Ein schwäbischer Highlander

Vom Steinkugeltragen über den Farmers Walk bis zum Baumstammslalom: Bei den Highland Games im Angelbachtal müssen zwölf Disziplinen bewältigt werden.

Laut und eindrucksvoll ertönen mitten im Schwäbischen grün-rot karierte Dudelsäcke und Trommeln. In der Gemeinde Angelbachtal nordöstlich von Stuttgart sind 25 Clans aus ganz Deutschland bei brütender Hitze und Temperaturen von mehr als 35 Grad erschienen, um sich in einem harten Wettkampf zu messen. Die Clans kämpfen in 12 Einzel- und Mannschaftsdisziplinen gegeneinander, angefeuert von Besuchern und unter Beobachtung von Fernsehteams.

Im Angelbachtal liegt das von einem Teich umgebene Wasserschloss Eichtersheim. Dessen historischer Park mit altem Baumbestand ist der jährliche Austragungsort der traditionellen schottischen Hochlandspiele. Dann wird dieses idyllische und ruhige Fleckchen Erde zum Wallfahrtsort Tausender schottlandbegeisterter Menschen. Die wachsende Begeisterung für diesen Sport mit seiner langen keltischen Tradition liegt vor allem an der Andersartigkeit gegenüber dem Leistungssport.

Damit Akteure wie Besucher bei Kräften bleiben, werden schottische Speisen gereicht. Sei es Fish & Chips, der berühmte Haggis, schottische Biere oder andere Spezialitäten. Gleich nebenan bieten Händler des Schottischen Marktes alles an, was das Highlander-Herz begehrt: erlesene Whiskys, Kilts in unterschiedlichen Karos, Fahnen und andere Souvenirs.

Die laute Dudelsackmusik bläst zum Einmarsch der Clans, der nach streng traditioneller Ordnung abläuft. Zuerst marschiert der "Clan Chief of the Day" ein, der extra aus Schottland angereist ist und das Kommando über dieses Event hat. Dann folgen die vielen Dudelsackspieler und zum Schluss die Clans selbst. Jede Gruppe wird von ihrem Clan-Chief angeführt. Der trägt die Clan-Flagge und manchmal ein Schwert. Der Clan "Guardians of Scone" trägt einen grün-schwarz karierten Kilt, dazu schwarze Kniesocken mit einem roten Königswappen. Das schwarze Shirt zeigt den Schriftzug des Clans sowie den schottischen Löwen auf dem Rücken. Alle Guardians tragen schwarze, kräftige Boots. Jedes Clan-Mitglied hat seinen eigenen schottischen Namen. Das mitgereiste Fan-Team, bestehend vor allem aus Familienmitgliedern, feuert den Clan Chief der Guardians of Scone bei dessen erster Disziplin an. Sie rufen immer wieder einen schottischen Namen: "Aeonghus, Aeonghus, Aeonghus", während der Mann einen vier Meter langen und etwa 35 Kilogramm schweren Baumstamm senkrecht mit beiden Händen balanciert. Er setzt zum Wurf an, das Anfeuern geht in ein Kreischen über, bis der Stamm auf der Wiese landet.

Es ist kurz ruhig, bis die Punkte bekanntgegeben werden. Ziel ist es, den Stamm in der Luft während des Fluges um 180 Grad zu drehen, so dass er dann auf dem Kopf aufkommt und in der sogenannten 12-Uhr-Position zum Werfer landet. Ein perfekter Wurf, dem Ergebnis folgt begeisterter Applaus.

"Aeonghus", alias Jan-Christian Bauer, der begeisterte Schottland-Fan, erklärt, wie es zur Gründung seines Clans kam. "Slainte Mhath" (gesprochen slantsche wah, zum Wohl) - mit diesem Trinkspruch habe alles angefangen. Eines Abends im Jahre 2008 veranstaltete er ein privates Whisky-Tasting mit seinen engsten Freunden in seinem Haus in Schwäbisch Gmünd. Bauer ist selbständig und handelt mit Silberwaren. Während der Verkostung des "Uisge Beatha", Wasser des Lebens, kam dem 2,04 Meter großen und schlanken, blonden Hünen die Idee, einen schottischen Clan zu gründen. Die Begeisterung seiner Freunde war groß.

Sie einigten sich auf den Namen "Guardians of Scone", der Name bedeutet eine Bruderschaft, die den Stein von Scone beschützen und bewachen soll. Der Stein galt im frühmittelalterlichen Königreich Schottland als magisch, spielte bei den Krönungsritualen eine große Rolle und existiert noch heute. Jeder König wurde damals zu besagtem Stein geführt und stehend gekrönt. Der Stein wurde mehr als 700 Jahre an verschiedenen Stellen aufbewahrt und zuletzt im Jahr 1996 von den Engländern an Schotten offiziell übergeben. Heute liegt der Stein im Schloss von Edinburgh.

Aeonghus wurde zum Clan Chief ernannt und hatte mit seinen Freunden gleich eine komplette Mannschaft zur Verfügung. Im Sommer treffen sie sich regelmäßig an den Wochenenden in Schwäbisch Gmünd, um für die Wettkämpfe zu trainieren. Für das Training nutzt die Truppe das große Gartengrundstück von Bauers Schwiegereltern. Der Clan Chief ist für Verwaltung und Motivation zuständig und nimmt auch an den Wettkämpfen teil.

Zum heutigen Wettkampftag im Angelbachtal ist die Mannschaft mit sechs Mann angereist. Die Guardians of Scone haben sich in der recht kurzen Zeit seit ihrer Gründung bereits einen Namen in der Highlanderszene gemacht. "So sind die Wochenenden im Sommer schnell verplant, und Spaß für die gesamte Familie ist garantiert", sagt Bauer.

Die noch junge Mannschaft erkämpft sich an diesem Wochenende unter 25 teilnehmenden Gruppen einen dritten Platz bei den zwölf Disziplinen und einen zweiten Platz bei der separat stattfindenden Königsdisziplin, dem "Tug o'War", dem Tauziehen.

Es gibt außerdem Gewichthochwurf, die Huckepack-Staffel, das Kugelstoßen und das Fassrollen, den Baumstammslalom, das Bogenschießen, den Gewichtweitwurf, das Steinkugeltragen, den Strohsackhochwurf, das Baumstammziehen und den Farmers Walk. Eine extrem anstrengende Disziplin ist gerade der Farmers Walk. Bei dieser Disziplin muss der Kämpfer zwei 55 Kilogramm schwere und mit einem Griff versehene Holzstämme über eine Strecke von zehn Metern hin- und hertragen. Je mehr Runden umso mehr Punkte. Aeonghus läuft als Clan Chief stets anfeuernd neben seinen Kameraden her, um sie zu Höchstleistungen zu motivieren.

Nachdem sie alle zwölf Disziplinen erfolgreich absolviert haben, sind die Guardians of Scone mit ihrer Leistung zufrieden. Trotz Schmerzen in Muskeln und Knochen und übersät mit blauen Flecken haben sie den heißen Tag in Angelbachtal genossen. Nach dem Motto: "Nach dem Kampf ist vor dem Kampf", freuen sie sich schon heute auf die weiteren bevorstehenden Wettkämpfe. "Alba gu bràth" - "Schottland für immer!"

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein schwäbischer Highlander
Autor
Philipp Weiß
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2012, Nr. 177, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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