Klassenzimmer mit Meerblick, und keiner geht zum Schwimmen

Trotz der Träume vom eigenen Hotel sind die Berufsaussichten im Tourismus für die Schüler in der slowenischen Adriastadt ungünstig. Hier zählen Disziplin, Dienstleistungswille und Sprachtalent.

Das klare, blaue Meer glitzert und funkelt in der Morgensonne. Am Hafen von Izola, einer slowenischen Kleinstadt an der Adria, nur etwa 15 Kilometer südlich der italienischen Grenze, liegen die Boote und Yachten der Stadtbewohner und Touristen. In den Scheiben brechen sich die Sonnenstrahlen. Es ist kurz nach sieben Uhr, und die ersten Schüler und Lehrkräfte finden sich auf dem Schulhof ein. Für die 310 Schüler der Srednja gostinska in turisticna sola Izola (SGTI) und ihre Lehrer ist es normal, mehrmals in der Woche diese Vorstunde wahrzunehmen, um das Schulpensum ableisten zu können.

"Die Vorstunde ist eher unbliebt", sagt eine zierliche junge Frau mit dunklen langen Haaren, die sie zu einem Zopf gebunden hat. Auf dem Kopf trägt sie eine Sonnenbrille, und ihr in Grau-Schwarz gehaltenes Outfit wirkt durch ihre Uhr und den Ring am rechten Ringfinger sportlich und schick zugleich. "Besonders im Winter ist es schwer, so früh aufzustehen." Sergeja Brglez gehört zu den Jüngsten unter den 26 Kolleginnen und Kollegen und lehrt insgesamt neun Fächer, darunter Tourismus und Ökonomie. Sie unterrichtet in den angebotenen Bildungsgängen mit den Schwerpunkten Gastronomie oder Tourismus.

Die Schüler des ersten bis vierten Jahres an der SGTI befinden sich ungefähr im selben Alter wie deutsche Schüler der Klassen 9 bis 12. Wer das Abitur mit allgemeiner Universitätsberechtigung erreichen möchte, muss im fünften Schuljahr an eine andere Schule wechseln, zum Beispiel in die Nachbarstadt Piran. Nach drei Jahren erhalten die Schüler parallel zur theoretischen Ausbildung außerdem einen Ausbildungsabschluss als Koch oder Restaurantfachmann. Einen Ausbildungsbetrieb als dualen Ausbildungspartner gibt es in Slowenien nicht, die gesamte fachpraktische Ausbildung findet hier in der Schule statt.

Auch das slowenische Notensystem ist anders als das deutsche, die schlechteste Note ist eine Eins, während die Fünf die beste Note ist. Außerdem gibt es nur glatte Noten, keine Zwei plus oder Drei minus. Frau Brglez, die den Schülern Lernstoff von der Kalkulation bis hin zu Wirtschaft und Recht vermittelt, legt viel Wert auf Medieneinsatz und Gruppenarbeit in ihrem Unterricht. Ganz besonders wichtig sei ihr jedoch Disziplin, was man ihr auch ansehen kann. Ihre kerzengerade Haltung und das sichere Auftreten lassen daran keinen Zweifel. Sie fordere viel von ihren Schülern, doch leider sei die Technik dabei oft im Weg. "Vater Google, Mutter Wikipedia", sagt die junge Frau zum Arbeitsverhalten ihrer Schüler. Ihr erstaunlich gutes Deutsch hat sie übrigens in ihrer Kindheit durch deutschsprachige Comicserien des österreichischen Fernsehens gelernt.

Schüler wie der 17 Jahre alte Timm Zgur sind begeistert von ihrem Unterricht. "Touristik ist mein Lieblingsfach", sagt er und fügt hinzu: "Aber Sprachen sind bei uns auch sehr wichtig, denn wir haben in unserem schuleigenen Hotel nicht nur slowenische, sondern auch deutsche, französische und italienische Gäste." Die Schüler sprechen alle Englisch, lernen Französisch und Deutsch. Im Sommer ist das Schulhotel, das Gästen eine einfache Unterkunft bietet, jedes Jahr ausgebucht. Die erwirtschafteten Gewinne des schuleigenen Betriebs können wieder in die Schule investiert werden.

Manche der Schüler arbeiten dort auch in den Ferien, um ihr Taschengeld und ihre Sprachkenntnisse aufzubessern. Während des Schuljahres wohnen in den Räumen des schuleigenen Internats mit 220 Betten Schüler, die nur am Wochenende nach Hause fahren, denn sie kommen von der ganzen Küste hierher. Andere, die noch bei ihren Familien leben, erreichen die Schule mit dem Bus aus den benachbarten Städten.

"Wenn ich die Schule in zwei Jahren beendet habe, studiere ich Tourismus, und danach eröffne ich vielleicht irgendwann mein eigenes Hotel", schwärmt die 16 Jahre alte Mateja Svab. Sie ist im zweiten Jahr und lässt sich besonders für Geographie und Sprachen begeistern. Die Berufsperspektiven nach der Schule seien in der Region, die überwiegend vom Tourismus lebt, zurzeit aber ungünstig. Die Schüler fänden nach Abschluss der Schule häufig keinen Arbeitsplatz in ihrem erlernten Ausbildungsberuf und gehen daher ins Ausland oder arbeiten auf Kreuzfahrtschiffen. Dejan Muzina, der Geographielehrer, teilt Matejas Begeisterung für sein Fach. Der großgewachsene Mann, dessen Haar schon grau meliert ist, trägt ein helles Poloshirt und dunkle Jeans. Er versucht seinen Schülern einen abwechslungsreichen Unterricht zu bieten und lässt sie gerne mit dem GPS-Gerät draußen im Freien arbeiten. Trotz allem sei die Motivation eher durchschnittlich. "Das hängt von dem Tag und der Zeit ab, aber ich wünsche mir, dass jeder etwas mehr Interesse zeigt", sagt Muzina.

