Noch einmal würde er nicht mehr pendeln

Wohnen im Siebengebirge, arbeiten in Frankfurt. Nur langsam fällt der Druck von dem Rentner ab.
 
Täglich steht er unter Strom: 200 Kilometer auf der Autobahn, nachts gegen vier Uhr fährt er los zur Arbeit. Er ist Controller bei einer großen Bank in Frankfurt. Die Zahlen hat er bereits während der monotonen Fahrt im Kopf. Kurs, Renditen, Käufe, Verkäufe. So geht es bis zum Januar 2011. Ein besonderer Tag rückt näher. Er ist in den Sechzigern. Ruhestand? Für ihn? Doch der Tag kommt. Plötzlich kein frühes Aufstehen mehr, keine Kilometer auf der Autobahn, keine Kollegen, keine Herausforderungen. Wie schafft ein so eingespannter Mann den Übergang in den Ruhestand? Wie füllt er seine ihm nun zur Verfügung stehende Zeit aus?

Als vor etwa 15 Jahren mal wieder eine Umstrukturierung des Unternehmens anstand, dachte Heinrich Linder, ihn betreffe es nicht. "Ich war ja erst vor drei Jahren für die Tätigkeit in diesem Unternehmen aus dem Ruhrgebiet ins Rheinland gezogen. Damals gab es noch keinerlei Anhaltspunkte, die erst kurz zuvor gegründete Gesellschaft schon wenige Jahre später in das Rhein-Main-Gebiet zu verlegen." Vor dieser langfristigen Perspektive entschied sich Linder damals, sich in dem idyllischen Scheuren am Rande des Siebengebirges niederzulassen. Das Ehepaar Linder kaufte sich ein Haus und renovierte es liebevoll. Die Integration in das Dorfleben gelang mühelos. Dem Wandern, einem seiner liebsten Hobbys, konnte er direkt vor der Haustür nachgehen. Auch zu den Nachbarn schloss das Ehepaar engen Kontakt.

Doch die Umstrukturierung erfasste das ganze Unternehmen und nicht nur Teile, wie zunächst verkündet. Es wurde in die Bankenmetropole Frankfurt am Main verlegt. Nun stand Linder vor der Entscheidung, das ins Herz geschlossene Haus wieder zu verkaufen und in Frankfurt ein neues Domizil zu finden oder das tägliche Pendeln nach Frankfurt in Kauf zu nehmen. "Meine Frau und ich überlegten lange, wägten die Vor- und Nachteile ab und entschieden uns letztendlich dafür, dass ich es mit dem Pendeln versuchen sollte." Die ersten Fahrten waren mühelos: kein Stau, wenig Verkehr, keine Baustellen. Doch wenige Wochen später endeten die Sommerferien; der Verkehr wurde stärker und neue Baustellen wurden eingerichtet. Aber die Entscheidung war gefallen. Von nun an war er täglich auf der A3 und A66 im Pendlerstrom unterwegs. Um nicht in die Staus der Rushhour um Frankfurt zu geraten, entschied sich Linder in Absprache mit der Geschäftsführung, seine Arbeitszeit so zu gestalten, dass er außerhalb der Stoßzeiten unterwegs sein konnte. Das bedeutete für ihn: Aufstehen um 3 Uhr und Abfahrt kurz vor 4 Uhr. Wenn alles gut lief, konnte er um 6 Uhr mit der Arbeit beginnen. Etwa neun Stunden später machte er sich wieder auf den Heimweg, sodass er gegen 18 Uhr wieder im Siebengebirge war.

"Autofahren machte mir immer viel Spaß. Schon in meiner Jugend wartete ich sehnlichst darauf, endlich den Führerschein machen zu dürfen. Als junger Mann habe ich bei der Bundeswehr den Lkw Führerschein gemacht, den ich alle fünf Jahre verlängere, auch wenn ich schon seit Jahren keine großen Trucks mehr fahre." Linder liebt es, auf den Autobahnen unterwegs zu sein. Darum war es für ihn auch kein großes Problem, jeden Morgen früh aufzustehen und viele Stunden auf der Straße zu verbringen. "Neben meiner Tätigkeit als Controller und dem Jonglieren mit Zahlen war das Autofahren immer eine willkommene Ablenkung vom stressigen Beruf."

