Mit E-Bass und Mandoline

Im Frankfurter Seniorenorchester sind fast alle Instrumente vertreten, und das Repertoire reicht von Brahms bis zu den Beatles. Das Durchschnittsalter der Musiker liegt bei 78 Jahren, was dem Schwung keinen Abbruch tut.

Musik ist das schönste Hobby, das man haben kann", erklärt Dirigent Rail Grodzenski. Gleich wird die Probe des Frankfurter Seniorenorchesters beginnen. Einige Mitglieder stehen in Grüppchen zusammen und unterhalten sich noch, andere sitzen mit ihren aufgebauten Instrumenten schon auf ihren Plätzen und warten darauf, dass es losgeht. Murmeln erfüllt den Raum des Sozialzentrums Marbachweg. In der weißen Decke sind viele kleine runde Lampen eingelassen, die allesamt nötig sind, um Licht auf die Noten zu werfen.

Nach dem Stimmen spielen sich die 20 Hobby-Musiker mit ihrem Lieblingswalzerpotpourri "Die wunderbaren Jahre" ein. Leider fehlt heute etwa ein Drittel der Senioren, was das Musizieren deutlich erschwert. Wenigstens gibt es einen Bass. "Kein Bass, kein Orchester. Das ist die Grundlage", bemerkt der 63-jährige Dirigent. Er steht mit seinem Dirigentenstock vor dem Notenpult, das Seniorenorchester sitzt im Halbkreis um ihn herum. Rail Grodzenski ist klein, hat einen weiß-grauen Haarkranz und und träg eine randlose Brille. Er blättert in der Partitur für "Schiff ahoi", ein Seemannsliederpotpourri, das geübt werden muss.

Der Dirigent arbeitet schon seit 1994 mit dem Seniorenorchester zusammen. Davor spielte der in Minsk in Weißrussland geborene Musiker etwa 20 Jahre lang als erster Hornist in einem Sinfonieorchester in Russland. Seine Musikausbildung erhielt er zuerst in seiner Heimatstadt, danach an der Musikschule in Moskau. Er zog dann in den Kaukasus, in die Heimatstadt seiner Frau, wo er im Sinfonieorchester und am staatlichen Musiktheater beschäftigt war. Aus Angst vor einem Krieg im Nachbarland Tschetschenien machte er sich mit seiner Familie auf den Weg nach Deutschland, wo er schließlich in Frankfurt ein neues Zuhause fand.

Die Mitglieder des Seniorenorchesters sind darüber sehr glücklich. Die 85-jährige Annemarie Lautschlager ist die Sprecherin des Orchesters und schon seit 23 Jahren dabei. Fast direkt nach ihrer Pensionierung ist die ehemalige Beamtin in das Laienorchester gekommen. Eigentlich hatte sie Klavierspielen gelernt, doch das Klavier war schon besetzt, und so begann sie, sich mit dem Akkordeon zu beschäftigen. Annemarie Lautschlager hat schon vier verschiedene Dirigenten erlebt, doch Herr Grodzenski sei eindeutig der Beste: "Er ist ein wunderbarer Musiker, hat viel Einfühlungsvermögen - gerade für ältere Menschen - und viel Humor. Er ist im gesamten Orchester sehr beliebt." Dem kann Gerhard Biedorf nur zustimmen. Mit 76 Jahren liegt er noch knapp unter dem Durchschnittsalter aller Musiker, das bei 78 Jahren liegt. "Das ist ein absoluter Profi", sagt er. Grodzenski kriege die Leute genau dahin, wo er sie hinhaben will. Auch die Disziplin im Orchester sei vorbildlich. Gerhard Biedorf weiß, wovon er spricht, da er noch Mitglied in zwei Kammerorchestern und einem Unterhaltungsorchester ist.

