Dem Himmel so nah

22 Menschen wohnen in Juf im Schweizer Kanton Graubünden. Hier im Quellgebiet des Rheins betreibt Familie Menn einen Biohof. Es ist schön hier, aber einsam und im Winter eisig kalt.

Wenn man nach Juf will, gibt es nur eine Straße, die zudem noch dort endet. Sie führt durch ein Tal, das von gigantisch wirkenden Bergen umgeben ist. Im Kanton Graubünden im winzigen 22-Seelen-Dorf Juf in der Gemeinde Avers lebt Familie Menn. Dies sind das Familienoberhaupt Adolf, Rufname Dölf, seine Frau Theres und ihre drei Töchter Sina, Monika und das Nesthäkchen Julia, das sechs Jahre alt ist. Juf ist nicht nur bekannt für einen der Quellflüsse des Rheins, sondern auch dafür, dass es die höchstgelegene ganzjährig bewohnte Siedlung Europas mit 2126 Metern über dem Meeresspiegel ist. Der 59-Jahre alte Dölf Menn führt zusammen mit seinem Bruder Rino einen Biobauernhof, der vom Staat subventioniert wird. Ohne diese Unterstützung wäre ein ausreichendes Einkommen nicht gesichert.

Neben 29 Kühen und 25 Kälbern gehören ein Stier, sechs Hühner und ein Hahn zum Viehbestand. "Letzten Winter waren auch noch drei Esel als Wintergäste zur Pflege da", sagt Theres Menn. Einige Male im Jahr kommt ein Viehhändler nach Juf und erwirbt ein paar Jungtiere. Einen Verkaufsladen gibt es nicht. Das Heu für die Tiere wird aus der direkten Umgebung des Dorfes geholt. Im Jahr wird nur ungefähr acht Wochen lang Heu gemacht. Das Heu wird direkt über dem Stall in einer Scheune gelagert. Zweimal täglich werden die Tiere gefüttert. Falls das Heu mal nicht für den Winter ausreicht, muss welches nachgekauft werden. Die Tiere prägen den Alltag und sorgen für den Lebensunterhalt der Familie. Ihr Wohl wird sogar teilweise über das Befinden der Eltern gestellt. "Arzttermine für uns beide machen wir generell nicht während der Fütterungszeiten", sagt die Bäuerin. Neben den Stalltieren gibt es einen Hund namens Matzo und die Katze Bubulina, die sich gut verstehen.

Alles, was man zum Leben braucht, erhält man durch ein wenig mehr Aufwand auch in Juf. In dem gerade einmal fünf Kilometer entfernten Cresta gibt es sowohl eine Einkaufsmöglichkeit inklusive Tanksäule als auch eine Kirche, wo alle zwei Wochen ein Gottesdienst stattfindet. Der nächstgelegene Arzt hingegen arbeitet 25 Kilometer weit weg in Andeer. Diese Entfernung ist jedoch noch nichts im Vergleich zu der Strecke bis zum nächsten Krankenhaus. Es liegt in Chur, das 65 Kilometer entfernt ist. "Dahin muss ich öfters mit Sina fahren, da sie an Diabetes leidet", sagt Theres Menn. Trotzdem ist ihre Tochter ein munteres und lebensfrohes Mädchen.

Der öffentliche Verkehr ist verhältnismäßig gut ausgebaut. Der Bus fährt etwa zehnmal am Tag. In Cresta gibt es eine Art Grundschule, die von insgesamt 13 Kindern besucht wird. Es gibt zwei Lerngruppen: Kindergarten bis dritte Klasse und die vierte bis sechste Klasse. Die Schule wird von allen Kindern der Familie Menn besucht. Die Schule für die Mittelstufe, die bis zur neunten Klasse reicht, befindet sich in Zillis bei Andeer. In Chur können die Schüler dann die Matura, die dem Abitur entspricht, erlangen. Große Dorffeste gibt es in Juf nicht, jedoch wird der Schweizer Nationalfeiertag am 1. August mit einem gemütlichen Beisammensein am Lagerfeuer und manchmal auch mit einem Feuerwerk gefeiert.

Der Tourismus spielt eine wichtige Rolle. Im Sommer blüht der Tagestourismus durch die vielen Wanderer. Im Winter kommen jede Menge Skifahrer nach Avers. Neben den drei Kilometer entfernten Skipisten in Juppa gibt es sogar in Juf eine Loipe, die bis zum Ende des Tals führt und wieder zurück. In Juf gibt es mehrere Ferienwohnungen und zwei Pensionen, die vor allem im Winter genutzt werden. Auch Familie Menn stellt eine Ferienwohnung zur Verfügung, die etwa ein Zehntel vom Jahreseinkommen einbringt.

