Startbahn ins Leben

Philipp kämpft sich ins Leben mit einer schweren Behinderung. Auf einer berufsvorbereitenden Schule lernt er, weniger impulsiv zu reagieren. Philipp lächelt, als er eine mit getrockneten Erbsen voll gefüllte Plastikflasche an seinem Ohr schüttelt. Ein staunender Gesichtsausdruck unterstreicht seine Freude. Sein Mund ist leicht geöffnet, die Augen sind weit aufgerissen. In diesem Augenblick kann er unberechenbare Bewegungen, wie heftiges Kopfschütteln, unterdrücken. Der Schüler (dessen Name geändert ist) der berufsvorbereitenden Schule Startbahn in Fulda leidet an einer schweren Form der Mikrozephalie. Hierbei weisen der Kopf und das Gehirn genetisch eine zu geringe Größe auf, woraus eine geistige Behinderung resultiert. Sein Kopf ist ab der Stirn extrem abgeflacht, dies wird aber durch seine schwarzen, wuscheligen Haare verdeckt. Besonders die Gehirnregionen des Frontallappens und Parietallappens, zuständig für Bewegungen, sind betroffen. Als Philipp das Rasseln der Erbsen wahrnimmt, stößt er stöhnende, grölende und unterbrochene, abgehackte, zischende Laute aus. Er kann nur einfache Worte wie "Mama" aussprechen, allerdings versteht er Gespräche in seinem Umfeld. Im Hintergrund ist das Lied die Vogelhochzeit zu hören. Die harmonischen Klänge sollen den 16-Jährigen beruhigen. Während er die Plastikflasche in der linken Hand hält, rotiert sein rechter Unterarm vor dem Oberkörper. Schon von Geburt an erschweren ihm motorisch schwer kontrollierbare Bewegungen wie Armrotieren und auch Speichelfluss das Leben. Hirnimpulse lösen diese Beeinträchtigungen aus. Plötzlich wirft er die Flasche auf den Boden. Als Reaktion auf den dumpfen Aufprall schüttelt er verwundert und heftig den Kopf. Er hebt die Flasche mit Hilfe seines Klassenlehrers Jürgen Göller auf. Förderschwerpunkt für Philipp ist die Verbesserung seiner Bewegungskoordinierung. Um Philipp zu beruhigen, flüstert der 33-Jährige ihm wohlklingende und vertraute Begriffe wie "Mama" oder "Wasser" ins Ohr. Aus Zuneigung und Freude legt Philipp seine Hände auf Göllers Schulter, streckt sich zu ihm hoch und lächelt. Göller freut sich über Fortschritte: "Im Vergleich zu Beginn seiner Schulzeit vor einem halben Jahr zeigt Philipp deutliche Versuche, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, zum Beispiel in Form von Tasten. Allerdings neigt er zu heftiger und unvermittelter Autoaggression, wodurch er sich schon mehrere Nasenfrakturen zugezogen hat." Stresssituationen und Anspannungen, die für Beobachter als solche nicht sofort erkennbar sind, verstärken Philipps impulsives Verhalten. Auch mehrere unbekannte Personen, die sich im gleichen Raum befinden, können sein autoaggressives Verhalten intensivieren, so dass er sich beispielsweise mit der Faust in sein Gesicht schlägt oder sich heftig mit dem Finger in sein Auge sticht. Jürgen Göller stellt gemeinsam mit dem jungen Mann die Flasche auf den Tisch. Er hält ihm ein vibrierendes Massagegerät an sein Ohr. Sofort greift Philipp mit beiden Händen nach dem 30 Zentimeter langen, grauen Gerät, das einer Duschbrause ähnelt. Er grinst übers ganze Gesicht. Überrascht, dass das Gerät auch wärmt, atmet er geräuschvoll durch den Mund ein. "Bei Philipp wirken brummende Geräusche stimulierend, besonders dieses Massagegerät oder ein Föhn faszinieren ihn", erklärt Jürgen Göller. Außerdem verbessert