Knobeln an jahrtausendealten Texten

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Qumrans Vermächtnis / Wissenschaftler forschen an den mehr als 2000 Jahre alten Schriften
 
Pling!" Der junge Beduine schaut verwirrt auf die karge Wüstenlandschaft des Westjordanlandes. Dahinten das Tote Meer, links ein paar Ruinen, rechts nichts außer Sand und vor ihm die Fußstapfen seiner weggelaufenen Ziege, die jetzt in der Ferne als kleiner weißer flimmernder Punkt zu sehen ist. Fluchend wischt sich der Mann den Schweiß von der Stirn. Keine Zeit zu verlieren, die anderen warten auf ihn im Lager. Innerlich sieht er sich hinter seiner Ziege herlaufen, aber er bewegt sich nicht. Was war das für ein Geräusch? Ungeduldig schabt er mit seinen Füßen, die in einfachen Sandalen stecken, auf dem Sandboden herum.

Das ist im Jahr 1947, und ihm wird erst viel später klar, dass er soeben eine der bedeutendsten althebräischen Bibliotheken in Qumran gefunden hat und dass das "Pling" das Aufeinandertreffen eines Steines auf Tonkrüge gewesen war. Ein komplettes Aufgebot aufgeregter Archäologen, die die von ihm gefundene Höhle belagern, ist aufschlussreich für die Beduinen: Bei den Funden der zehn weiteren Höhlen waren sie immer schneller als die Archäologen, die vertieft in ihre Arbeit alte Geschäftsbriefe und biblische Texte freilegten und nicht erwartet hatten, elf Höhlen voll mit alten Schätzen zu finden.

Mehr als 60 Jahre später schaut Therese Hansberger, Spezialistin für althebräische Schriften, die bei dem Forschungsprojekt der Universität Bonn mitarbeitet, andächtig auf eine der abgedruckten publizierten Texte aus Qumran. Das Buch mit dem roten Einband, worin Eduard Lohse als Erster Anfang der siebziger Jahre Schriften veröffentlichte, die er ins Deutsche übersetzt hatte, liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Auf der linken Buchseite stehen die alten Texte, auf der rechten Seite die jeweilige deutsche Übersetzung. Anders als hebräische Texte, die man heute kennt, sind unter den Schriftzeichen keine kleinen Punkte und Striche, die die fehlenden Vokale ergänzen.

Lediglich ein paar vereinzelte Kringel über manchen Buchstaben fallen auf. "Hier ist sich der Übersetzer nicht sicher, was das Wort bedeuten soll, weil man die Schriften nach all den Jahren nicht mehr so gut lesen kann", sagt die Bibelwissenschaftlerin. Die Rollenreste seien oft lückenhaft und schwer zu entziffern.

Die 42-Jährige deutet auf eine Kaffeetasse, wo ein althebräischer Text abgebildet ist; keine zusätzlichen Zeichen. Wie es in dem Buch vorliegt, mit winzigen Strichen und Punkten unter den Konsonanten, welche die Vokale angeben, ist es schon Ergebnis der modernen Bearbeitung. Die Rollen haben eine ganze Zeit vor ihrem Fund Ende der vierziger Jahre in den Höhlen gelegen. Eine Gruppierung hatte um etwa 100 vor Christus bis etwa 70 nach Christus, als die Römer die Siedlung einnahmen, in den Qumran-Höhlen ihre Schriftrollen gelagert. Auf Papyrus oder Leder verfasst, steckten die Texte in Tonkrügen. Neun komplett erhaltene Rollen, mehr als 900 Texte und 1000 kleine Fragmente.

Die Theologin mit den braunen mittellangen Haaren erklärt: "Aus den Regelschriften, Strafkatalogen und theologische Werken, die man gefunden hat, lässt sich schließen, dass es sich um eine sektenartige Gruppierung gehandelt hat." Sie beschreibt die Texte einerseits als "schön", wie die Loblieder, psalmenartige Gesänge, auf der anderen Seite aber auch als "fundamentalistisch und radikal". "Hierbei geht es oft ums Ausgestoßenwerden ins Dunkle." Bis 2001 waren die Schriften nicht vollständig für die wissenschaftliche Welt zugänglich, denn die Texte wurden erst aufgearbeitet. "Da merkt man, da sind erst zwei Generationen dran", sagt Hansberger. Qumran stehe irgendwo zwischen Bibel und rabbinischen Schriften. Deshalb sei der Umgang sowohl mit Hebräisch als auch mit Aramäisch wichtig, um manche Ausdrücke zu verstehen.