Seine Aussage bestätigt sich bei der Probe. Die Senioren sitzen konzentriert auf den gepolsterten Stühlen, hören dem Dirigenten aufmerksam zu und reden auch in den Pausen zwischen verschiedenen Liedern kaum. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb herrscht eine entspannte und harmonische, aber durchaus auch lockere Atmosphäre. "Die Besetzung dieses Orchesters ist in Deutschland vermutlich einmalig, es sind fast alle Instrumente vertreten, die es gibt", erklärt der Dirigent. Man findet nicht nur die für Orchester normalen Instrumente wie Streicher, Bläser und Schlagwerk, sondern auch Akkordeons, Mandolinen und sogar E-Gitarre und E-Bass. Diese Besetzung gibt den gespielten Liedern einen besonderen Klang. Der Dirigent muss fast alle Stücke bearbeiten, bevor es für jedes Instrument passende Noten gibt. Aus dem Seemannsliederpotpourri sind viele bekannte Melodien zu hören, wie "Ein Schiff wird kommen" oder "My Bonnie is over the ocean". Jede Instrumentengruppe hat mal die Melodie. Man hört den hohen, hellen Klang der Geigen, die frechen Noten der Saxophone und den etwas gepressten Klang der Akkordeons.

Der Geruch von Kaffee weht in den Raum. Die Senioren proben schon etwa eineinviertel Stunden und beschließen, jetzt ihre halbstündige Pause einzulegen. Einige machen sich auf den Weg ins Foyer und nehmen bei einer Tasse Kaffee Platz an den Tischen und Stühlen, die dort bereitstehen. Andere gehen nach draußen und genießen die Sonne. Es wird viel gelacht.

Der Dirigent sitzt zufrieden zwischen den Senioren. Ursprünglich wollte er in Deutschland weiter als Musiker in einem Sinfonieorchester arbeiten, aber bei einem Alter von 43 Jahren werde man schon gar nicht mehr zum Vorspielen eingeladen, berichtet er. Glücklicherweise half ihm sein in Deutschland anerkanntes Musik-Diplom, verschiedene Dirigentenstellen zu ergattern. Teilweise leitete Rail Grodzenski bis zu sechs Orchester gleichzeitig. Grodzenski empfiehlt allen Menschen, sich mit Musik zu beschäftigen: "Musik hilft im Leben." Mit Musik könne man alle Gefühle ausdrücken, sie fördere das Selbstbewusstsein. "Ein Mensch, der keine klassische Musik versteht, ist wie ein Blinder: Er sieht die Blumen und die Sonne nicht."

Langsam finden sich alle Senioren wieder im Übungsraum ein. Es geht weiter. Grodzenski beschließt aufgrund der schlechten Besetzung, Stücke aus dem Repertoire aufzufrischen: "Ich unterbreche nur, wenn es zu einer Katastrophe kommt." Das Repertoire des Laienorchesters reicht vom "Ungarischen Tanz Nummer 5" von Brahms über "Amazing Grace" zu den größten Beatles-Hits. Alle Stücke aus dem Repertoire kann der Dirigent auswendig, er bewegt sich im Raum zwischen den verschiedenen Stimmen hin und her. Bei "wir spielen Lehár" gibt es Ärger. Der Dirigent klopft mit dem Stock auf sein Notenpult und gibt den Musikern so das Zeichen aufzuhören. "Tenorsaxophone, wo wart ihr?", will er wissen. Die einfache Antwort kommt sofort: "geschlafen."

Besonders die lockere Atmosphäre und der Humor des Dirigenten sind für die Senioren wichtig. Aber natürlich gefällt es ihnen auch gut, mit Gleichaltrigen zu musizieren. Grodzenski lobt besonders das Engagement, mit dem alle bei der Sache sind. Für viele Mitglieder sei die Probe Lebensinhalt: "Ein Montag ist kein Montag, wenn keine Probe ist."

Trotz ihrer großen Motivation beenden die Musiker und der Dirigent die eigentlich dreistündige Probe heute etwas früher als sonst. Die Senioren packen ihre Instrumente ein, wieder bilden sich Grüppchen, man hört Murmeln aus allen Richtungen. An den zufriedenen Gesichtern erkennt man, dass Rail Grodzenski völlig recht hat, wenn er Musik zum schönsten Hobby der Welt erklärt.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Mit E-Bass und Mandoline
Autor
Franziska Klinger
Schule
Otto-Hahn-Schule , Frankfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2012, Nr. 207, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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