Abstrampeln auf Mallorca

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Zwei Zwillingsschwestern aus Metzingen trainieren Mountainbike auf der Mittelmeerinsel. Vom Strand haben die Mädchen nichts, sondern strampeln im Juniorkader die Serpentinen hinauf. Noch am letzten Tag des Trainingscamps sollen sie sich so richtig "leerfahren".

Boardingtime am Stuttgarter Flughafen, 5.25 Uhr. Das Ziel: die Partyinsel Mallorca. Nur steigt für die Sportlerinnen des Mountainbike-Juniorenkaders Baden-Württemberg und die Sportler des TSV Dettingen die Party nicht in den berüchtigten Clubs, sondern beim Rennradtraining. Nach der Landung wird schnell klar, dass die am Tag zuvor eingecheckten Rennräder noch in Stuttgart am Flughafen sind. Viele der Sportler, darunter auch Martin Frey, regen sich darüber auf und bezeichnen den Tag als "unnütz und vergeudetet". Für die 16 Jahre alte Julia Kopp aus Metzingen und ihre Zwillingsschwester ist das nicht so schlimm, da sie sich für die zehn Trainingstage bereits über das Internet ein Leih-Rennrad vor Ort gebucht haben.

So werden die meisten Sportler also ohne ihre Sportgeräte mit dem Bus nach Alcudia in das Hotel Iberostar Playa de Muro direkt am Meer gekarrt. Hier sind mehrere Mountainbike-Teams untergebracht, um Grundlagenausdauertraining, Krafttraining und Trainingseinheiten "im Entwicklungsbereich" zu absolvieren. Das Training im Entwicklungsbereich, also im Bereich der aeroben-anaeroben Schwelle, soll dazu dienen, die Geschwindigkeit der Sportler in diesem Übergang zu erhöhen. Mallorca bietet dafür optimale Bedingungen, da dort das ganze Jahr über angenehme Temperaturen herrschen. Aber auch die Geographie zieht viele Radsportler an. Egal ob sie das Ziel haben, viele Kilometer zu fahren oder viele Höhenmeter zu sammeln.

Nach dem Einchecken ist erst einmal Zeit, sich in den Zimmern einzurichten. Julia Kopp sitzt etwas müde in ihrem Zimmer, aber schon voller Vorfreude auf den Strand und das Meer. Sie strahlt über ihren ersten Flug: "Es ist so toll, ich werde Pilotin!" Darüber kann ihre Zwillingsschwester Laura nur grinsen. Sie lernt Konditorin und weiß genau, dass ihre Schwester eigentlich ganz andere Pläne im Kopf hat. Die beiden brünetten Mädchen fahren seit 2007 Mountainbike-Rennen. Sie haben sich für 2014 ein großes Ziel vorgenommen: Sie wollen die Craft-Bike-Transalp fahren. "In erster Linie möchte ich Spaß haben mit der Laura, durchhalten und im Ziel ankommen. Vor fünf Jahren ist der Papa die Transalp das erste Mal gefahren." Jetzt wollen die zwei es ihm nachmachen.

Für die Sportler, die sich ein Rad über das Internet reserviert haben, geht es nach dem Spaziergang erst einmal zum Vermessen. Dabei wird die Beinlänge bestimmt, um die für die Fahrer perfekte Rahmengröße herauszufinden. Nach dem Frühstück ist eine lockere Trainingseinheit von zwei Stunden geplant. Damit die Trainer die Trainingseinheiten für jeden Sportler individuell gestalten können, müssen die Sportler jeden Morgen ihren Ruhepuls messen. Dazu legt Julia Kopp ein kleines Gerät vor dem Aufstehen um den linken Unterarm. Ist ein Sportler vom Training nicht wieder richtig regeneriert, erhöht sich der Ruhepuls.

Um neun Uhr können die Fahrer endlich mit den Rädern losziehen, um die Umgebung und die warmen Temperaturen zu genießen. Für die Verpflegung steht ihnen ein Skoda Fabia als Begleitfahrzeug zur Verfügung. Dort lagert für jeden Fahrer eine eigene Tasche mit Essen und Wechselklamotten. "Dies ist vor allem für längere Fahrten sehr angenehm", erklärt Julia, "denn an den Küsten ist es sehr windig, im Landesinneren eher wärmer und auf der Nordseite der Berge liegt manchmal sogar noch Schnee."

