Alibaba auf Abwegen

Trampeltiere helfen bei Therapien im Schwarzwald
 
Gemächlich tritt der zwölf Jahre alte Selim aus dem Stall auf die weitläufige Koppel hinaus, schaut kurz um sich und trabt, als er seine Halterin Hannelore Dangela-Beuven entdeckt, langsam auf sie zu. Zur Begrüßung pustet die Physiotherapeutin, die ein kariertes Hemd und eine dicke Weste trägt, dem zwei Meter großen Tier kräftig in die Nüstern, was der Wallach durch einen ebenso kräftigen Begrüßungsschnauber erwidert. Allmählich kommen drei weitere asiatische Trampeltiere mit Fell, das einem Flickenteppich ähnelt, aus dem Stall: Suleika, Alibaba und der Jüngste, Hussun.

Was so aussieht wie eine Szene aus 1001 Nacht, spielt sich täglich im Ortsteil Ebnet nahe dem Städtchen Bonndorf im Schwarzwald ab. Hannelore Dangela-Beuvens Söhne arbeiteten in der Freizeit an einem ökopädagogischen Projekt, bei dem sie Elternvorstand war und mit den Tieren in Kontakt kam. "Die Kamele waren mir anfangs zuerst eine Nummer zu groß", gibt sie lachend zu, "aber durch meine Arbeit als Physiotherapeutin habe ich gemerkt, was für eine ruhige Ausstrahlung diese Tiere haben, und so meine Liebe zu Kamelen entdeckt."

Seit zehn Jahren hält die Familie Kamele, die aus Privathaltungen in Bayern und der Schweiz und deutschen Zoos stammen. Neben dem Wohnhaus steht ein geräumiger Stall. Probleme mit dem Klima hätten die Trampeltiere, die in den Steppen Innerasiens beheimatet sind, kaum, sagt die Halterin. "Einzig die Feuchtigkeit vertragen die Kamele nicht so gut, ihr natürlicher Lebensraum liegt immerhin im kontinentalen Klima, bei trockenen minus 40 bis plus 40 Grad Celsius. Die harten Schwarzwaldwinter überstehen die Tiere mühelos." Plötzlich wird sie vom Gebell des Hofhundes Chico unterbrochen. Der Hütehund hat den jungen Kamelhengst Hussun entdeckt, der versucht, die Blätter eines Thuja-Baums, der etwa einen Meter außerhalb des Geheges steht, zu fressen. "Zwar frisst ein Kamel insgesamt weniger als ein Pferd, dennoch muss man es früh erziehen und ihm Grenzen zeigen, sonst frisst es alles, was ihm in den Weg kommt", erklärt die Frau mit dem graumelierten Haar und den freundlichwachsamen Augen, während sie mit einem Rechen versucht, das Kamel von den giftigen Blättern wegzutreiben. Längst hat sie ihr Hobby mit ihrem Beruf kombiniert, denn die Physiotherapeutin mit Spezialgebiet Kinderneurologie nutzt ihre Kamele auch als Therapietiere. Darüber hinaus betreibt sie eine Praxis in Freiburg. Das Reiten auf dem Kamelrücken verursacht eine Bewegung im Becken und Rotation im Rumpf, wie sie auch beim normalen Gehen entstehen. "Dadurch werden falsche Bewegungsformen korrigiert und normale Haltungsmuster hochgefahren, was auch das Gleichgewicht und Rumpf- und Kopfkontrolle positiv beeinflusst", erklärt sie. Das Kamel biete auch für die Therapie von behinderten Kindern Vorteile. "Durch seine langen Schritte wird eine längere Schwingung des Beckens verursacht. Auch kann ich meine Kamele zusammenklappen, so dass die Patienten ungefähr auf Augenhöhe mit den Tieren kommen." Was sie damit meint, wird von Suleika demonstriert: Sie kniet sich zuerst mit den Vorder-, dann mit den Hinterbeinen auf die Wiese.

Dass ihre Kamele neugierig sind, erfuhr die Familie einmal in der Nacht von Fasnachtsdienstag auf Aschermittwoch, da brachen drei Tiere aus, überquerten die Hauptstraße und wurden dabei vom Zeitungsausträger entdeckt. Der informierte die Polizei, die zuerst einen betrunkenen Narren und weniger drei muntere Trampeltiere vermutete. Die schlafenden Besitzer erfuhren vom nächtlichen Ausflug ihrer Tiere erst, als um drei Uhr kurzerhand zwei Polizisten vor der Tür standen und die Kamele friedlich von ihrer Halterin eingefangen werden konnten. "Kamele sind sehr neugierige Tiere. So passiert es immer wieder einmal, dass sie die Tür des Geheges aufbekommen und sich an den Blättern von Apfelbäumen und Efeuranken der Nachbarn bedienen. Zurückgekommen sind sie dabei immer."

 

Informationen zum Beitrag

Titel
Alibaba auf Abwegen
Autor
Stefanie Maier
Schule
Kaufmännische Schulen , Waldshut
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2012, Nr. 201, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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