Am Gipsberg rauchen die Colts

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Bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg ist der Wilde Westen wirklich wild. Drei Schauspieler über ihren Außeneinsatz.

Mitten in Schleswig-Holstein, also zwischen Nord- und Ostsee, liegt die friedliche Kleinstadt Bad Segeberg. Doch jeden Sommer ist dieser ruhige Ort das Ziel vieler Besucher. Angezogen von Wild-West-Abenteuern, strömen sie in Richtung Kalkberg. Das 1937 von Nationalsozialisten zu Propagandazwecken in den aus Gips bestehenden Berg hineingebaute Stadion ist seit 60 Jahren jedes Jahr Schauplatz für 72 Vorstellungen der Karl-May-Festspiele.

In dem großen Freilichttheater, das 7793 Zuschauer fasst, werden alljährlich Wildwestgeschichten vorgeführt, die auf den Büchern von Karl May basieren. Richtig bekannt wurden die Festspiele 1988, als zum ersten Mal Pierre Brice, populär durch die Verfilmungen, die Hauptrolle des Winnetou spielte. In dem Stadion finden auch viele Konzerte statt, wie zum Beispiel jährliche Auftritte von Peter Maffay. Doch die Hauptattraktion bleiben die Karl-May-Spiele.

Für die Mitwirkenden wird durch die lange Probenzeit das Ensemble zu einer großen Familie. "Die Erfahreneren helfen den Jüngeren und unterstützen sie, wo sie können", sagt einer der Darsteller, der zum ersten Mal dabei ist. Manuel Klein, ein 31 Jahre alter Schauspieler, spielt in "Winnetou II" den labilen Bankierssohn William Ohlert. Für ihn ist die Verbindung aus Schauspielen und Reiten spannend. Er konnte, was eine Voraussetzung für ein Engagement ist, schon vorher reiten. Trotzdem erhielt er durch eine Lehrerin mehrere Monate Unterricht. Klein spricht von einer ganz besonderen Atmosphäre. "Hier ist alles anders. Es sind viel mehr Zuschauer, und im Freien zu spielen ist auch eine andere Situation. Zudem sind die dargestellten Kämpfe auch wirklich anstrengend und erfordern viel Training." Mit bekannteren Darstellern zu spielen stelle kein Problem dar. "Niemand glaubt, er sei besser als der andere, alle sind immer füreinander da." Der große, blonde Mann mit längeren, ihm locker ins Gesicht fallenden Haaren, hat schon in einigen Filmen kleinere Rollen gespielt, wie zum Beispiel in "Anna und die Liebe". Er ist freier Schauspieler und hauptsächlich in Hamburg tätig.

Sein Kollege Fabian Monasterios ist gleich in zwei Rollen zu sehen. Er spielt den wütenden Indianerhäuptling Weißer Bieber und den spanischen Waffenschieber Cortesio. Auch er ist zum ersten Mal dabei. Seine Agentur brachte ihn auf die Idee, sich zu bewerben. Die größere Rolle, die des Häuptlings, ist ihm auf den Leib geschnitten. "Ich habe sogar zum Teil indianisches Blut in mir. Meine Vorfahren kommen aus verschiedenen Orten, aber ich weiß, dass einige frühere Angehörige meiner Familie indianischen Ursprungs waren", erklärt der muskulöse Mann und lacht. Und wirklich, seine schwarzen Haare, die im Kostüm allerdings von einer langhaarigen Perücke überdeckt werden, und sein dunkler Hauttyp lassen ihn tatsächlich leicht indianisch wirken. Im Gegensatz dazu hat Manuel Klein mit seinen blonden Haaren und seiner Westernkleidung den perfekten Cowboy-Look.