Die Orangen hängen kräftig und groß an den Bäumen, die ehemals zur Wasserverteilung genutzten Windräder stehen noch an ihren Feldern, und die Sonne scheint so stark, dass die Radfahrer "kurz-kurz", also mit kurzer Hose und einem Trikot, fahren können. Abends kommt Julia müde, aber glücklich von ihrem ersten Trainingstag zurück. Als Ziele für diese Saison hat sie sich vorgenommen "alle Rennen durchfahren und nicht als letzte ins Ziel kommen". Die junge Fahrerin kann sich gut vorstellen, einmal den Radsport als Beruf auszuüben. "Wenn man ziemlich erfolgreich ist, geht das schon."

Bis jetzt wird der Radsport von ihren Eltern finanziert. Radsport ist nicht billig. Julia besitzt ein Mountainbike und bekommt nach dem Trainingslager ein Rennrad. Sie fand Rennradfahren zuerst langweilig und fuhr viel lieber mit dem Mountainbike in die Berge.

Außerdem benötigt sie spezielle Radkleidung. Dazu kommen noch andere Utensilien wie eine Pulsuhr, Ernährungsriegel und vieles mehr. Für den dritten Tag ist eine längere Ausfahrt geplant. Um zehn Uhr ist Abfahrt und nach viereinhalb Stunden spüren selbst die trainiertesten Sportler trotz der gepolsterten Hosen ihre Gesäßmuskulatur. Die U-17-Fahrerin Julia sagt nach dem Duschen: "Ich spüre meine Beine schon ziemlich arg. Das wird morgen nicht einfach, aber besser, mir tun die Beine weh und ich weiß, was ich gemacht hab, als irgendwelche Dopingmittel zu nehmen." Dopen findet sie "eine Sauerei". Mit einem Augenzwinkern sagt sie anschließend noch: "Mein Doping ist eine Cola während des Rennens."

Am vierten Tag ist Ruhetag, am Dienstag startet das Team zu einer Tour von mehr als vier Stunden, was für viele kein Spaß mehr ist. Julia und ihre Zwillingsschwester kämpfen gegen Ende selbst im Windschatten noch mühsam gegen die immer schwerer werdenden Beine an. In der Nacht auf Mittwoch kann Julia fast nicht schlafen, und morgens ist ihr Ruhepuls extrem erhöht. Sie beschließt zusammen mit den beiden Trainern, einen Tag auszusetzen. Da Donnerstag sowieso wieder Ruhetag sein wird, kann sich Julia noch einen weiteren Tag erholen.

Der achte Tag führt die Nachwuchssportler zur Sa Calobra. Dies ist eine Küste, die nur über eine Serpentinenstraße erreichbar ist. Von oben ist das blau glitzernde Meer zu sehen. Die Radler genießen zunächst die Abfahrt über fast 700 Höhenmeter. Anschließend muss die Einbahnstraße allerdings wieder zurück bergaufwärts gefahren werden. Diesmal sind sie fast fünf Stunden unterwegs. Am Samstag sinkt die Motivation weiter. Viele wollen nicht nochmal auf das Rennrad und stundenlang in Zweierreihen hintereinander fahren. Die Mountainbiker wollen ins Gelände und anspruchsvolle, sogenannte Downhills fahren.

Sonntag und somit der letzte Tag auf "Malle". Die meisten haben keine Lust mehr, schon wieder auf dem Rennrad zu sitzen. Doch die Trainer wollen, dass sich die Sportler nochmal "richtig leerfahren" und drei Stunden fahren. Als Julia schließlich am Flughafen steht, freut sie sich auf ihren Hund und ihre Eltern. "Ich wär aber auch gerne noch ein paar Tage auf Mallorca geblieben." Die Party ist für die Sportler jedoch noch nicht vorbei: Die Rennsaison beginnt, und Julia freut sich auf ihr Mountainbike daheim.

Informationen zum Beitrag

Titel
Abstrampeln auf Mallorca
Autor
Katja Hoffmann
Schule
Justus-von-Liebig-Schule , Göppingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2012, Nr. 195, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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