Die Familie lebt in einem Holzhaus, das sie erst vor wenigen Jahren gebaut hat. Der Bau dauerte mehr als ein Jahr. Die Wände sind mit Schafswolle gedämmt. Der Bau hat insgesamt 800 000 Franken gekostet, von denen 15 Prozent vom Staat übernommen wurden.

Juf gibt es erst seit 1948 als ganzjährig bewohnte Siedlung, da niemand vorher im Winter aufgrund der enormen Kälte dort bleiben wollte. Davor war das Dorf nur im Sommer von Bauern bewohnt, die den Winter in Juppa verbracht haben. "Mein Vater war der Erste, der auch im Winter hierblieb", sagt Dölf Menn ein bisschen stolz. In der Anfangszeit wurden sogar manchmal die zu verkaufenden Kühe zu Fuß bis nach Mailand gebracht. Die Strecke beträgt etwa 114 Kilometer Luftlinie. Rundherum ragen Berge mit einer Höhe von etwa 3000 Metern hoch. Der größte ist der 3392 Meter hohe Piz Platta, der mindestens vier Stunden Fußmarsch von Juf entfernt ist. Ganz in der Nähe gibt es einen Bergsee, den Fluesee. Er liegt etwa 2600 Meter hoch und ist zwei Stunden Fußweg entfernt. Im Sommer kann man dort sogar baden.

Durch das unwegsame Gelände müssen alle Maschinen, die benötigt werden, hangangepasst und flexibel sein. Das macht sie teuer, was die Familie zusätzlich finanziell belastet. Theres und Dölf Menn sind von dem anstrengenden Leben als Bauern gezeichnet. Aber sie beschweren sich nicht. Theres Menn, eine eher kleine, stattliche, 48 Jahre alte Frau, ist nach Juf hinzugezogen. Sie fuhr früher den Bus, der dorthinfährt, und hat sich gleich in die Landschaft und Dölf verliebt. "Ich mag vor allem die Ruhe und die Natur, die man nirgendwo so intensiv erleben kann wie hier in Juf", merkt sie an. Es gibt nur wenige Dinge, die ihr fehlen. Das ist zum einen der Wald, den sie aus ihrer Heimat in der Nähe von Tillis kennt; denn ab etwa 2000 Meter Höhe wachsen keine Bäume mehr. Zum anderen wohnen ihre Freunde weit weg. Dölf Menn, ein größerer Mann mit lichtem Haar, ist begeistert von allem, was sich in und um Juf befindet. Er mag den Sommer mehr als den Winter, da es im Winter ziemlich kalt werden kann. Vergangenen Winter waren es bis zu minus 31 Grad. "Das Einzige, was mir fehlt, sind noch höhere Berge", bemängelt der Landwirt mit einem Lachen auf den Lippen.

Den Wunsch nach höheren Bergen hat er sich vor neun Jahren erfüllt, als er mit seinem Bruder im Himalaja einen Sechstausender besteigen wollte. Jedoch mussten er und ein Großteil seiner Bergsteigergruppe aus gesundheitlichen Gründen auf einer Höhe von 4500 Metern abbrechen. "Ich sah dort auch die zutiefst erschreckende Armut der einfachen Menschen", sagt er. Als er seinen Kindern davon erzählte, waren sie betroffen und haben sich gemeinsam überlegt, wie man etwas dagegen unternehmen kann. Schließlich haben sie sich entschlossen, farbige Steine, die es rund um Juf gibt, an Touristen zu verkaufen und den Erlös an ein Kinderhilfswerk, das in Nepal tätig ist, zu spenden.

Manchmal stehen die Eltern am Rhein, der in Juf kaum breiter als ein Meter ist, und denken darüber nach, wie klein und sauber er noch ist und wo er überall noch hinführt. Der Rhein verbindet zwei Welten. Zum einen das beschauliche und idyllische Juf und zum anderen dichtbesiedelte Industriestandorte wie das Rhein-Main-Gebiet.

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Dem Himmel so nah
Autor
Philipp Menges
Schule
Friedrich-List-Schule , Wiesbaden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2012, Nr. 201, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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