Tief klingt das Röhren der Rothirsche über der Rhön

Es ist Samstagmorgen, 5 Uhr. Im Rhönstädtchen Gersfeld warten vier Erwachsene und fünf Kinder gespannt auf ihren Wanderführer Joachim Jenrich, der sie zu einer Hirschbrunftwanderung in den Wäldern der Hochrhön abholt. Schmunzelnd macht er alle auf drei Grundregeln aufmerksam, die eingehalten werden müssen: "Schnauze halten, dunkle Kleidung tragen und sich diszipliniert verhalten." Der Biologe erklärt: "Diese Grundregeln dienen dazu, im Wald nicht aufzufallen und die Tiere nicht zu verschrecken."

In den Monaten September und Oktober suchen Hirsche die Rudel der weiblichen Tiere auf. Dort versuchen sie die anderen männlichen Tiere zu vertreiben und so zum Platzhirsch zu werden. Am Waldrand lauern noch etliche Kontrahenten, die nur darauf warten, ihre Gene zu vererben. "Meist reicht schon das Imponiergehabe und ein tiefes Röhren aus, um die Rivalen in ihre Schranken zu weisen", erläutert der durchtrainierte 45-Jährige. Er führt die Gruppe noch bei Dunkelheit in das Waldgebiet, in dem die Hirsche sich vermutlich aufhalten. "Die Kleineulen sind die ersten Waldbewohner, die in der Hirschbrunftzeit durch ihr Rufen auf die Anwesenheit der Hirsche aufmerksam machen", sagt Jenrich, der auch Vogelexperte ist . Wichtig ist ein absolut ruhiges Verhalten, das die Wanderer unbedingt beherzigen müssen. "Ich kann auf alles verzichten, nur nicht auf das Erleben der Stille in der Natur."

Auf dem Weg zu einem Höhenzug nehmen die Wanderer das Röhren der Hirsche, das aus allen Richtungen zu kommen scheint, erstmals wahr. Dieser tief dröhnende Laut geht durch Mark und Bein. Auch wenn die Leute noch nichts zu sehen bekommen, genießt die Gruppe dieses Konzert von schauriger Schönheit. Auf einer Lichtung am Ufer eines kleinen Flusses hält sich ein Rudel von Rothirschen auf. Scheinbar entspannt rasten die Tiere unter mächtigen Buchen. Aber der starke Platzhirsch ist unruhig. Er hebt den Kopf und legt ihn weit in den Nacken. Als das mächtige Geweih den Rücken berührt, bricht ein donnerndes Röhren aus dem Hirsch hervor. Da die Tiere auf Grund der günstigen Windrichtung die Menschen offensichtlich nicht wittern, pirscht sich Jenrich näher an die Hirsche heran. Schritt für Schritt kommen sie auf ungefähr 30 Meter Entfernung heran. Jenrich, der in Friedrichshafen am Bodensee geboren ist und seit 1973 in Gersfeld lebt, führt als Mitarbeiter der Hessischen Verwaltungsstelle Biosphärenreservat Rhön regelmäßig Gruppen in der Hochrhön. Er kennt die Hirsche genau: "Gustav, der elfjährige Platzhirsch, hat in den vergangenen Tagen gewaltig abgespeckt." Kein Wunder, denn die Rivalen halten ihn ständig auf Trab, und auch um die Weibchen muss er sich kümmern. "Nelson ist mit acht Jahren der stärkste Beihirsch. Er ist Gustavs stärkster Konkurrent", erklärt er und deutet auf den Hirsch, der nur widerwillig Abstand zum Kahlwild hält. Die Exkursionsteilnehmer werden nun Zeugen, wie es zu einem erbitterten Kampf zwischen Gustav und Nelson um die Herrschaft in dem Gebiet kommt. Zunächst schreiten die beiden Hirsche aufeinander zu. Jetzt haben sie nur noch einen Abstand von fünf bis zehn Metern.

Ihre Bewegungen werden langsam, die Körperhaltung ist angespannt. Es beginnt die Phase des Parallelgehens, das heißt, die Rivalen bewegen sich so zueinander, dass sie sich gegenseitig die Breitseite zeigen. Plötzlich werfen sie sich zeitgleich um eine Vierteldrehung herum, bringen ihre Köpfe so in Stellung, dass die Geweihe frontal aufeinandertreffen. Dabei verhaken sich die Geweihe ineinander. Die Hirsche stemmen sich mit aller Kraft gegeneinander und schieben sich wechselseitig über den Kampfplatz. Nach längerem erbitterten Hin- und Hergeschiebe kann Nelson Gustav nicht mehr standhalten. Nelson löst sich von Gustav und flüchtet.

Beide Tiere sind nun total erschöpft. "Platt wie ein Flunder", bemerkt der zehnjährige Tobias. Der unterlegene Hirsch läuft unmittelbar an der verdutzt schauenden Wandergruppe vorbei. Die Kinder sind so überrascht, dass ihnen der Mund offen stehen bleibt. Der Platzhirsch verfolgt seinen Kontrahenten mit heraushängender Zunge und schwer keuchend nur noch ein kurzes Stück. Dabei wird allen tief beindruckten Zuschauern des grandiosen Schauspiels klar, dass diese Kämpfe um den Rang des Königs der Wälder für alle beteiligten Hirsche Stress pur bedeuten. Während es die Hirsche krachen lassen, steht das Kahlwild gelangweilt daneben und wartet auf den Sieger.

"Welcher Hirsch siegt, hängt nicht nur von der Geweihstärke ab, sondern vom Gewicht, der Körpergröße und Erfahrung", sagt Jenrich, der sich als Autor heimatkundlicher Bücher einen Namen gemacht hat. An diesem Morgen sieht die Gruppe noch sieben andere Kronenhirsche. Da die Sonne aufgegangen ist, legen alle eine kurze Rast ein. In der Ferne pfeift ein Sperlingskauz. Auf dem Rückweg kreuzt plötzlich ein Rudel junger Hirsche den Weg der Gruppe, ohne diese zu beachten. Die Gruppe erreicht ein kleines Tal. Jenrich prüft die Windrichtung und deutet auf eine schlammbedeckte Suhle. Alle bekommen große Augen und beobachten eine Hirschkuh mit Kalb, die sich gemächlich in der Suhle wälzen. Tief beeindruckt von all den Erlebnissen, tritt die Gruppe den Rückweg an.

"Nach solchen Touren mit naturfreudigen Menschen bin ich immer froh, den Beruf Diplombiologe gewählt zu haben", sagt Joachim Jenrich, zu dessen Hobbys der Ausdauersport, die Fotografie und die Jagd gehören. "Denn das Schönste an einem Erlebnis ist doch, andere daran teilhaben zu lassen."

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Tief klingt das Röhren der Rothirsche über der Rhön
Autor
Lisa Hohmann
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2012, Nr. 201, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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