Törfsteken und Stockspringen

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Caspar, Du kennst dich doch im Moor so gut aus. Wir können dort doch den Maigang machen." So lautet vor 16 Jahren die einhellige Meinung der Alt-Herren des Fußballvereins SV Bösel. Einige ergänzten: "Wir können doch Wettbewerbe im Torfstechen, Sprung über den Graben und im Torfweitwurf machen, dann macht das alles etwas mehr Spaß." Das war der Beginn des Moor-Diploms in Bösel im nördlichen Oldenburger Münsterland.

Der 79 Jahre alte Caspar Pleye ist in der Moorsiedlung aufgewachsen. "Damals gab es viel mehr Moor als heutzutage", erklärt der Moorgeist, so wie er von seinen Freunden und seitdem auch von vielen anderen genannt wird. "Früher hat man vom Moor gelebt, vieles wurde auf dem Moor gezüchtet, und der Torf wurde verkauft." Der Rentner hat sich viel mit dem Moor befasst. Auch heutzutage möchten viele etwas über das Moor wissen und haben Fragen - Kinder, Erwachsene und sogar Jugendliche. Aus jeder Altersgruppe ist jemand vertreten.

Meistens kommen Lehrer mit ihren Klassen zu ihm, oft aus der Grundschule. Sie haben das Thema gerade im Sachunterricht und wollen mehr über das Moor erfahren. Es sind aber auch Vereine, die ihn schon aufgesucht haben. "Das Faszinierende daran ist, dass sogar einmal polnische Schüler zu mir gekommen sind, um über das Moor etwas zu erfahren. Der Lehrer der Klasse hat es dann größtenteils übersetzt", erzählt Caspar Pleye, der früher als Tischler tätig war. "Das Problem ist, dass das Moor zum Beispiel durch den Straßenbau zu wenig Wasser bekommt, das dann abläuft. Aber das Moor lebt vom Wasser, deswegen trocknet es teilweise aus, was die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt sehr einschränkt", klagt er und streift sich über seine grauen Haare.

Das Interesse am Moor-Diplom ist ungebrochen. "Über das Jahr verteilt sind es 500 und einmal sogar 1200 Kinder, die ich führe. Es waren schon Kinder mit drei Jahren dabei, die das Moor-Diplom gemacht haben. Aber auch Menschen bis Mitte 80. Die Kinder trinken dann aber nicht den Mauerfüer", lacht Pleye. Der Mauerfüer ist ein hochprozentiges alkoholisches Getränk, das die Erwachsenen trinken müssen, um das Moor-Diplom zu erlangen. Dazu muss man noch Törfsteken, Stäwelwietschmieten und Stockspringen.

Törfsteken bedeutet, dass man mit den Spaten, die man in Bösel Jaoger und Sticker nennt, Torf sticht. Als Böseler müsse man so etwas können, meint der Moorgeist. Beim Stäwelwietschmieten muss man einen Stiefel so weit schmeißen, wie man kann. Früher hat man Torf geworfen.

"Ich bin auf die Idee gekommen, weil man früher im Emsland in den Konzentrationslagern im Moor als Gefangener nicht miteinander sprechen durfte, während man auf dem Moor arbeitete. Deswegen haben sie einen Zettel in den Stiefel gelegt und ihn zu dem geworfen, der ihn lesen sollte. So haben sie sich früher verständigt", erklärt Caspar Pleye und nickt mit ernstem Blick. Als Letztes muss man noch Stockspringen: Man steckt einen langen Stock in den Graben und muss mit Hilfe des Stocks über den Graben springen. "Bei einigen geht es auch daneben, und manche nehmen ein unfreiwilliges Bad", lacht er.

Wenn jemand ein Moor-Diplom macht, trägt Pleye immer einen Hut mit Federn verschiedener Vogelarten. "Als Moorgeist ist man ja etwas Besonderes. Der Hut, den ich regelmäßig trage, während ich prüfe, ob alles mit rechten Dingen zugeht, ist mein Markenzeichen." Doch ein Problem hat der Moorgeist, der seit 16 Jahren tätig ist: "Ich habe nicht mehr die Kraft, fast jeden Tag ins Moor zu gehen, doch es findet sich niemand, der das weitermachen möchte oder kann. Außerdem wird in ganz Deutschland viel zu wenig für das Moor getan, und ich will mich dafür einsetzen, dass es nicht ganz austrocknet und kaputtgeht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Törfsteken und Stockspringen
Autor
Verena Seppel
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2012, Nr. 177, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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