Aufgeben gilt nicht

Eigentlich sollte es ein ganz normaler Strandtag mit der Familie werden, doch für Maria (Name geändert) aus Aachen war dies ein Tag, dem viele Besuche beim Orthopäden und eine große Operation folgen sollten. Vor sechs Jahren entdeckte ihre Mutter beim Baden an der Côte d'Azur, dass Marias Rücken Krümmungen vorwies, die man bei ihrer Schwester nicht sehen konnte. "Zuerst dachten wir uns nicht viel dabei, und der Arzttermin war aus unserer Sicht eher eine Art Vorsichtsmaßnahme", sagt die heute 19-jährige Schülerin. Doch die Röntgenbilder zeigten: Maria hat Skoliose, eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule, die zur Rotationsfehlstellung einzelner Wirbel führt. Nach dieser Diagnose war die Aufregung groß. Der Arzt verordnete strenge Krankengymnastik und das 24-stündige Tragen eines Korsetts. "Ich war total geschockt. Die ganzen Einschränkungen, die das mit sich bringen würde, wollte ich mir gar nicht ausmalen. Ich denke, innerlich verabschiedete ich mich schon vom Schwimmen mit Freunden und anderen Sachen, wo man viel aktiv ist." Die Ängste wurden noch verstärkt durch die Prozedur des Eingipsens und die ständigen Arztbesuche. "Nach einer Weile hatte ich echt die Nase voll, alle wollten immer zu meinem Rücken ihre Meinung sagen, wobei ich in der Zeit mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hatte: Wie steht man denn da mit einer Plastikschale um den Rücken?" Die Gewöhnungszeit an das Korsett dauerte einige Wochen, doch irgendwann schaffte sie auch das unmöglich Geglaubte: Sie konnte es auch nachts tragen, ohne ständig aufzuwachen. Die Probleme in der Schule regelten sich zum Glück schneller als gedacht: Ihre Freunde akzeptierten sie so wie früher und erleichterten ihr somit die Sache sehr. "Zu dem Zeitpunkt ging es mir wieder einigermaßen gut. Ich hatte mich an meinen ,neuen Freund' gewöhnt und konnte mit den Einschränkungen leben. Zum Schwimmen durfte ich es ausnahmsweise ausziehen." Bis dahin verlief alles wie geplant, doch als Maria dann im Sommer 2008 das Korsett abgenommen wurde, kam die nächste Horrornachricht: Ihre Wirbelsäule hatte sich trotz Korsetts weiter verschlechtert und drohte mit der Zeit ihre Lunge und andere Eingeweide einzudrücken. Die Ärzte rieten zu einer Operation. "Als ich das hörte, dachte ich, meine Welt bricht zusammen. Ich habe mich total gegen alles, was die Ärzte mir empfahlen, gewehrt, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass ich das Korsett all die Jahre umsonst getragen hatte, dass ich die ganzen heißen Sommertage in meiner Plastikschale umsonst geschwitzt hatte." Doch um eine Operation würde Maria nicht herumkommen, wenn sie nicht in ein paar Jahren unter Rückenschmerzen leiden und Einschränkungen ihrer Lunge ertragen wollte. Nach langem Hin und Her entschied sich Maria für eine Klinik an der Ostsee, die auf Wirbelsäulenchirurgie spezialisiert ist und plante über ein Jahr jeden einzelnen Schritt. "Das war wirklich eine wahnsinnige Prozedur. Ich wurde manche Tage von der Schule freigestellt, um an die Ostsee zu fahren. Die Gespräche mit den Ärzten waren teilweise sehr entmutigend. Ich meine, wer lässt sich schon gerne den Rücken aufschlitzen und eine Stange einbauen?" Ihr sollte in einer dreistündigen OP die Wirbelsäule gerichtet werden, die zur Unterstüzung von einer Titanstange gehalten werden würde. "Von der Operation an sich habe ich nichts mitbekommen, aber die erste Woche danach war teilweise wie mit nackten Füßen über ein Nagelbrett zu laufen. Ich hatte für vier Tage einen Schlauch in meinem Körper, der bis zur Lunge führte, um dort die Wundflüssigkeit abzupumpen. Meistens habe ich mich gar nicht bewegt, um den Schmerz nicht noch zu steigern, doch dann begann das Problem mit dem Wundliegen. Ich war teilweise so fertig, dass ich nicht mal mehr weinen konnte." Die Schmerzen in Rücken, Bauch und Beinen wurden nach hartem Training beseitigt. "Im Nachhinein bin ich froh, dass ich mich habe operieren lassen. Vorher hatte ich immer ein bisschen Rückenschmerzen, die sind vollkommen weg, und ich kann alles machen wie früher. Bald ist auch das eine Jahr nach der Operation um und ich kann wieder Sport machen", fügt Maria hinzu. "Ich gehe mittlerweile dreimal in der Woche zum Rückentraining, das ist gar nicht so übel, wie ich am Anfang dachte. Ich habe in den letzten Jahren vor allem eins gelernt: nie aufgeben, egal was kommt!" Von nun an wird Maria einen ständigen Begleiter haben: ihre Titanstange im Rücken, denn es wäre viel zu gefährlich, diese wieder zu entfernen. Die einzelnen Wirbelkörper wurden noch mit der Stange verschraubt, was nach Marias Meinung auf den Röntgenbildern schon "fast aussieht wie bei Frankenstein". Heute sagt sie: Ich musste zwar viele nicht so schöne Sachen durchmachen, aber mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Aufgeben gilt nicht
Autor
Anna Küsters, St. Ursula Gymnasium, Aachen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2010, Nr. 196 / Seite N6
Projekt
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