Das Geld hat sie verschenkt

Bild 1

Die Sonne scheint auf den Eschweger Altstadtgasthof Zur Krone. Während sich die Gäste auf der Terrasse über angeregte Gespräche und ein kühles Blondes erfreuen, serviert Irene Grauer ihnen die Speisen und Getränke. Ein Dutzend Jahre ist die kleine, quirlige Frau mit den braunen Haaren und Augen in diesem Restaurant schon tätig. Dabei verdiente sie mit siebzehn Jahren bereits doppelt so viel Geld wie ihre Mutter.

Irene ist vor 38 Jahren in Karaganda, Kasachstan, geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in dieser Stadt. Sie machte ihr Abitur mit 1,7 und wollte Sprachwissenschaften studieren, um danach in einen Beruf einzusteigen, der ihr ein angenehmes Leben bereitet. "Ich bekam durch mein Stipendium 100 Rubel im Monat. Bei guten Zensuren sogar bis zu 150 Rubel. Ich hatte bereits 1200 Rubel zusammengespart. In meiner Gegend kostete ein Einfamilienhaus zu der Zeit ungefähr 4000 Rubel. Meine Mutter verdiente damals nur 70 Rubel im Monat."

Irene hatte ihr Leben schon mit 17 Jahren zielstrebig geplant, ihr standen alle Türen offen. Doch ihre Familie machte ihr einen Strich durch die Rechnung. "Die Wurzeln meiner Familie liegen in Deutschland. Ein großer Teil meiner Familie hatte auch den Wunsch, nach Deutschland zurückzukehren, in der Hoffnung, ein besseres Leben beginnen zu können. Und da ich noch nicht volljährig war, musste ich mit nach Deutschland ziehen."

Sie musste nicht nur ihre Freunde zurücklassen, sondern auch fast ihr gesamtes Erspartes. "Ich durfte nur eine gewisse Summe an Bargeld mitnehmen. Mein Geld verschenkte ich notgedrungen an meine Oma und meine Freunde. Es war ein komisches Gefühl, so eine Menge Geld in ein paar Tüten zu verschenken."

Zu ihrem Unglück wurde auch ihr an einer Fachoberschule abgelegtes Abitur in Deutschland nicht anerkannt. "Ich musste noch mal von neuem beginnen. Die Sprache lernte ich in nur wenigen Monaten." Irene lernte einen Mann kennen, den sie später heiratete. Mit 19 Jahren bekam sie ihr erstes Kind. Seit nun zwei Jahrzehnten lebt ihre Familie in Nordhessen. Ihre Eltern sind beide berufstätig und haben sich ihren Traum, ein solides, finanziell abgesichertes Leben in Deutschland zu beginnen, erfüllt.

Irene selbst ist heute geschieden und hat drei Kinder. Russisch brachte sie ihren Kindern jedoch nicht bei. Sie kellnert, um ihren Kindern das Leben zu ermöglichen, das sie sich gewünscht hatte. "Ich möchte, dass meine Kinder studieren und die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, wo sie leben möchten. Mein Leben ist überhaupt nicht nach Plan verlaufen. Trotzdem habe ich Spaß an dem, was ich mache, und meine Kinder füllen mich aus. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich es wieder genauso machen. Nur mein Geld würde ich nicht mehr in Tüten verschenken, sondern versuchen, meinen Kindern ihre Wünsche zu erfüllen." Irene hat ihren Ehrgeiz bewahrt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Das Geld hat sie verschenkt
Autor
Mike Grauer
Schule
Oberstufengymnasium , Eschwege
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2012, Nr. 183, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180