Wunderschön anzuschauen und hochgiftig

Drückende Hitze. Die hohe Luftfeuchtigkeit erschwert die Atmung. Die einzige Linderung der beinahe unerträglichen Temperaturen bringt die Seeluft. Touristen besteigen den Katamaran, der für 40 Personen ausgelegt ist. Die Urlauber werden von der fünfköpfigen Besatzung herzlich begrüßt und ihren Plätzen unter Deck zugewiesen. Dann sticht die "Marry" in See.

Der Hafen von Cairns an der Nordostküste Australiens liegt schon einige Seemeilen zurück. Ziel ist das große Barriere Riff. Besatzungsmitglied Lisa teilt unter Deck ihr Wissen über das Riff mit den wissbegierigen Touristen: "Das große Barriere-Riff ist das größte Korallenriff unserer Erde. Das Riff erstreckt sich über eine Länge von 2300 Kilometer", verkündet die etwas kleingewachsene Australierin mit dem kurzgeschnittenen, schwarzen Haar und den lustigen blauen Augen. "Der Entdecker des Riffs war Kapitän James Cook. Das Riff ist eine Konstellation von über 2900 Einzelriffen, zusammen mit knapp 1000 Inseln und zahlreichen Sandbänken."

Die "Marry" legt nach kurzer Zeit an einem größeren Schiff an, das als eine Art Anlegestation direkt am Riff dient. Die Touristen werden gemäß ihrem Ticket verschiedenen Reiseführern anvertraut. Manche haben für einen Tauchgang mit Sauerstoffflasche bezahlt, andere gehen in kleineren Gruppen, mit Taucherbrille und Schnorchel bewaffnet, das Riff auf eigenen Faust erforschen, und die letzte Gruppe verzichtet auf die direkte Konfrontation mit den Meeresbewohnern und besteigt ein Glasbodenboot. Jede Gruppe wird noch einmal auf die nötigen Sicherheitsvorschriften aufmerksam gemacht, dann kann das Abenteuer beginnen.

Shane begrüßt seine Gruppe mit einem freundlichen Grinsen, die Passagiere nehmen auf den Bänken links und rechts des Glasbodens Platz. Gespannt gucken sie durch die Scheibe auf dem Schiffsboden. Das kleine Boot tuckert langsam über das Riff hinweg. Die Besucher werden in Staunen versetzt, als sich ihnen die Farbenvielfalt des Barriere-Riffs offenbart. Hunderte von Fischen tummeln in einem wilden Tanz durcheinander. Shane erzählt, dass hier mehr als 1500 Fischarten leben. Es gibt Seesterne in allen Farben und Größen und Skorpionfische mit prächtigen Mustern. "Die Zacken eines Skorpionfisches sind hochgiftig", verkündete Shane, "auch wenn diese Fische so wunderschön aussehen."

Da schwimmt ein Schwarm Mondfische unterm Boot durch. Manche Touristen erschrecken, denn diese Giganten können eine Länge von bis zu drei Metern erreichen, dafür sind sie nur etwa 30 Zentimeter dick. Sie sehen aus wie senkrecht schwimmende Riesenteller mit Flossen.

In den Korallen- und Anemonenwäldern verstecken sich viele kleinere Fische wie Doktorfische mit ihrer leuchtend blauen Farbe und Anemonenfische. Ein Tourist erspäht sogar einen Mandarinfisch, ein sehr kleines Exemplar, jedoch von ungemein schöner Farbenprächtigkeit. Das Wasser ist an dieser Stelle nur etwa zehn Meter tief, so dass man den Rochen, der sich am Meeresgrund aufhält, ausfindig machen kann. "Da drüben unter dem Felsen ist ein Tintenfisch", sagt Shane mit seinem sonnengeröteten Gesicht. "Tintenfische sind sehr intelligente Tiere", erklärt er: "Ihre Verwandten, die Sepien, sind aber noch intelligenter. Sie wissen genau, wie sie ihre Gegner einschüchtern können, indem sie das Zusammenspiel ihrer kurzen Fangarme und ihrer leuchtenden Farben ausnützen. Trotz ihrer hohen Intelligenz leben weder Sepien noch Riesenkraken besonders lange, da sie nach der Fortpflanzung so lange auf die gelegten Eier aufpassen, bis sie die letzte Kraft verlässt und sie sterben."

Dann gilt die Aufmerksamkeit den gigantischen Mördermuscheln, die länger als einen Meter werden können. Angespannt versuchen die Touristen in den letzten 100 Metern noch etwas Aufregendes zu entdecken. Schon nach wenigen Augenblicken taucht eine hungrige Meeresschildkröte auf, die genüsslich eine Qualle verspeist.

Nach kurzer Zeit legt das Glasbodenboot wieder am Schiff an. Das Barriere-Riff steckt heute noch voller Geheimnisse, die lange nicht alle erforscht sind. Auf dem Rückweg nach Cairns werden die Feriengäste mit einer tragischen Geschichte konfrontiert. Mit einem tiefen Seufzen berichtet Lisa: "Es gab auch düstere Tage für das Riff. Als die "MS Shen Neng 1" im April 2010 auf Grund lief, bildete sich ein Leck, und dem Kohlefrachter entwichen ungefähr drei Tonnen Öl. Glücklicherweise konnte dieses Desaster mit Hilfe von Chemikalien eingedämmt werden. Trotzdem wurden Teile des Riffs zerstört. Einer solchen Katastrophe zu trotzen ist nicht einfach, und wir wären froh über jede Spende, die uns hilft, die Natur zu bewahren."

Informationen zum Beitrag

Titel
Wunderschön anzuschauen und hochgiftig
Autor
Alexander Manuzzi
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2012, Nr. 177, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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