Beifall fürs Plündern, Rauben, Kettenrasseln

Der Lärm von aufeinander schlagenden Schwertern erfüllt die Luft und die Zuschauer mit Spannung. Man hört einen lauten Schrei, und kurz darauf stürzt einer der Kämpfer zu Boden. Nachdem das Publikum gebannt auf den scheinbar leblosen Körper gestarrt hat, betritt ein weiterer Mann den Platz. "Volk von Scherneck, hört mich an. Ich möchte euch eine Geschichte erzählen, die sich vor längst vergangener Zeit zugetragen hat." So eröffnet der Herold das Theaterstück der Ritterfestspiele auf Schloss Scherneck bei Augsburg. Der große, schlanke Mann trägt eine leichte schwarze Stoffrüstung, Panzerung und Waffen. Das Schauspiel beginnt, in dem ein Erbschaftsstreit zwischen den Kindern eines verstorbenen Fürsten erzählt wird. Zwischen den Dialogen kommt es immer wieder zu spektakulären Schaukämpfen, bei denen die Kontrahenten mit Schwert, Schild, Speer und Axt kämpfen. Das Geräusch von aufeinandertreffendem Metall hallt durch die Menge, ebenso die Schreie der Kämpfer und der Jubel des Publikums. Am Ende, nachdem die gute Tochter des Fürsten natürlich gewonnen hat, lassen die Darsteller verlauten: "Dieses Schauspiel präsentierte euch der Schwarze Löwe." Nach dem Auftritt ist Ernesto Ballico Arvasut noch leicht außer Atem. Im echten Leben heißt er Carsten Mahl, ist 27 Jahre alt und studiert Sozialarbeit. Er ist groß, hat breite Schultern, lange rotbraune Haare und wirkt nicht nur aufgrund seiner Rüstung imposant. Er spielt den Seneschall des Schwarzen Löwen. "Das bedeutet, dass ich mich um alles kümmere, was mit dem Frieden zu tun hat." "Die Schaukämpfe erfordern sehr viel Training, zum einen, um die nötige Sicherheit zu gewährleisten, zum anderen, um die körperlichen Strapazen auszuhalten." Unter der Rüstung muss der Darsteller oft eine Temperatur aushalten, die doppelt so hoch ist wie die der Umgebung. Außerdem benötigt man viel Übung, um eine schwere Waffe zielsicher zu schwingen. Deshalb trifft sich die Gruppe wöchentlich zum Training in einem Hinterhof in dem Dorf Dasing nahe Augsburg. Der freie Söldnerhaufen des Schwarzen Löwen ist eine von etwa zehn Gruppen auf dem Mittelaltermarkt, die die Besucher in die Zeit am Hofe des Königs Artus zurückversetzen. Es gibt 15 Mitglieder, Männer und Frauen im Alter von 18 bis 45 Jahren, darunter Berufstätige, Studenten und Schüler. "Söldner waren zu dieser Zeit keine sonderlich ehrenvollen Leute im Vergleich zu Rittern, darum entsprechen sie nicht dem typischen Klischee des moralisch glänzenden Edelmannes", erklärt Carsten. Die Gruppe wird für Schaukämpfe, Feuershows und Lagerleben engagiert. Der Schwarze Löwe versteht sich selbst als eine "Gemeinschaft von Freunden" unter dem Motto "Mittelalter leben und erleben". Wie kommt man auf ein solches Hobby? Carsten lächelt: "Ich glaube, dass man in seiner Kindheit gerne Ritter spielt und davon einfach nicht mehr loskommt."

Im "Rüstzelt" werden den Besuchern allerhand Waffen präsentiert und erklärt, hier können sie auch einmal selbst ein Schwert in die Hand nehmen oder ein Kettenhemd anprobieren. Für die Kinder werden Armbrustschießen und Hufeisenwerfen angeboten. Die Feuershow am Abend ist für viele der Höhepunkt der Ritterfestspiele. Noch in der Dämmerung tränken die Gaukler ihre entflammbaren Stäbe oder Pois, an Ketten befestigte Dochte, in Petroleum, um sie später entzünden zu können. Ein Mann jongliert mit brennenden Bällen. Es ist Carsten. Dann treten mehrere Leute mit "Fire Staffs" auf, Stäben aus leichtem Metall, die an beiden Enden entzündet werden. Die Gaukler schwingen die Stäbe in spektakulären Figuren um ihren Körper, teilweise in solcher Geschwindigkeit, dass man aus einigen Metern Entfernung noch das Fauchen der Flammen hört. Danach werden die Pois waghalsig durch die Luft geschwungen. "Ein ungeübter Gaukler kann sich da schon mal verletzen, wenn sich ein brennender Docht um Arme oder Hals wickelt. Aber ernsthafte Verletzungen hatten wir zum Glück dabei noch nicht", sagt Carsten.  Den Höhepunkt der Show bildet ein Kampf mit brennenden Schwertern. "Das Ganze sieht zwar brutal aus, aber alle Schaukämpfe wurden vorher genau einstudiert, außerdem werden die Schläge kurz vor dem Gegner abgestoppt, um Verletzungen zu vermeiden", beruhigt der Seneschall. Wenn man dem Kampf zuschaut, kann man das kaum glauben, denn die Kämpfer stürzen sich brüllend aufeinander und scheinen dem Gegner keine Gnade zu gewähren. Auch der folgende Auftritt ist faszinierend: Zwei zierliche Mädchen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren schwingen furchtlos ein brennendes Springseil und versetzen so die Menge in Staunen. Bald darauf endet die Vorstellung unter einem gewaltigen Applaus. Nach einem langen Tag ziehen sich die Darsteller in ihre Zelte zurück, morgen wartet wieder dieselbe Herausforderung auf sie: plündern, rauben, kämpfen, wilde Drohungen ausstoßen, töten und neugierige Besucher zufriedenstellen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Beifall fürs Plündern, Rauben, Kettenrasseln
Autor
Christian Gall, Wernher-von-Braun-Gymnasium, Friedberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2010, Nr. 103 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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