der Sporthochschule rennen die letzten 100 Meter neben ihm her und versuchen ihm durch Anfeuerungsrufe und Applaudieren zu helfen, den Kampf gegen die Uhr zu gewinnen. Wenige Meter vor der Ziellinie des 3000-Meter-Laufes sieht er auf der Zeitanzeige, dass er es geschafft hat: Luca wird zum nächsten Semester an der renommierten Sporthochschule in Köln studieren.

Mit letzter Kraft reißt er jubelnd die Arme in die Luft. Hinter der Ziellinie lässt sich der Abiturient aus der Schweiz zu Boden fallen. "Ich bin überglücklich, aber auch völlig am Ende", sagt der 19-jährige Eidgenosse aus Biel im Kanton Bern, der ein Studium im Sportmanagement anstrebt. Vor dem finalen Mittelstreckenlauf lagen zehn Stunden körperlicher Höchstbelastung hinter ihm. Nicht einmal die Hälfte der rund 2500 Teilnehmer erhielten das langersehnte T-Shirt mit der Aufschrift "Bestanden!". Ungeahnte Selbstzweifel, ein erhöhter Stress- und Angstfaktor sowie die außergewöhnliche körperliche Belastungen machen seit 1947 allen Teilnehmern zu schaffen.

Bei der Anmeldung war Luca nervös. Trotz seiner Mühen, Hochdeutsch zu sprechen, ist sein Dialekt unüberhörbar. "Ich erzähle immer viel, wenn ich aufgeregt bin." An nur einem Tag werden die Bewerber in 20 unterschiedlichen Disziplinen getestet. Schwimmen, Turnen und Leichtathletik stellen drei verpflichtende Sportarten dar. Zwei weitere Prüfungsfelder sind individuell auszuwählen, so dass in insgesamt fünf Sportarten eine weitestgehend fehlerfreie Kür abgelegt werden muss. Die "SpoHo" sucht keine Spezialisten und Spitzenathleten, sondern den Allround-Sportler, der vielseitige sportliche Talente aufweist. Die Disziplinen reichen von Kugelstoßen und Reckturnen über Streckentauchen und Badminton bis hin zum Ausdauerlauf. Erschwert werden die Prüfungen durch eine außergewöhnliche Drucksituation, da sich jeder Prüfling nur eine einzige, nicht korrekt ausgeführte Übung erlauben darf. Folgt ein zweites Defizit, ist der Traum vom Studium sofort beendet.

Gespannt beobachtet Luca ein Mädchen beim Hochsprung. Er steht an der Wand der großen Leichtathletikhalle und lockert seine Beine. Das Mädchen überspringt die Höhe von 1,20 Meter und erntet dafür Applaus der anderen Prüflinge. Alle klatschen, außer Luca. Er ist angespannt, versucht seine Konzentration aufrechtzuerhalten. Kurz vor seinem ersten Sprung über die gefordertem 1,40 Meter bekommt er einen sogenannten Tunnelblick. Als er aufgerufen wird, schreitet er zu seiner Anlaufmarkierung. Der Prüfer schaut ungeduldig und bittet ihn zu beginnen. Luca atmet tief durch und blickt auf die Hochsprung-Latte. Dann läuft er mit großen Schritten der Matte entgegen und überwindet die Mindesthöhe gleich mit seinem ersten Sprung.

