Explosionen in Zeitlupe

Restauratoren von archäologischen Grabungsfunden arbeiten mit Pinsel, Skalpell und großer Sorgfalt. "Schön" bedeutet für sie vor allem "interessant".

Fast hat man das Gefühl, beim Zahnarzt zu sein oder in einem pathologischen Institut. Von einem langen, weiß gekachelten Flur gehen weiße Türen ab, neben denen Schilder angebracht sind wie "Röntgen" oder "Chemikalien". Viel ist nicht los an diesem Montag in der Restaurierung der LWL-Archäologie in Westfalen im Speicher 12 in Coerde bei Münster. An den weißen Wänden in den Arbeitsräumen hängen neben Ausstellungsplakaten und Terminkalendern Familienfotos. Konzentriert beugt sich Ruth Tegethoff über ein unförmiges Objekt, während sie es unter dem Lichtmikroskop begutachtet und mit Skalpell und weichen Pinseln vom Lehm und Rost befreit, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf der Oberfläche angesammelt haben.

Es ist einer von vielen Grabungsfunden, mit Kennziffern versehene Gegenstände, die die Archäologen von ihren Grabungen in der Region Westfalen-Lippe hergebracht haben. Teilweise befinden sich auch Funde registrierter Privatunternehmer darunter von sogenannten Sondengängern.

"Es geht in erster Linie um die Konservierung und den Erhalt archäologischen Fundguts", beschreibt die Restauratorin ihre Arbeit für die Zentralen Dienste der LWL-Archäologie in Westfalen. "Weniger darum, dass die Funde schön aussehen." Und wirklich - das schwärzliche Eisenmesser, an dem die schlanke Frau in ihrem weißen Kittel arbeitet, sieht alles andere als ansprechend aus: Das Messer ist von der Korrosion zersetzt und beinahe aufgequollen. "Meist kommen die Funde in einem Zustand zu uns, wo sie rasch zerfallen und kaputtgehen können, vor allem Eisenfunde sind sehr empfindlich. Da muss man schnell arbeiten, damit die Korrosion nicht noch weiter die Oberfläche beschädigt."

Wie die 54-Jährige einen Fund konserviert, hängt vor allem davon ab, aus welchem Material der Gegenstand ist und in welchem Zustand er sich befindet. Nassholz und Organik bearbeitet sie anders als Buntmetalle wie Bronze, bei denen kann man bis zu einem Jahr warten, ohne dass der Fund Schaden nimmt. Dagegen muss sie organische Materialien sofort konservieren. Damit zum Beispiel die Zellen im Holz nicht zerfallen, wäscht sie es zunächst in Wasser, bevor es im Gefriertrockner kontrolliert getrocknet wird.

Aber nicht nur Holz- und Lederfunde werden in einer Restaurierungswerkstatt konserviert. Ruth Tegethoff hatte schon zahlreiche Knochen- und Schädelfunde auf ihrem Arbeitsplatz liegen, mitunter sogar jahrhundertealte Moorleichen. "In so einem Fall kommt natürlich auch noch die ethische Frage hinzu: Wie geht man mit den biologischen Überresten eines Menschen um?" Die blonde Frau streicht sich eine Strähne ihres zusammengebundenen Haares hinter ein Ohr. "Denn schließlich werden diese Überreste wie Objekte behandelt. Bischofsgräber von vor 300 Jahren werden zum Beispiel untersucht, und später kann man dann sagen, dass die Seide des Gewands aus Venedig stammte. Im Sinne des Bischofs war das ganz gewiss nicht."

"Wichtig ist auch hierbei, dass die Würde des Unbekannten gewahrt bleibt", setzt Werkstattleiter Sebastian Pechtold ernst hinzu. "Nicht wie in einigen Ausstellungen, die ich besucht habe, wo Moorleichen in einer geradezu entwürdigenden, abscheulichen Art und Weise präsentiert wurden. Grauenhaft!" Auch der Gedanke daran, dass sich der gesamte Denkapparat des Menschen darin befand, ist ein weiterer Grund dafür, weshalb Ruth Tegethoff das Kleben von menschlichen Schädeln doch als "sehr grenzwertig" empfindet. So gesehen ist es vielleicht auch erleichternd, dass es sich bei den meisten Fundobjekten ausschließlich um Metalle wie Eisen handelt. Ein solcher Fund muss, bevor er tatsächlich konserviert wird, häufig geröntgt werden. Unter der Röntgenstrahlung wird die Form erkennbar, was sonst häufig nicht mehr feststellbar ist, da Bodensalze in Verbindung mit Sauerstoff die Oberfläche des Eisens zersetzen und abspalten. Pechtold beschreibt dieses Phänomen als eine Art "Explosion in Zeitlupe". Ist die Beschaffenheit und Form des Eisens bestimmt, kann der Restaurator zum nächsten Schritt übergehen: Das Freilegen des Fundes. Oft wird die Lehmschicht zunächst abgeschmirgelt, bevor Reste unter dem Sandstrahler entfernt werden - einer lauten Maschine, mit deren Hilfe der Restaurator laserartig präzise feinere Freilegungen vornimmt. Ist das Fundobjekt bis auf die Oberfläche freigelegt, lassen sich auch schon mal Bearbeitungsspuren von Feilen oder Fingerabdrücke feststellen. "Wir sind Detektive", stellt Sebastian Pechtolt mit einem leichten Lächeln fest. "Erkennen wir auf den Objekten noch Bearbeitungsspuren, ist das ein enormer Hinweis darauf, aus welcher Zeit der Fund stammt, wie die Leute damals gelebt und welche Werkzeuge sie verwendet haben. Man fühlt sich dem Hersteller unglaublich nah. 1000 Jahre sind auf einmal ganz wenig."