sich Philipps Orientierungssinn in der Klasse. Weil er das Geräusch von Wasser genauso liebt wie das brummende Massagegerät, steht er eigenständig auf und öffnet den Wasserhahn im Klassenzimmer. Er lauscht auf das Plätschern und hält seine Hand unter das Wasser. Philipps Empfindsamkeit soll auch in anderen Bereichen des Körpers gestärkt werden. Daher steht freitags Sportunterricht auf seinem Stundenplan. Dieser findet in einer durch das einfallende Tageslicht hellen Turnhalle statt. Dort kann er mit Hilfe Jürgen Göllers Hindernisse übersteigen. Die einen Meter lange Querstange der Hürde befindet sich 15 Zentimeter über dem rutschsicheren Linoleumboden. Philipp übersteigt das Hindernis erst erfolgreich, wenn er auch durch seinen Blick nachvollzieht, warum er den Fuß heben soll. Diese Übungen wirken sich ebenfalls positiv auf den Gleichgewichtssinn aus. Hierdurch ist er mittlerweile in der Lage, durch gezielte Hilfe wie Handführung nach Trinkbechern zu greifen und sie am Esstisch auch für seine sechs Mitschüler in der Klasse hinzustellen. Sein Frühstück kann er selbständig mit den Händen essen, wenn sein Käsebrot in mundgerechte Stücke geschnitten wird. Eine Serviette verhindert Flecken auf seinem hellgrauen Pullover. Unvermittelt steht er jedoch von seinem Stuhl beim Frühstück auf und hat den Drang wegzulaufen. Zur Beschäftigung drückt er dann ununterbrochen den Lichtschalter neben der Tür mit der rechten Hand. Die linke Hand verdeckt seinen Mund, als ob er gähnen müsste. Jürgen Göller begleitet ihn schließlich zu seinem Frühstücksplatz zurück, in dem er ihn an der Hand führt. Da Philipp aufgrund solchen Verhaltens und der Verletzungsgefahr ständige Betreuung braucht, wohnt er seit einem Jahr in einer Wohngemeinschaft. Philipp schläft in einem Einzelzimmer, damit er zur Ruhe kommt. Zur Schule und zurück in die Wohngemeinschaft geht er mit Mitschülern und seiner Betreuungsperson zu Fuß. Um zwölf Uhr mittags nach Schulende läuft er an der frischen Luft zurück zu seiner Wohngruppe. Jedes zweite Wochenende holen ihn seine Eltern ab und verbringen Zeit mit ihm. Er geht dann sehr gerne mit seiner Familie in der Natur spazieren. Für die Zukunft wünscht sich seine Familie das Wohlergehen und die Integration ihres Sohnes in sein soziales Umfeld. "In den kommenden zweieinhalb Jahren Schulzeit in der Startbahn soll sich der Schüler sozial integrieren", sagt die 28-jährige Schulleiterin Lysann Elze. "Ausgehend von seinen Stärken suchen wir für ihn einen passenden Arbeitsplatz." Durch Fördermaßnahmen, wie das Üben, zu kehren oder Becher zu holen, kann er einer Arbeit nachgehen. Eine Zukunftsperspektive bietet zum Beispiel ein Arbeitsplatz in dem Café namens Tagwerk, eine wie die Startbahn zum Fuldaer Antoniusheim gehörende Einrichtung. Die Startbahn gibt Impulse, Philipp zu Ausdauer zu verhelfen und Verbesserungen im Bewegungsablauf zu fördern. Jede Greifübung mit der mit Erbsen befüllten Plastikflasche fördert Philipps Motorik und begünstigt die Empfindsamkeit, das Rasseln wahrzunehmen. So geht er selbst die ersten Schritte auf der Startbahn in ein möglichst selbständiges Leben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Startbahn ins Leben
Autor
Julia Benzel, Marienschule, Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2010, Nr. 196 / Seite N6
Projekt
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