Es gibt verfasste Texte in Aramäisch, aber auch Schriften in Hebräisch, was für einige ein Problem darstellt, da Aramäisch in der theologischen Ausbildung nicht mehr so üblich sei. Wenn man nur Bibel-Aramäisch oder Bibel-Hebräisch kenne, sagt die Forscherin, dann kämen einem manche Dinge in Qumran wunderlich vor, was unter anderem an der Vokalschrift liege. Mit Texten ohne Punktation wie in Qumran umzugehen, werde im Studium nicht mehr gelehrt.

Therese Hansberger arbeitet mit Kollegen der Bonner Fakultät und Wissenschaftlern aus aller Welt an einem theologischorientierten Lexikon zu Qumran-Schriften. Zurzeit arbeiten sie am zweiten von vier geplanten Bänden mit Hunderten von Artikeln. Mit einem wachen Blick aus braunen Augen hinter Brillengläsern schildert sie die Arbeitsvorgänge der Mitarbeiter. Bei dem Lexikonartikel sei es so, dass ihn einer schreibe, von dem man wisse, dass er zu einem ähnlichen Thema gearbeitet hat. Ihm wird ein Wort zugeteilt, das gut zu dem Thema passt. "Dann gibt es Artikel, die übrigbleiben. Die übernehmen wir, die Mitarbeiter in Bonn selbst." Der Artikel wird geschrieben, korrigiert und auf die richtigen Abkürzungen und Zitate überprüft. Ein Artikel auf Englisch wird erst mal ins Deutsche übersetzt. Dann wird der Artikel auf Richtigkeit überprüft. Ganze Wortgruppen müssen betrachtet werden, wie etwa zum Wort "füllen", "voll" und "Fülle", aber auch Spezialbedeutungen wie der Ausdruck "die Hand füllen" für die Priesterweihe werden beachtet.

Schließlich bekommen die Herausgeber ihre Artikel mit den Korrekturen wieder. "Das kann schon ziemlich viel Arbeit machen", sagt die Mutter von zwei kleinen Kindern. Aber gerade dieses Knobeln am fremden Text, die Faszination und das Interesse an Sprache und Literatur habe sie besonders hingerissen. Wie funktioniert eine Sekte? Wie läuft ein sektenartiges, abgeschottetes Gemeindeleben ab? Wie gelingt Manipulation? Wie war das Bibelverständnis? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Judaistin.

Anhand der Gemeindeschriften und der Strafkataloge lässt sich einiges über die Gruppe sagen: Die Menschen lebten abgeschottet für sich in der Wüste. Sie hatten klare Vorstellungen davon, wer die Guten und wer die Bösen sind. Die einen hatten das Licht, die anderen die Finsternis. "Und natürlich ist man aus deren Sicht immer derjenige, der die Wahrheit für sich gepachtet hat." Mit ebenden aufgestellten Regeln wurde versucht, die Mitglieder zu binden, einzuschüchtern und dafür zu sorgen, "dass keiner nach rechts oder nach links abweicht".

Manche Texte geben Hinweise darauf, dass das Leben so ähnlich ablief wie in einem Kloster: Neue Mitglieder mussten eine Probezeit bestehen und wurden vom Oberhaupt auf ihre Gemeindetauglichkeit geprüft. Gerade aus dieser Verknüpfung von Gottesfurcht, Manipulation und Schönheit könne heute noch gelernt werden, sagt Hansberger.

Ist der Artikel dann fertig, erscheint er mit Stichwort und Vermerken in dem rund 600 Seiten dicken zweiten Band des Lexikons. "Wir arbeiten einen Artikel nach dem anderen ab, 40 Artikel im Jahr vielleicht. Einer Kollegin ist es zum Beispiel schon passiert, dass sie einen Artikel gelesen und gedacht hat: ,Super übersetzt, wer hat das denn gemacht?' Dann hat sie nachgeschaut und festgestellt: Das war sie selbst! Wusste sie nicht mehr." Sie lacht herzlich.

Informationen zum Beitrag

Titel
Knobeln an jahrtausendealten Texten
Autor
Mareike Müller
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2012, Nr. 171, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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