Mit einem Kugelschreiber deutet der große, dunkelhaarige 47-Jährige auf das Messer, das seine Kollegin bearbeitet hat. ,Schön' bedeutet für uns ,interessant', schließlich sind wir keine Handwerker. Wir versuchen, das Vorhandene zu erhalten, um daraus die für die Archäologen wichtigen Informationen zu bekommen. Weitere Zersetzung der Funde ist unbedingt zu vermeiden." Daher legen die Restauratoren ihre Eisenfunde (manchmal bis zu mehrere Monate) in Natronlauge ein, damit die Funde weniger anfällig für äußere Einflüsse werden. "Freilegen und Entsalzen gehen bei uns Hand in Hand", erklärt Ruth Tegethoff.

So haltbar und widerstandsfähig gemacht, versehen die Restauratoren ihre Objekte mit einer weiteren Kennziffer, die neben der Auskunft über den Grabungsort auch noch die Reihenfolge der werkstattinternen Bearbeitung dokumentiert. Kennt man erst die Hintergründe eines Funds, lässt sich vieles auch über seine Zeit sagen. "Ein römischer Münzfund ist nichts von großer Bedeutung, denn wir wissen schon seit Jahrhunderten, dass die Römer bei uns waren. Aber ein römischer Münzfund in einer germanischen Siedlung - das wäre eine super Aussage", erklärt Sebastian Pechtold. Vieles kommt in Archive und Klimakammern, nur etwa 15 Prozent allen Grabungsguts stellen Museen aus, vielfach handelt es sich dabei um Nachbildungen von mitunter zerfallenen Funden, um dem Besucher die Funktion oder ursprüngliche Schönheit dieses Objekts verständlich zu machen.

So eine Ausstellung besucht auch Florian Westphal im Landesmuseum Herne. Der 22-Jährige studiert Konservierung und Restaurierung für Archäologisch-Historisches Kulturgut an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Interessiert betrachtet er eine Keramik aus dem 14. Jahrhundert. Sofort erkennt er die kaum merklichen Unterschiede in Farbe und Struktur von Teilen des Gefäßes. "Hierbei handelt es sich um eine Gipsergänzung", bemerkt er. In seinem Jahr, das er in Coerde im Speicher 12 bei den Restauratoren verbracht hat, hatte er viel mit Keramiken zu tun, die so einer Bearbeitung bedurften.

Urnen, Töpfe, Schalen oder Krüge lassen sich selten als solche erkennen, da sie in so viele Einzelteile zerbrochen sind, die es einem Laien unmöglich machen, festzustellen, was da wie zusammengehört. Die Scherben gleichen einander meist in Farbe und Konsistenz stark und sind an den Kanten abgestumpft und haben an Form verloren. Geübten Restauratoren ist es dennoch möglich, zusammengehörende Teile durch Fühlen der Oberfläche zu bestimmen und zu einer Urne, einem Topf, einer Schale oder einem Krug zusammenzukleben.

"Oft fehlen Scherben, wenn man versucht ein Gefäß zusammenzusetzen. Dann werden vom Restaurator je nach Bedarf mit Gips die offenen Stellen geschlossen. Die Gipsergänzung ist vor allem auch für Museumsbesucher eine Hilfe, das Objekt zu verstehen. Ein Loch in einer Keramik kann leicht als ein zweckmäßiges Loch interpretiert werden", erklärt Florian Westphal. Auch in seinem Studium hat der gebürtige Münsteraner mit solchen Keramiken zu tun. Neben Altrestaurierung und der Arbeit an Originalobjekten stehen unter anderem praktische Chemie und Fotografie sowie Kulturgeschichte und Ethik auf dem Lehrplan.

Informationen zum Beitrag

Titel
Explosionen in Zeitlupe
Autor
Eleonore Laubenstein
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2012, Nr. 171, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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