Er möchte seine Schüler durch Projekte motivieren und ihnen gleichzeitig eine Chance auf gute Noten bieten. Er verbreitet gute Laune, wirkt aber ein wenig nervös. Auf die Frage nach seinen Wünschen für eine bessere Schule werden seine dunklen Augen nachdenklich. "Ich würde mir wünschen, dass alle Schüler ohne ihre Probleme, die sie zu Hause haben, zur Schule kommen könnten." Er möchte, dass mehr Interesse am Alltag der Schüler gezeigt wird, denn "teachers are not from other planets" und würden genau wie ihre Schüler gerne Fußballspiele schauen.

Die Situation der Lehrkräfte an den Schulen, berichtet Muzina, werde zunehmend schwieriger. Alle Lehrerinnen und Lehrer der Schule arbeiten nicht im Beamten-, sondern im Angestelltenverhältnis. Der Staat drohe aufgrund der wirtschaftlichen Lage den Lehrkräften mit 15 Prozent Abzug vom Lohn, Streichungen des Weihnachtsgeldes und der Fahrtkostenzuschüsse. Besonders die hoch qualifizierten und engagierten Lehrkräfte, sagt Sergeja Brglez, tendierten bei weiteren Lohnverschlechterungen dazu, in die freie Wirtschaft zu wechseln. Die jüngeren Lehrkräfte hätten darüber hinaus wenig Chancen auf eine feste Einstellung. So seien beispielsweise an ihrer Schule von insgesamt 26 Lehrkräften nur fünf unter 45 Jahre alt.

Unros Zorc, der im ersten Jahr seiner Schulausbildung an der SGTI ist, möchte Koch werden. Er begeistert sich besonders für die traditionelle Küche und erzählt, dass er nach jeder zubereiteten Mahlzeit diese auch probieren dürfe. Die Lernküche ist geräumig und mit allen wichtigen Utensilien ausgestattet, nur die Kochbekleidung müssen die angehenden Köche selbst bezahlen. "Im ersten Jahr reicht ein weißes T-Shirt, danach muss es schon mehr sein", erklärt Unros Zorc.

Für den Service des heutigen Abends im Schulrestaurant, in dem um 19 Uhr eine Delegation ausländischer Gäste eingetroffen ist, haben sich einige Schüler freiwillig gemeldet. In der Mitte des großes Saales steht eine Festtagstafel, das glänzend polierte Besteck und die aufwendig gestalteten Menükarten lassen mehrere Gänge erwarten. Nachdem die Gäste gebeten wurden, sich einen Platz zu suchen und die Aussicht auf das Meer durch die große Fensterseite hinaus zu genießen, treten eine junge Schülerin und ein Schüler in schicken, grünen Anzügen auf. Auch diese müssen die Schüler selbst kaufen. Das Mädchen in weißer Bluse, grüner Weste mit Goldknöpfen und schwarzer Hose plaziert sich so vor den Tischen, dass sie mittig steht und einen genauen Überlick über das Geschehen hat.

Die anderen jungen Männer, die erscheinen, stellen sich nun mit Tellern rechts in der Hand in exakt gleicher Haltung hinter den Gästen auf. Nun sind alle Augenpaare auf das blonde Mädchen gerichtet. Erst wenn sie nickt, stellen die angehenden Servicekräfte alle zeitgleich den Teller mit der Vorspeise vor den Gästen ab. Vermutlich haben sie für dieses stille Tellerorchester mehrere Stunden geübt. Die Anspannung ist ihnen deutlich anzumerken, denn beim Eingießen der Gläser am Tisch zittern ein wenig die Hände.

Dabei werden sie von ihrem Lehrer Branko Miklobusec, der erstaunlich unauffällig für seine Körpergröße von 1,95 Meter im Hintergrund steht, genau beobachtet. Seiner Meinung nach benötigt eine gute Servicekraft vor allem Professionalität, eine hohe Dienstleistungsbereitschaft und natürlich Spaß an der Arbeit, weshalb er gerne noch viel mehr Praxisunterricht an der Schule einführen würde.

Wenn am anderen Morgen um 10.25 Uhr die Pausenklingel wieder schrillt, wird es in den Gängen laut, denn nun haben die Schüler bis um 11.10 Uhr Mittagspause in der Mensa, einem großen buntem Raum, in dem die Farben Gelb und Rot vorherrschen. An den bunt zusammengewürfelten Tischen nehmen die Schüler schon um diese Zeit ihr Mittagessen ein oder verbringen die Pause auf dem Schulhof. Keiner der Schüler geht in den Pausen ins Meer, auch im Sommer nicht. Für sie ist es ganz normal, das Meer direkt vor der Klassenzimmertür zu haben. Und wenn die Schule dann spätestens um 15 Uhr zu Ende ist und die Schüler nach Hause fahren oder in ihre Zimmer gehen, mit den Gedanken bei ihren Hobbys, wie Tanzen, Volleyball und Kanufahren, freuen sie sich schon darauf, am nächsten Tag einmal keine Vorstunde zu haben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Klassenzimmer mit Meerblick, und keiner geht zum Schwimmen
Autor
Sarah Schramm; Charlotte Rieff
Schule
Geschwister-Scholl-Schule , Saarburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2012, Nr. 183, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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