Auch im Urlaub war Heinrich Linder häufig unterwegs. Fast jedes Jahr fuhren er und seine Frau in die Vereinigten Staaten, um dort verschiedene Regionen mit einen Leihwagen zu erkunden. "Es war nicht ungewöhnlich, wenn wir nach zwei Wochen über 5000 Kilometer zurückgelegt haben. Für mich war es immer wichtig, besonders viel zu sehen und viele Fotos in den Kasten zu bekommen. Dies war Erholung für mich, dachte ich." Neben dem Wandern ist das Fotografieren eines seiner größten Hobbys. Bei Festen oder Ausflügen ist seine Spiegelreflexkamera ein treuer Begleiter. Ohne sie fällt es Heinrich Linder merklich schwer, aus dem Haus zu gehen. Während der vielen Jahre auf dem Weg zur Arbeitsstelle mussten natürlich auch viele widrige Umstände umschifft werden. Sei es ein überraschender Wintereinbruch, der schnell zu stundenlangen Staus führen konnte, Lkw-Unfälle, die Totalsperrungen verursachten, und Dauerbaustellen, die nervenaufreibendes Stop and Go mit sich brachten. Durch die Staus lernte Linder alle Schleichwege durch den Westerwald und Taunus kennen. Vor jeder Heimfahrt war der prüfende Blick auf die Staumeldungen im Internet die Regel. Trotz aller Routine und stoischer Ruhe brachten ihn Defekte seines stark strapazierten Wagens zur Weißglut.

Jedes zweite Jahr musste er sich einen neuen Wagen anschaffen. Ein Diesel musste es sein, möglichst schnell und bequem. Hier kam ein weiteres Faible von Herrn Linder zum Ausdruck: Er liebt italienische Autos. So fuhr er Wagen der verschiedensten Marken, wie Lancia, Fiat oder Alfa Romeo. Die Autos wurden mittels Chiptuning PS-stärker gemacht, um ein möglichst sportliches Fahrgefühl zu erhalten.

Freunde, Nachbarn und Verwandte hörten kopfschüttelnd den Erzählungen über den langen Weg zur Arbeit zu. Verständnisvoll reagierten wenige. Einige hielten es für verrückt, andere fragten sich, wie man eine solche Belastung aushält. Linder reagierte immer abwiegelnd mit der Begründung: "Ich fahre halt gerne Auto. Lkw-Fahrer wäre mein zweiter Berufswunsch gewesen." Vor wenigen Wochen, bei einem Treffen mit Freunden, verkündete Linder unerwartet: "Ich kann gar nicht verstehen, wie ich es geschafft habe, die ganzen Jahre täglich nach Frankfurt zu fahren. Erst jetzt bemerke ich, wie belastend die Situation doch für mich war." Dies wurde ihm erst nach etwa einem Jahr im Ruhestand deutlich. Zunächst fehlten ihm die Kollegen und der tägliche Austausch.

Es dauerte eine Weile, bis er loslassen konnte. Endlich hat er wieder Zeit für Sport und seine geliebten Wanderungen zusammen mit seiner Frau. In den ersten Monaten des Ruhestands arbeitete er liegengebliebene Dinge auf. Er katalogisierte Bilder, ordnete Akten neu. Täglich informierte er sich intensiv über das Börsengeschehen und die Wirtschaftslage, wie er es auch in Zeiten seiner Berufstätigkeit gemacht hat. In fast jedem Gespräch war seine frühere Arbeit Thema. Langsam, sehr langsam kam er mit dem Gedanken, nun für immer zu Hause zu sein, zurecht. Je mehr er den Ruhestand akzeptierte, desto zufriedener fühlte er sich.

Paradoxerweise fährt Heinrich Linder heute keine weiten Strecken mehr. Jetzt im Ruhestand, wo er die Zeit dafür hätte, macht er keine weiten Urlaubsreisen mehr. Jede weite Autoreise ist ihm ein Greuel. Er genießt sein Haus und den beschaulichen Garten. Heute sind ihm Feste und Zusammentreffen mit Freunden und Nachbarn wichtig, denn dafür hatte er früher nur selten Zeit. "Das Autofahren gehörte zu meinem Job, und das ist mir erst jetzt bewusst geworden. Im Nachhinein betrachtet, hat es mich zu viel Zeit gekostet. Ob ich es noch einmal machen würde, kann ich nicht sagen."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Noch einmal würde er nicht mehr pendeln
Autor
Johannes Reichert
Schule
Martinus-Gymnasium , Linz
Quelle
FrankfurterFrankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2012, Nr. 207, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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