Mehr als Geschmiere

Also für mich ist Graffiti ganz klar Kunst. Was wir Sprayer mit den Sprühdosen erschaffen, ist mehr als nur planloses Geschmiere, es erfordert viel Übung und Talent. Außerdem prägen die bunten Schriftzüge auch das urbane Erscheinungsbild", stellt Simon (Name geändert) klar. Der 19-jährige Gymnasiast aus München ist seit sechs Jahren in der Graffiti-Szene aktiv und reist durch die Städte, um seine "Styles", also den Stil seines Schriftzuges, zu verbreiten.

"Wenn man einmal mit dem Sprühen angefangen hat, ist es wie eine Sucht, du kannst einfach nicht mehr aufhören. Am Anfang ist es zwar schwer, in der Szene aufgenommen zu werden, weil man noch nicht viel gemalt hat und keine Praxis hat. Diese ersten Bilder, die in der Anfangsphase entstehen, sind dann auch die, die oft von der Gesellschaft als Geschmiere bezeichnet werden. Man malt einfach immer und überall planlos seinen Namen hin, ohne Übung lernt man es halt einfach nicht", erklärt er freimütig. Anfangs sei er nachts mit Freunden losgezogen, um an Bahnsteigen oder Gleisen zu sprühen, meistens nur am Wochenende.

Mittlerweile hat er mit drei Freunden seine eigene Crew. "Oft malen wir zusammen große Pieces, alleine rauszugehen ist immer schwer, es ist gut, wenn jemand spottet und aufpasst, dass wir nicht erwischt werden", erklärt er und blickt auf seine bunten Nike Air Max Schuhe, die mit Farbflecken beschmutzt sind.

Graffiti, wie wir es heute kennen, hat seinen Ursprung in New York Ende der sechziger Jahre. Es gilt neben Djing, Rap und Breakdance als eines der vier Elemente der HipHop-Kultur. Das Graffiti-Writing wurde benutzt, um den Namen der Gang sichtbar auf öffentliche Flächen zu schreiben und so das eigene Revier zu markieren. "Graffiti und alles, was damit zu tun hat, die Leute, die Musik, die Parties, sind nicht nur ein Hobby, für mich ist es eher eine Lebenseinstellung", sagt Simon. In den Ferien reist er durch die Metropolen Europas, um seine Styles anzubringen. Mit dem Interrail Ticket für etwa 500 Euro ist er dieses Jahr nach Amsterdam, Mailand, Paris, Wien und Barcelona gefahren.

Wegen der Übernachtung muss er sich nie Sorgen machen. "Über Freunde lernt man dann ganz leicht andere Maler kennen, in fremden Städten geht man dann zusammen malen und lernt die Szene kennen. Natürlich gibt es auch andere Gangs, mit denen man sich nicht versteht. Was überhaupt nicht geht, ist, wenn andere Styles gecrosst werden, das heißt, eine andere Person über ein bereits bestehendes Graffiti sprüht, dann kann es schon mal zu richtigem Ärger kommen."

In Deutschland wird Graffiti strafrechtlich als Sachbeschädigung gesehen und mit Geldstrafen oder Freiheitsentzug bis zu drei Jahren geahndet. "Wir Sprüher sind uns alle im Klaren, dass unser Schaffen illegal ist. Aber das macht auch den Reiz aus. Du musst schnell malen, um nicht entdeckt zu werden." Der Zusammenhalt der Crew sei groß, werde einer erwischt, verrate er die anderen nicht und gebe sich als allein schuldig aus. "Auch ich wurde schon zweimal erwischt, beide Male musste ich Sozialstunden absolvieren, aber ins Gefängnis musste ich noch nie. Meine Eltern haben danach auch ganz schön auf mich eingeredet, wieso ich das überhaupt alles mach', ob ich mir kein anderes Hobby suchen will und dass ich mir doch damit nur meine Zukunft verbaue." Natürlich habe er Verständnis für diese Sorgen, aber Rücksicht nehmen wolle er trotzdem nicht. Zum Geburtstag hat er seiner Mutter eine mit der Sprühdose bemalte Leinwand geschenkt. "Da erkannte sogar sie mein künstlerisches Talent. Wenn ich nächstes Jahr mein Abitur gemacht habe, möchte ich mich auch auf jeden Fall malerisch weiterbilden, Mediendesign zu studieren würde mir Spaß machen."

Eine Farbdose kostet vier Euro. Manche Sprayer verbrauchten in der Woche rund 20 Dosen und gingen dann in den Baumarkt zum Klauen. Schon ist man bei der nächsten Straftat. Besonders die Bahn AG leidet unter den Gemälden der Jugendlichen. Horst Heber ist Bahnpolizist bei der S-Bahn München. Der 29-Jährige ist schon oft mit Sprühern aneinandergeraten. "Die Graffiti-Sprayer sind eigentlich unsere größte Plage. Überall, an jeder Haltestelle, an der ein Zug abgestellt wird, muss auch ein Kollege stehen, um den Zug zu bewachen. Hauptsächlich um die Sachbeschädigung durch das Bemalen der Züge zu verhindern. Wir Bahnpolizisten sind also sozusagen die Gegner der Sprayer. Fasst man einen der Jugendlichen, werden diese oft aggressiv und greifen uns an, dann haben wir aber schon Polizeibeamte alarmiert, die dann die Straftäter abführen."

Für die Beseitigung der Graffiti zahlt die Bahn jährlich Beträge in Millionenhöhe. Kameraüberwachung und Wachdienste sollen die illegalen Künstler abschrecken, Speziallacke und Anti-Graffiti-Beschichtungen das Reinigen erleichtern. "Trotz der Prävention glaube ich nicht, dass dadurch das Problem komplett behoben ist. Aber es stellt zumindest eine Hürde dar, besonders Neueinsteiger werden dadurch verunsichert."

Simon kann darüber nur lachen. Natürlich sei es kein Kinderspiel, unerkannt an die Züge zu gelangen, aber nach einiger Zeit durchschaue man das System und sei immer einen Schritt voraus. "Wegen solcher Maßnahmen werde ich nicht mit dem Malen aufhören. Familie, Kinder oder eine feste Arbeit sind da schon eher ein Grund. Irgendwann wird man zu alt, ich will ja nicht noch mit 35 an Bahnhöfen sitzen und warten, bis unsere bemalten Züge einfahren, um sie zu fotografieren, und mich freuen, was man in der Nacht davor erschaffen hat." Noch könne er sich nicht vorstellen, ohne Graffiti zu leben. "Der Kick, den man beim Sprühen hat, ist unvergleichbar."

Informationen zum Beitrag

Titel
Mehr als Geschmiere
Autor
Lorenz Ulmer
Schule
Elsa-Brandström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2012, Nr. 213, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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