Blattgold statt E-Book

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Es riecht nach Leder, gutem Papier, Leim, Holz und Kleber, wenn man die Werkstatt der Buchbinderei Erdmann betritt, die sich im Hinterhof ihres Geschäftes in einem schmalen, unter Denkmalschutz stehenden Haus befindet. Im Westen Hamburgs liegt im Herzen der Elbvororte der Stadtteil Nienstedten. Dort erstreckt sich die Kanzleistraße vom S-Bahnhof Klein Flottbek im Norden bis zum Internationalen Seegerichtshof im Süden. Die Kanzleistraße war ursprünglich die Bahnhofsstraße, nachdem 1899 Nienstedten an das Eisenbahnnetz zwischen Blankenese und Altona angeschlossen worden war. Es gab hier viele Geschäfte und kleinere Gewerbebetriebe.

Thomas Erdmann sitzt am Arbeitstisch seiner Werkstatt und fühlt sich sichtlich wohl zwischen all den feinen Materialien: Pergament, Leder oder Blattgold. Das in aufwendigen Verfahren hergestellte Buntpapier zum Einbinden von Büchern oder Fotoalben lässt er sich aus Florenz mitbringen, man spürt die Qualität.

Gerade schneidet eine Mitarbeiterin sorgfältig Streifen aus Kalbsleder für den Einband eines alten Buches. Der Buchbindermeister ist etwa Mitte 40, trägt ein gestreiftes Hemd und eine dunkle Jeans. Klare Augen blicken einen durch die ovalen Gläser seines dezenten Brillengestells an.

Die 1996 neu gegründete Buchbinderei ist eine von fünf Buchbindereien in Hamburg, einer von zwei Ausbildungsbetrieben und sei die einzige, die in den vergangenen Jahren ein Wachstum verzeichnen konnte. Das Geschäft läuft gut. Nicht zuletzt, weil Erdmann eine Eigenmarke aufgebaut hat, deren Produkte sich gut verkaufen lassen und die einen stabilisierenden Faktor in den Einnahmen darstellt, da die Auftragslage sehr unzuverlässig ist. Diese Marke heißt "Papermoles" und hat 2011 den "reddot Design Award" gewonnen: Es sind handgefertigte Design-Ledermappen mit persönlicher Prägung.

"Die Aufträge, die wir bekommen, haben eine riesige Bandbreite. Wir verpassen den gesammelten Werken von Goethe einen neuen Anschliff oder gestalten einen Hochglanzprospekt für eine Firma, die Luxusyachten herstellt. Wir probieren viele Dinge aus." Thomas Erdmann war Pädagoge, bevor er sich entschied, einen handwerklichen Beruf zu erlernen. "Die Buchbinderei erschien mir damals wie auch heute noch als der spannendste und der am besten zu mir passende Handwerksberuf."

Auch wenn viele der Kunden aus dem Hamburger Westen und aus Nienstedten kommen, fühlt sich der Buchbinder wie auch seine vier Mitarbeiter nicht sonderlich mit dem Viertel verwachsen. Zwar fühlten sie sich wohl und könnten sich auch keinen besseren Ort vorstellen, aber es sei dennoch nur ihr Arbeitsplatz. Alle Mitarbeiter wohnen in anderen Stadtteilen.

In einem Zeitalter von Internet, Smartphones und E-Books stellt die Buchbinderei einen Kontrast dar. Die breite Masse können sie mit ihrem Segment zwar nicht ansprechen, was auch viele Buchbindereien ökonomisch deutlich gespürt haben, die schließen mussten. Erdmann aber gereichte dies nicht zum Nachteil, sondern im Gegenteil: "In einer Groß- und Kulturstadt wie Hamburg bedeuten solche Schließungen nur, dass die Kunden der geschlossenen Buchbindereien sich auf die verbleibenden verteilen. Auf uns hatte das also nur positive Auswirkungen."

Buchbinder könnten auch im Zeitalter von E-Books und Internet wirtschaftlich überleben. "Gerade heutzutage wollen viele Menschen etwas Besonderes, Handgearbeitetes und Persönliches kaufen. Unsere Ipad- und Ipod-Schutztaschen zum Beispiel werden mit Namen der Person versehen, die sich entscheidet, das Produkt zu kaufen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Blattgold statt E-Book
Autor
Paul Voges
Schule
Christianeum , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2012, Nr. 171, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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