Nach seiner harschen Kritik schreibt er die Stücke selbst

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Erwartungsfreudig sitzt der Mann mit den kurzen braunen Haaren auf einer der vielen Bänke des Kalkbergstadions in Bad Segeberg. Gespannt verfolgt Michael Stamp zusammen mit seiner Frau Doris und seinem Sohn Phillip die Schauspieler. Der 42 Jahre alte Mann, der hauptberuflich Redakteur bei der "Segeberger Zeitung" ist, ist zum 14. Mal Textbuchautor bei den Karl-May-Spielen.

Als er mit zwölf Jahren zum ersten Mal eine Aufführung besuchte, entwickelte er schnell eine Begeisterung für die besondere Atmosphäre des Freilichttheaters und verfolgte fortan das sommerliche Spektakel. "Nach meiner Ausbildung zum Journalisten schrieb ich immer wieder Kritiken über die Spiele. Ich wurde dabei immer kritischer und schrieb so 1993 eine fast vernichtende Premierenkritik mit unendlich vielen Anmerkungen und Verbesserungsvorschlägen."

Von anderen wurde er danach aufgefordert, es doch selbst besser zu machen. So versuchte sich Stamp zuerst an einer einzelnen Szene. "Ich war überrascht, wie einfach es mir fiel, an so etwas zu arbeiten. Statt einer Szene stellte ich so in kürzester Zeit ein ganzes Stück fertig." Kurzerhand schlug er das Textbuch der Produktionsleitung vor. Doch erst nach einigen Jahren wurde sein Text 1998 als Grundlage des Stückes gewählt: So feierte Stamp mit "Unter Geiern - Der Geist des Llano Estacado" seinen ersten Erfolg bei den Spielen. Außer 2001, in dem der Schauspieler Pierre Brice einen eigenen Textbuchautor für seine letzte Spielsaison mitgebracht hatte, ist Stamp seit zwölf Jahren als Autor für alle weiteren Inszenierungen zuständig.

Das Stück schreibt er meist ein halbes Jahr vor Beginn der Proben. "Ich bin ein Mensch, der so etwas in einer Woche schafft, aber dann auch Tag und Nacht dafür arbeitet", sagt er. Anfangs war der Abgabetermin immer der 15. Dezember, doch als sein Sohn am 10. November geboren wurde und er bei dem Versuch, nachts zu schreiben, scheiterte, verzögerte sich das Abgabedatum um einen Monat. "Inzwischen nehme ich mir in der Zeit zwei Wochen Urlaub. Dieses Jahr sind wir da zum Beispiel eine Woche ins Disneyland nach Paris gefahren, und danach habe ich den Text innerhalb von fünf Tagen geschrieben."

Um Ideen zu gewinnen, befasst er sich zuerst mit einer Gliederung für das Stück. Denn er bestimmt nicht nur die Sprechtexte, sondern auch die gesamte Kulisse. Zudem merkt er Vorschläge für Musik und Schauspieler an. Meist benutzt er die Charaktereigenschaften der ihm bekannten Schauspieler, um die Charaktere zu festigen. "Western sehe ich zu Hause gar nicht. Auch die Karl-May-Verfilmungen habe ich ewig nicht mehr gesehen, meine kleine Western-Welt ist hier in dem Stadion, nicht zu Hause." Seine Arbeit basiert nur auf den von Karl May geschriebenen Geschichten. Aber am Ende wird doch ein vollkommen neues Stück daraus. "Ich plane vorher den szenischen Ablauf und mache mir Gedanken darüber. So recherchiere ich über mögliche Stunts und Effekte und baue alles passend mit ein."

Nach dieser Arbeit ist das Textbuch mit durchschnittlich 65 bis 70 Seiten eigentlich fertig, doch durch Umsetzungsschwierigkeiten kommt es während der Probenphasen häufig noch zu Änderungen. Mal muss es an einer Stelle für die Kinder etwas lustiger werden, um eine vorherige Szene aufzulockern. "Ich sehe oft bei den Proben zu. Dabei fallen mir immer noch weitere passende Sachen ein, die dann alle mit einbauen müssen. So kann es auch sein, dass das Stück erst direkt vor der Premiere richtig fertig wird, und selbst bei den Aufführungen entwickelt es sich weiter."

Um bekannte Schauspieler teilnehmen zu lassen, schreibt Stamp manchmal auch extra auf Personen zugeschnittene Rollen. So spielte Martin Semmelrogge 2009 bei "Der Schatz im Silbersee" den Schurken Cornel Brinkley, der perfekt zu seiner Art zu sprechen und zu spielen passte. "Wir haben nachher immer davon gesprochen, das Stück gesemmelroggt zu haben", erklärt Stamp lachend. "Bei einem so interessanten Charakter musste ich mir ein bisschen was einfallen lassen. Schließlich war die Rolle nachher mehr er selbst als aus dem Buch, doch das kam wunderbar beim Publikum an, denn genau so wollten sie ihn sehen." Auch bei der aktuellen Inszenierung hat Stamp eine Rolle hinzugefügt. So wurde, um der jungen Schauspielerin Miriam Busch einen Platz im Ensemble zu ermöglichen, eine Liebesgeschichte als Randgeschehen hinzugefügt. Die Karl-May-Spiele bieten gerade für junge, talentierte Schauspieler eine Möglichkeit, sich einen Namen zu machen und Erfahrungen zu sammeln.

Wenn Stamp seinen Charakteren Namen gibt, greift er oft auf Bekannte von ihm zurück. Die "Milly", die von Miriam Busch gespielt wird, ist zum Beispiel eine Freundin seines Sohnes. "Im Geburtsjahr von meinem Sohn Phillip Alexander nannten wir eine Hauptrolle Alexander Philippus. Ein Jahr später wurde eine Rolle nach dem Hund unserer Nachbarn benannt." Aktuell gibt es einen Arzt, der Sächsisch spricht. Auf diese Idee kam Stamp durch seine Mutter, die diesen Dialekt hat. "Dadurch entstehen viele Insiderwitze im Stück, die nur von der Crew verstanden werden", lacht der gebürtige Sachse. So hat sich zum Beispiel Stamps Sohn ein kleines Feuerwerk gewünscht, das mit eingebaut wurde. Oder es wird im Text Bezug auf Pannen vergangener Jahre genommen.

Durch den lockeren Umgang untereinander kann man von einer großen Karl-May-Familie sprechen. Mit seiner Familie besucht Stamp jeden Sommer zehn bis zwölf Vorstellungen, auch um seine Arbeit zu kontrollieren und auf eventuelle Veränderungen hinzuweisen. "Manchmal sind Schauspieler sehr eigenwillig und erfinden einige Sätze dazu. Meistens ist das kein Problem, nur wird das auch oft nach einer Zeit übertrieben, da muss man schon aufpassen und korrigieren, sonst wird eigentlich lustigen Szenen der Witz genommen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach seiner harschen Kritik schreibt er die Stücke selbst
Autor
Birthe Dittberner, Laura Struve
Schule
Städtisches Gymnasium , Bad Segeberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2012, Nr. 189, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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