Als eine von nur wenigen Trainingsstätten in Deutschland verfügt Köln über eine 100 Meter lange Tartanbahn, die übliche Hallenbahnen um glatte 40 Streckenmeter überragt. Daneben befinden sich eine Kugelstoßanlage, Weitsprunggruben sowie ein Fitnessstudio. Nach dem Hochsprung steht in der ersten Prüfungskategorie das Kugelstoßen an. Luca tippelt mit seinen Füßen unruhig auf der Stelle und stößt die 7,25-Kilogramm-Kugel über einen Meter hinter die geforderte Markierung von 7,60 Metern. Mit ausgefeilter Technik macht der schlaksige, 1,95 Meter große Schweizer die fehlende Stärke in den Oberarmen wett. "Wirklich hart und vielseitig", beschreibt Luca seine halbjährige Trainingsvorbereitung, bei der er den Fokus speziell auf das Turnen legte, da ihm diese Sportart am meisten Schwierigkeiten bereitet hatte. Mit dem 100-Meter-Sprint schließt der leidenschaftliche Fußball- und Eishockeyspieler den ersten von fünf Prüfungsblöcken erfolgreich ab.

Von der Leichtathletikhalle aus führt der Weg von Gruppe 6 über den parkähnlichen Campus neben dem RheinEnergieStadion zur Halle 1, in der das Geräteturnen auf dem Plan steht. Bei einem ortsansässigen Sportverein in seinem Heimatort hat Luca die Halle zum Trainieren benutzen dürfen. Wieder konzentriert er sich lange, ehe er aufgerufen wird und auf die Matte zum Bodenturnen vortritt. Unter den kritischen Blicken des Prüfers misslingen Luca sowohl der Handstand als auch das Rad. "Das machst du bitte noch mal", lautet die Anweisung. Nach seinem Handstand nickt der Prüfer, nicht jedoch beim Rad. "Das reicht nicht wegen dem Rad", ist das Einzige, was der Prüfer verlauten lässt, eher er sich dem nächsten Prüfling widmet. Damit wurde der erste Fehlversuch auf seinem Konto verbucht.

Ab jetzt kostet ihn jeder Fehler seinen Traum. Der Druck steigert sich ins Unermessliche, was Luca vor dem Gang in die Schwimmhalle anzumerken ist. Aber Luca erbringt "als durchschnittlicher Schwimmer" die geforderten Qualifikationen: eine gute Bewegungsdemonstration im Brust- sowie im Kraulschwimmen, einem nahezu perfekten Sprung vom 1-Meter-Brett, 20 Meter Streckentauchen plus einer Leistung unter 1:50,0 Minuten im Zeitschwimmen über die 100-Meter-Distanz. Mittlerweile hat sich Lucas Gruppe von knapp 90 auf die Hälfte der Teilnehmer reduziert.

Auch im Fußball und beim Tischtennis kann Luca seine Erfahrungen aus jahrelangem Vereinssport einbringen. "Jeder, der hierherkommt, um sein Können unter Beweis zu stellen, ist überdurchschnittlich gut in einer ganz bestimmten Sportart. Aber wenn man an der Sporthochschule studieren will, muss man mehr als das mitbringen und vor allem bereit sein, viel Neues im Laufe des Studiums zu erlernen", sagt eine der Organisatorinnen des Eignungstestes. Luca scheint, als er aus der Tischtennishalle kommt, völlig erschöpft, aber auch erleichtert und versucht sich für den alles entscheidenden 3000-Meter-Lauf zu motivieren.

Sein Zustand wirkt kritisch, er ist blass, ein Zeichen von Überanstrengung. "Ich weiß nicht, ob ich den Lauf durchstehe. Meine Beine sind so schwer, und einfach alles fängt irgendwie an weh zu tun." Den meisten ist die pure Panik ins Gesicht geschrieben. 7,5 Runden gilt es unter 13 Minuten zu absolvieren. "Ich war wie in Trance, meine Beine haben sich selbständig gemacht", erzählt Luca hinterher. Als die Glocke die letzte Runde einläutet, ist sein schmerzverzerrter Blick auf die Zeittafel gerichtet. Am Ziel angelangt, zeigt die Uhr 12:49,39 Minuten an. "Ich hab's geschafft!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Überglücklich, aber körperlich total k.o.
Autor
Isabell Kircher
Schule
Oberstufengymnasium , Eschwege
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2012, Nr. 165, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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