Bei den Auftritten sind sie immer noch aufgeregt. Vor allem draußen vielen Einflüssen ausgesetzt zu sein macht die Situation anders. "Diese Aufregung, das Adrenalin, das ist einfach eine positive Kraft. So sehe ich das zumindest. So macht es nichts kaputt, sondern hilft", sagt Monasterios. Auch Joshy Peters, der seit vielen Jahren mitwirkt, hat immer noch Lampenfieber. "Das ist ja genau der Kick dabei. Hier draußen ist es anstrengender, und man muss auch mal mit Pannen zurechtkommen. Genau diese Herausforderungen sind das Besondere." Mit seinen 54 Jahren gehört er zu den älteren Schauspielern. In der diesjährigen Inszenierung sind von Laienschauspielern bis zu Erol Sander als Winnetou und Joshy Peters als Old Shatterhand 80 Crewmitglieder an den Aufführungen von "Winnetou II" beteiligt.

Zweitbesetzungen gibt es nicht. "Über so etwas denken wir hier gar nicht nach", sagt Norbert Schultze junior. Er ist zum 13. Mal in Folge der Regisseur der Festspiele. Nicht nur das Leiten der Proben gehört zu seiner Arbeit, sondern auch zahlreiche Recherchen. Für das diesjährige Stück fand er zum Beispiel heraus, wann Dynamit erfunden wurde. "Es sollte eigentlich auf einem Haus oben draufstehen. Deshalb mussten wir uns informieren, ob es das zu der Zeit überhaupt schon gab. So erfährt man viele interessante Dinge. Zum Beispiel weiß ich jetzt, dass Dynamit in Hamburg erfunden wurde", erklärt er auf einer Pressekonferenz.

Mit seinem großen Cowboyhut und ledernen Cowboystiefeln passt er in die Atmosphäre der Arena. "Sie sollten hier mal eine Vorstellung bei Regen sehen. Alle packen einfach ihre Jacken, Schirme und Mäntel aus, und es geht weiter. Nur bei starken Unwettern müssen wir absagen. Aber die Zuschauer dürfen dann natürlich eine andere Vorstellung besuchen." Natürlich wird es auch für die Tiere bei schlechten Wetterbedingungen heikler. Seit vielen Jahren wirken Vögel in den Aufführungen mit. So ist es für sie zum Beispiel schwieriger, von unten im Stadion nach oben zu fliegen. "Während einer Vorstellung wehte starker Wind vom Berg aus. Unser Adler hatte keine andere Möglichkeit, als eine Zwischenlandung zu machen. So landete er auf dem Hut einer Dame in der fünften Reihe. Zum Glück blieb diese still sitzen, bis er erneut Anflug auf seine Beute nahm", erzählt Schultze lachend. Meist werden die Vögel dann von oben eingesetzt. Und ihre Futterzeiten werden so angepasst, dass die Tiere in den Aufführungen bereitwillig ihre Flugübungen für eine Belohnung machen. Diesmal spielen drei Vögel mit. Neben einem Falken und einem Adler gibt es auch eine junge, von Hand aufgezogene Eule, die Monique getauft wurde.

Zum tierischen Ensemble gehören 25 Pferde. Die Unterbringungs- und Verpflegungskosten der Tiere machen nur einen kleinen Teil der Summe aus, die jedes Jahr wieder für die Spiele aufgebracht wird. Allein die Kulisse kostete 200 000 Euro. Die Kalkberg GmbH hat in diesem Jahr insgesamt 500 000 Euro investiert, auch für Veranstaltungen in der Innenstadt und für den Karl-May-Express, der im Sommer Rundfahrten durch die Stadt macht.

Die Ausgaben sind durch 200 000 Besucher gedeckt. Vergangenes Jahr besuchten mehr als 300 000 Gäste die Vorstellungen. In diesem Jahr wird der zehnmillionste Besucher seit Beginn der Festspiele in Bad Segeberg erwartet. Das wird natürlich gefeiert und gibt für denjenigen auch einen größeren Gewinn, wie ihn schon der 100 000. Besucher jedes Jahr erhält: Der Gewinner bekommt ein Pferd geschenkt, er kann sich aber auch für einen gleichwertigen Geldbetrag entscheiden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Am Gipsberg rauchen die Colts
Autor
Birthe Dittberner, Laura Struve
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2012, Nr. 189, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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