Hechten, schlittern, Ball retten

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Es sieht nach Regen aus." Janni Tille deutet auf die schwarze Wolkenfront im Wetteraukreis. Der durchtrainierte Schüler weiß genau, was ihn in einer halben Stunde auf dem Rasen des TV Rendel erwarten wird. "Faustball ist wetterabhängig. Manche mögen's, wenn der Platz trocken ist, ich lieb's, wenn der Platz schön nass und schlammig ist. Dann kann ich richtig nach dem Ball hechten und meterweit schlittern." Schon als Kleinkind hat der Vater ihn zum Training mitgenommen. "Ich bin in einer Faustballerfamilie groß geworden. Mein Uropa hat schon gespielt. Meine Mutter ist Betreuerin, mein Vater spielt, ich trainiere die Kleinen und spiel' zusammen mit meinem 14-jährigen Bruder in der 1. Mannschaft bei den Herren." Wenn Janni am Dienstag die Zeit mit seiner Freundin verbringt, freut er sich insgeheim schon auf den nächsten Tag, denn Mittwoch ist Faustballtag, und das bedeutet Sport, Spaß und Ablenkung. Als ehemals jüngster Spieler der Liga hat Janni bereits zwei Jahre Erfahrung in der ersten Mannschaft. Mit der Hessenauswahl wurde er Deutscher Meister, und er will mehr. Um mit seiner Mannschaft aufsteigen zu können, trainiert Janni viel. "Training im Fitness-Studio reicht nicht aus. Zweimal die Woche trainieren wir in Rendel auf unsrem Platz, um Kondition, Koordination, Kraft und Technik zu verbessern."

Es ist Mittwoch 16 Uhr. Janni schleudert seine schon lang gepackte Tasche in das Auto seines Freundes und Teamkollegen. Während im Radio die aktuellen Sommerlieder gespielt werden, heizt sich der Innenraum des Kleinwagens weiter auf. Die zwei Faustballfreunde reden über Erreichtes und das, was sie noch erreichen wollen. Aufsteigen steht auf der Liste ganz oben. Befreundete Spieler haben es schon geschafft, in die Nationalmannschaft berufen zu werden und Spiele auf internationalem Niveau bestreiten zu dürfen. Janni war einmal kurz vor dem Sprung in eine Topmannschaft, blieb jedoch immer seinem Verein treu. "Ich wurde hier sozusagen großgezogen, der Verein ist wie eine Familie für mich. Hier habe ich viele Freunde und arbeite sogar im Vorstand. Und vielleicht war ich für den Wechsel dann doch nicht gut genug."

Die ersten C-, B- und A-Jugendspieler stehen schon fertig umgezogen da und freuen sich über die Ankunft ihrer Trainer. Bevor es losgehen kann, müssen die Linien für die Spielfeldbegrenzung nachgezogen werden. Ein dritter Trainer verteilt dazu die weiße Kreide auf dem frisch gemähten Rasen.

Obwohl das Wetter den einen oder anderen Sportler abschrecken mag, können es die kleinen Faustballer kaum erwarten, sich auf diesem idyllischen, zwischen einer Reithalle und einem Fußballplatz liegenden Spielfeld warmzulaufen. Janni und seine Trainerkollegen laufen nicht mit, stattdessen bringen sie das Seil an, das ähnlich wie beim Volleyball über die Mittellinie der beiden Halbfelder gespannt wird. "Es ist schade, kaum ein Mensch weiß, was Faustball ist, dabei war es einst eine der beliebtesten Sportarten Deutschlands. Das macht es auch so schwer, Sponsoren zu finden. Es interessiert sich einfach keiner für uns." Er zeigt dabei die neuen roten Trikots, die ohne Sponsoren finanziert werden mussten. Voller Begeisterung erklärt er die Spielregeln. "Faustball ist der große alte Bruder vom Volleyball. Das Feld ist etwas größer und die Bälle wiegen auch mehr. Beim Volleyball wird der Ball mit beiden Händen gepritscht oder gebaggert, beim Faustball nutzen wir nur einen Unterarm, um den Ball zu schlagen." Zwei Mannschaften zu je fünf Spielern stehen sich auf einem Spielfeld gegenüber, das durch ein Band auf der Höhe von zwei Metern in zwei Hälften getrennt wird. Ziel ist es, den Ball so über die Leine zu schlagen, dass er für den Gegner nicht zu erreichen ist oder auf der Hälfte des Gegners ein zweites Mal auf den Boden fällt. Einmal darf der Ball aufspringen, und die Teams können sich den Ball dreimal zuspielen, um mit dem Ball in eine bessere Schlagposition zu gelangen.

"Die hinteren beiden, einer davon bin im Normalfall ich, versuchen den Ball nach einmaligem Aufdotzen kontrolliert zu dem Mann in der Mitte zu spielen. Dieser befördert ihn zu den Schlagmännern. Die wiederum versuchen den Ball hart, plaziert und möglichst unerreichbar für den Gegner in die andere Hälfte zu schlagen. Das macht meistens unser Zwei-Meter-Mann Chrissi." Die Grundaufstellung der Mannschaft entspricht also der Fünf auf einem Würfel.

Weil heute genau acht Spieler da sind, wird ein Trainingsspiel nach einer kurzen Einspielzeit auf dem Kleinfeld gemacht. Vor allem die Kleinsten sind mit größter Begeisterung dabei. Verlieren will keiner. Nach dem Spiel stellen sich alle im Kreis auf und schlagen sich den Ball zu. "Herausforderung, Herausforderung!", schreien sie und verlangen damit einen Ball, an den sie nicht rankommen können, ohne sich hinwerfen zu müssen. Auch Janni mag es, wenn die Bälle eigentlich unerreichbar sind. "Wenn ich reflexartig meine Stollen in das Gras rammen, mich mit aller Kraft vom Boden abstoßen, den Ball, den alle schon verloren geglaubt haben, knapp über dem Boden vor dem zweiten Aufdotzen retten kann, dann bin ich glücklich. Dann ist es mir auch egal, wie ich aufkomme. Hauptsache, fliegen!"

Janni erzählt stolz, dass er immer der Letzte sei, der aus der Dusche kommt, weil er ewig damit beschäftigt ist, sich von Dreck und Gras zu befreien. "Es sind die kleinen Erfolge, die für Spaß sorgen. Natürlich ist es geil zu gewinnen, aber noch geiler ist es, wenn sogar die Gegner über meine Flugeinlagen staunen und mich beim Seitenwechsel beglückwünschen."

Inzwischen sind die Erwachsenen gekommen, mit denen Janni im Anschluss trainieren wird. "Das wird dann deutlich härter. Ein guter Faustballer muss ja schnell und konditionell in einer top Verfassung sein. Außerdem muss jeder die nächsten Züge des Gegners vorausschauen können." Janni schätzt das gute Verhältnis zu seinen Teamkollegen. Untereinander sind sie befreundet, auch mit den gegnerischen Spielern gab es noch nie Auseinandersetzungen. Mittlerweile ist die Sonne fast untergegangen, das Grillgut ist aufgelegt, das Training beendet.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hechten, schlittern, Ball retten
Autor
Jonas Gehl
Schule
Otto-Hahn-Schule , Frankfurt am Main
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2012, Nr. 195, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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