Gezielt verfilzt

Laute Bassklänge dringen bis auf den Flur. Die "Toten Hosen" sind beinahe bis zum Anschlag aufgedreht. Die Regale quellen über von alten, zerlesenen Zeitschriften und Kartons voller Krimskrams. Auf dem Bett steht eine Sporttasche, in die Jannis Kiefer seine Wäsche wirft. Am nächsten Tag fährt er nach Leipzig zu Freundin Lena. Das Auffälligste an seinem Zimmer ist allerdings die Tür, die mit Postkarten, Fotos und Andenken an Festivals und Partys tapeziert ist. Manche Fotos zeigen den heute 22-Jährigen lächelnd mit Freunden und mit dem Kopf voller schwarzer, dicker Dreadlocks. Mittlerweile ist sein Haar kurz geschoren, dunkle Bartschatten bedecken das Kinn. Jannis studiert Screen Based Media in Berlin.

Versonnen erinnert sich Jannis: "Das ist schon eine ganze Weile her." Das war 2007. Einige Jungs aus seinem Freiburger Freundeskreis hatten sich schon getraut und Dreads machen lassen. "Als meine Haare die richtige Länge hatten, habe ich es einfach mal gemacht." Ein Friseur war schnell gefunden, denn die Schwester seines besten Freundes erklärte sich bereit, einen ganzen Tag für das aufwendige Styling zur Verfügung zu stellen. Volle acht Stunden dauerte die Prozedur, bei der in Kleinstarbeit die Haare strähnenweise abgeteilt und beispielsweise durch Toupieren verfilzt werden. Die ersten Monate muss Durchhaltevermögen gezeigt werden, denn die frischen Dreadlocks sollten nicht zu oft oder am besten gar nicht gewaschen werden, um zu verhindern, dass sich die Spitzen wieder auflösen. Durch die seltene Haarwäsche kann es aber zu Begleiterscheinungen wie starker Schuppenbildung und juckender Kopfhaut kommen, "was ganz schön auf die Nerven gehen kann", wie Jannis weiß.

Doch nicht nur Juckreiz kann die Dread-Frisur auf die Probe stellen, sondern auch die Reaktionen der anderen. Familie, Freunde, Lehrer, aber auch Kinder und ältere Menschen auf der Straße sprachen Jannis in einer Mischung aus Unverständnis und Faszination an. Einmal blieb ein etwa fünfjähriges Mädchen mit seiner Mutter vor ihm stehen und rief: "Mama, guck mal, der hat Spinnenbeine auf dem Kopf!" Da musste er selbst herzlich lachen: Die rauhe Struktur der Dreads fühlt sich tatsächlich etwa so an wie das Bein einer Vogelspinne.

Auch beim Ausgehen am Wochenende blieb Jannis nicht vor Neugierigen verschont, er wurde oft von umherziehenden Partygrüppchen angesprochen und gefragt, ob er nicht Haschisch zu verkaufen habe. Das Vorurteil, dass alle, die Dreadlocks tragen, gleichzeitig auch Drogen nehmen, stört ihn sehr. Er glaubt, dass vor allem Bob Marley dieses Bild geprägt hat, da er wohl mit Abstand der bekannteste "Dread-Head" ist. Dabei dürfe man nicht vergessen, dass Marley der Rastafari-Religion angehörte, die Dreads als Ausdruck ihrer Religion tragen. Daher werden Haarsträhnen auch "Rastas" genannt. "Außerdem wird uns oft nachgesagt, dass wir nur Reggae hörten und eine alternative Lebenseinstellung hätten", sagt Jannis. Ursprünglich waren Dreadlocks tatsächlich Merkmal einer bestimmten politischen Einstellung, da Afroamerikaner damit gegen Unterdrückung und das weiße Schönheitsideal protestierten. Jannis gibt zu, dass an manchen Gerüchten durchaus etwas Wahres dran sein kann. Das findet er gar nicht schlecht, denn "dadurch weiß man sofort, dass die anderen Dread-Heads ähnlich ticken".

Dabei fällt ihm ein unvergessliches Erlebnis ein. Er berichtet, wie er in Finnland einen Freund besuchte und eines Nachts noch unterwegs war. Um 3 Uhr stand er mit Bekannten auf einem großen Platz, als plötzlich ein dunkelhäutiger Rastamann auf ihn zu kam, breit lächelte, Jannis "wie einen alten Freund" begrüßte und ihn einlud, hinter der nächsten Ecke einen Joint zu rauchen. In seiner zweijährigen Dread-Phase ist ihm auch extreme Ablehnung begegnet. Zu der Zeit arbeitete er mehrmals in der Woche an einer Tankstelle. Sein Chef war ein älterer Mann, der für seine konservative Einstellung bekannt war. Als Jannis eines Tages mit Dreadlocks ankam, kündigte ihm sein Arbeitgeber. Ein Kollege wurde beauftragt, ihm mitzuteilen, dass der Chef Jannis mit seiner Dread-Frisur für wild und rebellisch halte und deswegen loswerden wolle. Dem Job hat er nicht nachgetrauert, denn er hat daraufhin schnell eine andere Anstellung gefunden. Am meisten hat er sich darüber geärgert, dass sein Vorgesetzter zudem noch zu feige war, ihm die Kündigung persönlich zu überbringen. Er grinst: "Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dort nicht mehr zu arbeiten."

Etwas über zwei Jahre trug Jannis seine Dreads, aber mit der Zeit hat er gemerkt, dass sie doch unerwartet viel Arbeit machen. Außerdem muss man bei der Pflege sehr vorsichtig sein, damit die Haare gleichmäßig verfilzen. Obwohl Jannis' Rastas weder von Schimmel noch von Läusen befallen waren, entschloss er sich kurzfristig zum Abschneiden. Danach war er "irgendwie erleichtert", da mit den Dreads auch ein großes Gewicht von seinem Kopf abfiel. Trotz allem bereut der Student nicht, es damals gewagt zu haben, den Frisurentrend in seinem Freundeskreis mitzumachen, und betont, er würde es wieder genauso machen. Und obwohl er nun keine Dreadlocks mehr trägt, versichert er feierlich: "Im Herzen werde ich immer ein Dread-Head bleiben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Gezielt verfilzt
Autor
Helena Häußler
Schule
Buigen-Gymnasium , Herbrechtingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2012, Nr. 213, S. N6
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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